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Leopold von Sacher-Masoch und der sexuelle Masochismus

Woher kommen die Begriffe Sadismus und Masochismus?

16. Juni 2020

Was gibt es nicht alles an sexuellen Vorlieben, Neigungen und Abweichungen: Urophilie, Voyeurismus, Frotteurismus, Kokrophilie, Flagellantismus, Vorarephilie, Flambeurismus. Ok, das vorletzte Wort müsste ich selber nachschlagen und das letzte habe ich mir gerade einfach ausgedacht. Aber wer weiß, vielleicht gibt es das ja doch. Nein gibt es nicht, habe ich gerade nachgeschaut. 

Während die meisten dieser Begriffe fremdsprachliche Ableitungen ihrer Hauptbetätigung sind (Frotteurismus kommt aus dem Französischen und steht für „sich reiben“), gibt es zwei sexuelle Vorlieben, die die Namen historischer Personen tragen: Sadismus und Masochismus. Die BDSM-Fangemeinde dürfte hier lebhaft mit dem Kopf nicken. Jaja, die beiden kennen wir, die stehen bei uns im Bücherregal! 

Während der Marquis de Sade (1740-1814) allerdings schon verstorben war, als sein Name in der gerade aufkommenden Sexualwissenschaft Verwendung für den Sadismus fand, war Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) noch quicklebendig. Und es gefiel ihm so gar nicht, als Namensgeber für eine sexuelle Perversion herzuhalten. Aber aller Widerstand war umsonst. Sein Roman Venus im Pelz beschrieb einfach zu gut das Liebesspiel eines Masochisten: Sich jagen oder fesseln zu lassen, sich von einer Frau bestrafen, erniedrigen und Schmerzen zufügen zu lassen, sich als Sklave zu verhalten, einen Vertrag abzuschließen. 

Berühmt zu werden, hat auch seine Nachteile

Während wir heute für alles einen Namen haben, existierten Begriffe und Kategorisierungen der menschlichen Sexualität zu Lebzeiten de Sades noch nicht. Masoch hingegen erlebte leibhaftig mit, wie sein Name hierbei Verwendung fand. Schuld war wohl sein Erfolg als Autor, durch den seine Werke recht berühmt waren. 

Der österreichische Psychiater Richard von Krafft-Ebing sammelte als Erster alle sexuellen Abweichungen und sogenannten Perversionen in Form von Fallgeschichten, die er 1886 in seinem Werk Psychopathia sexualis veröffentlichte. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass zu jener Zeit alles als pervers bezeichnet wurde, das über den ehelichen Geschlechtsverkehr hinausging! Und so finden wir hier auch Cunnilingus, Fellatio und die Psycholagnie, die für sexuelle Erregung durch Tagträume und Fantasien steht. Ihr seht, es hat sich seit damals einiges in der Auffassung von abweichendem Verhalten gerändert! 

Für die Lust an der Unterwerfung fiel von Krafft-Ebing nichts Besseres ein, als den Namen Masochs zu verwenden und daraus den Masochismus zu kreieren. Das eben auch gegen den Willen des Autors, der als ernsthafter Schriftsteller wahrgenommen werden wollte. Nur hatte er leider nun einmal ein Werk verfasst, in dem es ganz ausführlich um gerade diese Lust ging.

Lieb mich, schlag mich, quäl mich

Venus im Pelz erschien 1870 und ist bis heute ein erotischer Klassiker. Viele der alten Werke haben ihre Faszination behalten. 

  •  Wer hat nicht von Casanovas Memoiren gehört? 
  •  Oder von de Sades Meisterwerk Justine? 
  •  Auch das Leben der Josephine Mutzenbacher aus dem späten 19. Jahrhundert hat bis heute seine Liebhaber. 

Wir kennen diese Bücher vor allem aus Filmen und Theaterstücken. Und so wurde auch Venus im Pelz als Klassiker der erotischen Literatur mehrfach als Bühnenstück und Film adaptiert. Gerade erst drehte Roman Polanski einen gleichnamigen und, wie ich finde, fulminanten Kinofilm nach diesem Roman.

Die Handlung in kurzen Worten: Ein Mann verehrt eine Frau, möchte sie heiraten und sich auf ewig an sie binden. Sie jedoch schlägt vor, für die Dauer eines Jahres einen Vertrag abzuschließen. Er soll ihr Sklave sein. Nur zu gern willigt er ein. Das erinnert Sie an etwas? Ja, genau, Shades of Grey feierte mit umgedrehter Rollenverteilung ähnliche Erfolge wie Masoch damals mit seinem Roman. Was bei ihm allerdings fehlt, sind die genauen Beschreibungen der sexuellen Akte. Vermutlich hat dies damit zu tun, dass Masoch sich an die damals geltende Zensur und Toleranz hielt: Diffuse Sexualität wurde geduldet, weniger jedoch organische und psychische Einzelheiten. 

Während Bücher wie Shades of Grey heute auf den Bestsellerlisten landen und sogar für alle anderen sichtbar in der Öffentlichkeit gelesen werden, war Venus im Pelz trotz aller pornografischen Zurückhaltung ein Skandal. Und obwohl sich eben keine Sex-Szenen im herkömmlichen Sinne finden, wurde dieser Roman in Deutschland noch 1958 auf den Index gesetzt und tatsächlich erst 2001 wieder freigegeben! Denn was in dem Verhältnis zwischen den Protagonisten deutlich wird, sind die Macht und die Faszination, die die erotische Unterwerfung auf Menschen ausüben kann. Das war im damals sehr prüden Deutschland nun wirklich nichts, das man den frischgebackenen Bundesbürgern zumuten wollte. Die sollten schließlich arbeiten und sich nicht vergnügen!

Aus SM wird BDSM

Eine interessante Vorstellung, hätte sich Krafft-Ebing den ersten Teil des Nachnamens, Sacher, als Grundlage für seine sexuelle Perversion überlegt. Sacherismus statt Masochismus. Ich vermute aber, dass es die Sachertorte schon damals gab. Und die Österreicher hätten sich sicherlich unter keinen Umständen das eigene Nationalheiligtum verunglimpfen lassen. Da hätte der Psychiater sich vermutlich die Zähne ausgebissen. Aber vielleicht wären Sadismus und Sacherismus sich auch zu ähnlich gewesen. Sadosacherismus? Hätte man das ernst nehmen können? 

Wie dem auch sein, heute sprechen wir in Fachkreisen und unter Liebhabern längst vom BDSM, in dem noch einmal unterschieden wird zwischen Bondage & Discipline, Dominance & Submission und Sadism & Masochism. Aber heute beschäftigen wir uns auch bis in alle Einzelheiten mit diesen mittlerweile fast gesellschaftsfähig gewordenen sexuellen Praktiken. Und steckt nicht wirklich in jedem von uns ein ganz kleiner Sadomasochist?

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Themen
Sex