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Das große ABC der Beziehungsformen

Polygamie und Co.

Monogam, seriell monogam, polygyn, polyandrisch, polygyandrin, polyamor. Oder doch lieber eine Ehe auf Zeit? Das ist wie in einem Kaufhaus, in dem wir vor lauter Angeboten nicht mehr wissen, was wir eigentlich wirklich wollen. So viele Möglichkeiten, da kann einem fast schwindelig werden. Was sind wir denn nun und was wollen wir sein? Es gibt eine Menge Menschen, die sich mit diesen Fragen intensiv beschäftigen. Und immer wieder gibt es neue Erkenntnisse. Und neue Fragen.

  •  Monogamie
  •  Serielle Monogamie
  •  Polyamorie
  •  Polygamie
  •  Gynäogamie/ Androgamie
  •  Genussehe
  •  Minglegamie

Sind arrangierte Ehen besser als auf Verliebtheit basierende Ehen? Und wer zum Teufel hat die Hosen an? Er oder sie? Ist das Patriarchat, die männliche Vorherrschaft, natürlich? Oder vielmehr das Matriarchat? Immerhin sind es doch die Frauen, die gebären und das Fortbestehen der Menschheit damit sichern. Zumindest war das bisher so.
Was ist mit offiziellen Geliebten? Die Hetäre im alten Griechenland, die Mätresse in der Zeit des Absolutismus oder die typische Geliebte der deutschen Nachkriegszeit?

Schauen wir doch einmal, was es heute so alles gibt. Minnesang und ähnliches lasse ich lieber raus. Sonst wird die Liste endlos.

Monogamie

Zwei Menschen auf ewig miteinander verbunden. Das ist das christliche Ideal der großen Liebe, die durch Zeit und Raum Bestand hat, bis dass der Tod sie scheidet. Ob nun mit oder ohne Trauring. Und vor allem ohne Seitensprünge und Affären. Wenn wir uns umschauen, finden wir allerdings immer weniger Paare, die das schaffen. Von diesen wenigen hören wir zuweilen, dass sie immer noch glücklich miteinander sind. Das ist so wunderbar und entspricht voll und ganz unseren Vorstellungen von einer glücklichen Beziehung. Von den dunklen Tiefen, durch die sich auch diese Paare manövriert haben, sprechen wir nicht.

Von anderen Lebenszeitpaaren hören wir hingegen, dass sie sich längst getrennt hätten, gäbe es keine Kinder, befürchteten sie keine finanziellen oder anderweitigen Schwierigkeiten. Man bleibt eben zusammen. „Soll ich mir jetzt noch einen anderen suchen?“ Aber ist das die Monogamie, die wir uns wünschen? Nein, natürlich nicht. Außerdem suchen wir ja auch nicht nur die geistige Liebe. Unsere soll doch bitte bis an das Lebensende von Leidenschaft geprägt sein. Mit weniger geben wir uns nicht zufrieden.

Serielle Monogamie

Monogam? Ja bitte. Aber nicht ein ganzes Leben lang mit demselben Partner oder derselben Partnerin. Wir träumen zwar davon, aber wir schaffen es nicht. Denn das wäre auf Dauer langweilig in einem Leben, in dem wir immer wieder nach neuen Abenteuern und Herausforderungen suchen. Außerdem wollen wir ja nicht so enden, wie die unglücklichen oder gleichgültigen Lebenszeitpaare. Auch immer mehr ältere Menschen haben heute bereits die eine oder andere Ehe und Liebschaft hinter sich - von den Jüngeren ganz zu schweigen. Die binden sich zwar schon recht früh ganz fest an einen Partner oder eine Partnerin. Aber auch nur solange, bis der Ofen aus ist und der oder die Nächste kommt.

In dieser innigen Zeit des Zusammenseins ist absolute Treue meist oberstes Gebot. Romantik ist gefragt. Und das Ja-Wort. Monogame Beziehungen wie Perlen auf einer Schnur hintereinander aufgereiht. Das Statstische Bundesamt vermeldet dazu einen Anstieg an Vermählungen. Und auf der anderen Seite einen Anstieg an Scheidungen. Gute Zeiten für Hochzeitsplaner und Scheidungsanwälte.

Polyamorie

Wer gern mehrere Menschen auf einmal lieben möchte, kann sich heute auch für die Polyamorie entscheiden. Hierbei sind mehrere Männer mit mehreren Frauen in Liebe verbunden. Alle zusammen können allerdings (noch) nicht heiraten. Das geht weiterhin nur paarweise.

Wer nun glaubt, hier gehe es einzig um Sex, den oder die darf ich eines Besseren belehren. Nicht die Triebe stehen im Vordergrund, sondern Liebe, Verbindlichkeit und Vertrauen. Ähnlich wie in der monogamen Beziehung. Aber Sex ist natürlich nicht ausgeschlossen. Die Nebenlieben sollten in der Hauptbeziehung bekannt und genehmigt sein. Denn sonst wäre es ja keine Polyamorie, sondern nur eine Affäre oder Liebschaft. Das wiederum ist in der Gesellschaft negativ besetzt, während Polyamorie sich eher nach Weltoffenheit und Toleranz anhört. Cool, oder?! Finanziell ausschlachten lässt sich diese Beziehungsform bisher eher nicht. Keine Hochzeiten, keine Scheidungen. Keine gegenseitigen Rentenansprüche.

Polygamie

Hier wird es kompliziert. Wer polygam leben möchte, müsste mehrere Partner oder Partnerinnen gleichzeitig heiraten. Das allerdings ist in Deutschland verboten. Wenn mehr als ein Trauring ausgetauscht wird, merkt der Gesetzgeber auf. Verheiratet sein durften hier bisher nur zwei gegengeschlechtliche Menschen zur selben Zeit. Seit 2017 steht die Ehe nun auch gleichgeschlechtlichen Menschen offen.

Aber mehrere Menschen gleichzeitig? Auf keinen Fall. Polyamor können Sie machen, was Sie wollen. Polygam nicht. Liebt ein Mann also zwei Frauen gleichzeitig, muss er sich entscheiden. Oder andersherum. Rechtlich gesehen sind dann nur immer die Kinder und die Partnerin aus der Ehe abgesichert. Zumindest verstehe ich das so.
Laut dem Oxford Handbook of Evolutionary Psychology von 2007 sind übrigens über 80 Prozent aller menschlichen Gesellschaften polygam. Wobei polygam nicht gleich polygam ist. Denn hier gibt es durchaus noch verschiedene Unterkonzepte:

  • Bigamie: Bigamist oder Bigamistin werden Sie, sobald Sie zu Ihrer bereits bestehenden Ehe eine weitere eingehen. Was in der westlichen Welt verboten ist, gehört andernorts zum guten gesellschaftlichen Ton.
  • Polygynie: Davon träumt so mancher Mann. Leben und lieben wie die Sultane in den Geschichten aus dem alten Orient! Ein ganzer Harem voller toller Frauen! Und haufenweise Nachwuchs. Diese Form ist wohl die am häufigsten praktizierte Polygamie. Im Islam ist allerdings bei vier Ehefrauen Schluss. Und die müssen auch alle erst einmal versorgt werden, wirtschaftlich wie auch sexuell. Das sollten Sie beim Träumen nicht vergessen.
  • Polyandrie: Das männliche Pendant zum Harem. Eine Frau mit mehreren Männern. Diese Form scheint dann wichtig zu sein, wenn es umgekehrt darum geht, den Nachwuchs zu begrenzen.
  • Polygyandrie: Die Gruppenehe wäre etwas für die Polyamoren unter Euch, die alles gern rechtlich absichern. Mehrere Männer können mit mehreren Frauen verheiratet sein. Dieses Konzept finden wir heute bei fundamentalistischen Mormonen. Offiziell ist sie dort natürlich verboten.

Gynäogamie/ Androgamie

Diese Formen kennen Sie vermutlich noch nicht. Bei der Gynäogamie übernimmt eine kinderlose Frau den Part des Ehemannes. Also zwei Frauen miteinander. Ohne Sex allerdings, für diesen gibt es wiederum Liebhaber. Die Kinder aus den Außenverhältnissen werden als eheliche angesehen. Diese Form findet sich in manchen afrikanischen Gesellschaften.

Vielleicht wäre das auch eine Idee für uns. Frauen, die sich unbedingt Kinder wünschen, aber keinen Partner dazu haben wollen oder keinen passenden finden, tun sich zusammen und gründen diese Form der Familie. Und Sex gibt es dann eben außerhalb. Das kennen wir ja schon aus so manch vorgeblich monogamer Ehe. Wenn zwei Männer aus nicht sexuellen Gründen heiraten, spricht man von Androgamie.

Genussehe

Diese Konzeption ist eine islamische Besonderheit, die vor allem im Iran praktiziert wird. Sie ist eine Ehe auf Zeit. Ein verheirateter Mann kann zusätzlich zu seiner bestehenden Ehe nacheinander unendlich viele befristete Eheverträge abschließen. Wenn die eigentliche Ehefrau keine Lust auf Sex hat, bestimmte erotische Praktiken ablehnt oder der Ehemann sich nicht zu ihr hingezogen fühlt, sucht er sich einfach eine andere. Darüber reden muss er auch nicht.

Die Dauer der Genussehe wird vertraglich festgelegt und kann zwischen 30 Minuten und 99 Jahren liegen. Interessanterweise wird diese neue Ehefrau bezahlt. Na, klingelt es? Ja, bei uns geht das auch, aber ohne Vertrag und dann nennen wir das Prostitution. Genauso wird die Genussehe von islamischen Feministinnen auch betrachtet. Da die iranische Gesellschaft aber streng patriarchalisch geordnet ist, also die Männer das Sagen haben, wird sich an dieser Praxis so schnell wohl nichts ändern.

Minglegamie

Ha, jetzt habe ich Sie ertappt. Sie können sich nicht entscheiden, wollen aber auch nicht auf Sex verzichten. Was liegt da näher, als mit einem guten Freund oder einer guten Freundin Sex zu haben? Sie sind nicht wirklich zusammen, also passt das gar nicht in diese Liste. Aber man ist auch nicht ganz allein und irgendwie ist das schon so eine Art Beziehung. Angeblich können sich 29 % der Deutschen eine solche Geschichte vorstellen. Das kann ich mir nun wieder nicht vorstellen. Aber wer weiß, wer da wo da befragt wurde.

So, und für welche Beziehungsform entscheidet Sie sich?

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Quelle: Polygamie & WELT

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