Keine Lust auf Sex: Überfluss macht lustlos

Darauf stehen wir (Frauen) wirklich im Bett

Das ist so typisch: Wir wollen immer gerade das haben, was wir nicht bekommen. Und das, was uns im Überfluss zur Verfügung steht, wollen wir nicht. Wer kennt es nicht...

Früher wurden Süßigkeiten bei uns zuhause streng reglementiert. Wenn es Schokolade im Angebot gab, kaufte mein Vater gleich einen ganzen Stapel verschiedener Sorten. Er zeigte ihn uns und wir alle lachten herzlich über diesen maßlosen Einkauf. Anschließend verschwand dieser Stapel allerdings und wurde zu einem Schlaraffenland hinter einer verschlossenen Tür im Wohnzimmerschrank.

Meine Gedanken kreisten unentwegt um diesen bunten Stapel, der für mich unerreichbar war. Bei meiner besten Freundin hingegen gab es eine stets gut gefüllte und vor allem offene Schublade mit Süßigkeiten und Chips. Frei verfügbar! Ratet mal, was meine Freundin darüber dachte. Genau, sie war daran nicht interessiert. Sie hätte gedurft, wollte aber nicht. Ich hingegen durfte nicht, hätte aber nichts lieber gehabt. Und was hat das jetzt mit Lust und Liebe zu tun? Ich verrate es Ihnen!

Wir wollen immer die, die uns nicht wollen

Mit der Liebe ist es ganz ähnlich. Wie oft haben wir schon gehört „Männer, die ich will, wollen mich nicht. Und die, die mich wollen, will ich nicht.“ Wahlweise kann man Männer hier auch durch Frauen ersetzen. Die, die da sind und sich zur Verfügung stellen, verlieren genau dadurch ihren Reiz. Je leichter etwas zu haben ist, desto weniger interessiert es uns. Es scheint nicht so viel wert zu sein. Es heißt immer, Männer wollten jagen, deshalb dürften Frauen nicht gleich Ja sagen. Das gilt jedoch nicht nur für Männer, denn andersherum ist es genauso.

Auch Frauen wollen die Spannung und den Reiz des Eroberns erleben! Auch Frauen wollen das Gefühl haben, eine ganz besondere Beute erlegt zu haben. Das erinnert mich gerade an Ausverkäufe und Outlet Stores. Die leben ja genau von diesem Prinzip. Zurück zur Liebe. Kaum flaniert der Verschmähte mit einer anderen tollen Frau im Arm vorbei, taucht unweigerlich der Gedanke auf: „Ups, habe ich da etwas übersehen?“ Hatte die Schokolade etwa eine ganz eigene Geschmacksrichtung, die ich bis dahin nicht wahrgenommen hatte? War sie gar eine ganz besonders hochwertige Sorte?

Sex lebt vom Spiel mit Nähe und Distanz

Auch beim Sex ist es nicht viel anders. Wenn der Partner oder die Partnerin immer zur Verfügung steht oder sich regelrecht anbietet, kann die Lust schon einmal ganz verschwinden. Und während wir alles daran setzen, den anderen doch noch zu überzeugen, zieht sich dieser immer mehr zurück. Aber sobald der oder die bisher Aktive sich rar macht und wir uns plötzlich wieder selber anstrengen müssen, sind wir regelrecht angestachelt. Jetzt erst recht!

Das ist ein Mechanismus, der vielen von uns bekannt sein dürfte: Der eine will unbedingt und die andere nicht. Oder umgekehrt. Dies kann sicherlich auch an einem generell unterschiedlichen Bedürfnis nach Sex und Nähe liegen. Aber Sex bezieht seine Spannung eben auch aus dem Spiel mit Nähe und Distanz. Wir wollen erobern und erobert werden. Manchmal darf die Schokolade offen auf dem Tisch liegen. Aber manchmal wollen wir uns nach der Schokolade auch verzehren, wir wollen sie selber finden und sie dann mit Heißhunger hinunterschlingen.

Das Schlaraffenland ist eröffnet!

Heute stehen uns alle Möglichkeiten offen. Vielleicht zu viele.

•    Alles, was sich die Generationen vor uns mühsam und heimlich aus dem Schrank stehlen mussten, alles was ihnen Gewissensbisse und moralische Konflikte beschert hat, liegt heute offen vor uns.
•    Im Gegensatz zu früheren Generationen können wir uns heute sexuell betrachtet austoben. Davon haben die anderen geträumt.
•    Es ist so ziemlich alles erlaubt, was wir uns vorstellen können, solange wir dabei nicht das sexuelle Selbstbestimmungsrecht eines anderen Menschen verletzen.
•    Wir dürfen mehrere Menschen gleichzeitig lieben und können allein, zu zweit oder mit mehreren Menschen Sex haben.
•    Dafür brauchen wir auch keine feste Beziehung. Es gibt ganz offiziell Internetseiten oder Apps, die uns bei der Suche nach Gespielen und Gespielinnen unterstützen.
•    Wir können uns jederzeit Pornos ansehen und falls uns der Sinn nach Liebesspielzeug steht, kaufen wir einfach welches.

Aber was passiert stattdessen? Der Mangel oder gar Verlust des sexuellen Verlangens avanciert zur häufigsten Sexualstörung überhaupt. Die Schokolade liegt endlich überall herum. Aber wir wollen sie nicht mehr. Wenn uns die Schokolade regelrecht in den Mund gestopft wird, vergeht uns schlichtweg der Appetit. Manche vergnügen sich auch einfach absichtlich allein, weil ihnen das Teilen zu anstrengend wird. Da müssten sie sich ja auch absprechen, welche Schokolade es denn überhaupt sein soll.

Liebe statt Sex

Und nun? Wir haben Millionen Singles, die sich fröhlich durch ihr Leben vögeln könnten. Aber das tun sie nicht. Stattdessen wollen sie Sex mit Liebe. Sie warten auf die Beziehung und verzichten bis dahin lieber auf sexuelle Abenteuer. Paare wiederum klagen regelmäßig über die sich ausbreitende erotische Stille im Schlafzimmer. Dabei brauchen sie heute nicht einmal mehr verheiratet zu sein, um einen Freifahrtschein für die sexuelle Achterbahn zu bekommen. Zudem steht ihnen die gesamte Schublade zur freien Verfügung. Und dennoch klagen sie über sexuelle Langweile.

Früher wurde die junge Generation regelmäßig verteufelt. Sturm und Drang, Revolution, nichts als Wollust im Sinn. Heute stehen Aufklärung und Verhütungsmittel auf dem Stundenplan. Heute dürfen Jugendliche Sex haben, sogar mit dem Segen ihrer Eltern. Aber auch für sie hat Sex das Dranghafte verloren. Studien zeigen, dass Jugendliche mittlerweile mehr Wert auf Romantik und Beziehung legen als auf ihre Wollust. Die Jugendumfrage Generation What zeigt es deutlich:

•    46 % geht es zu viel um Sex.
•    30 % geben an, ohne Sex glücklich sein zu können.
•    87 % könnten ohne Liebe nicht glücklich sein.
•    43 % interessieren sich nicht für Sex mit einem Unbekannten.
•    83 % interessieren sich nicht für Partnertausch.
•    65 % interessieren sich nicht für SM.

Her mit den Tabus und mit den Verboten!

Nein, ich bin nicht wirklich dafür, in die verklemmte Welt zurückzukehren, aus der wir kommen. Sexuelle Tabus sind heute Mangelware. Das ist eine sehr gute Errungenschaft der sexuellen Revolutionen. Aber gerade Tabus machen den Sex spannend. Tabus, Verbote, Mangel. Ganz einfach deshalb, weil wir eben immer genau das haben wollen, das wir nicht haben dürfen oder können.

Auf Zeiten des Überflusses folgen jedoch immer Zeiten des Rückschritts. Politisch betrachtet befinden wir uns in einem gesellschaftlichen Umbruch. Insofern bin ich gespannt, wie sich die Zukunft entwickelt. Entfernen wir uns immer weiter voneinander? Oder rücken wir wieder enger zusammen? Bleibt die Schublade mit den Süßigkeiten offen? Oder wird sie wieder mit einem Vorhängeschloss gesichert?

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION