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Natur oder Kultur: Wer bestimmt über unser Liebesleben?

Hormone, Gene oder Gesellschaft?

Sind es die Hormone oder doch die Gene, die unser Liebesverhalten beeinflussen? Und ist der Mensch eigentlich von Natur aus monogam und bestimmt die Gesellschaft unsere Vorlieben? Sexual-Pädagogin Anja Drews geht unserem Paarungsverhalten auf den Grund. 

Was es nicht alles für Erklärungsversuche gibt, wenn es um unser Liebesleben geht! 

•    Wenn man den Neuroendokrinologen glaubt, scheinen wir durch unsere Hormone wie ferngesteuert zu sein. 
•    Wenn man wiederum den Evolutionsbiologen glaubt, ist es unsere Stammesgeschichte, die unser Handeln fast unvermeidlich vorher bestimmt. 
•    Schließlich haben wir noch die Psychologen, nach deren Meinung wir in unserem Verhalten bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgen. 
•    Und dann kommen die Wechseljahre, in denen wir Frauen ohnehin komplett die Kontrolle über uns verlieren. 

Ja, gut, letzteres soll hier nur der Aufheiterung dienen ☺. Aber es gibt immer von einer Seite eine Erklärung, warum wir uns so oder so verhalten und gar nicht anders können. Als wären wir für unser Handeln nicht selbst verantwortlich. 

Sind wir Menschen nun von Natur aus monogam? Oder sind wir evolutionär bedingt doch eher Seitenspringer? Im Tierreich gibt es so vielzitierte Arten wie die Wühlmäuse, bei denen die einen so und die anderen so leben. Aber können wir aus dem Liebesleben von Wühlmäusen wirklich Rückschlüsse darüber ziehen, wie wir uns in Liebesangelegenheiten verhalten? Und sind wir unserer steinzeitlichen Vergangenheit und unseren Hormonen tatsächlich so ausgeliefert, wie man uns Glauben machen möchte? Sind wir nicht viel zu komplex in unserem Denken, Fühlen und Handeln?

Sind es die Hormone?

Es gibt Untersuchungen darüber, dass Frauen um die Zeit ihres Eisprungs herum männlichere, markantere Männer bevorzugen. Die scheinen die besseren Gene zu haben, mit denen sie für gesünderen Nachwuchs sorgen können. Hm. Das mag sein. Aber dass Frauen einen Mann in dieser Zeit für besonders attraktiv befinden, bedeutet nicht, dass sie auch hemmungslos über ihn herfallen, um ihr Erbgut augenblicklich mit dem Seinen zu vermischen. Ganz im Gegenteil gibt es jede Menge Frauen, die bewusst aus verschiedenen Gründen gerade um diese Männer einen Bogen machen. Nebenbei bemerkt verhütet knapp die Hälfte aller Frauen mit der Pille. Die verhindert genau diesen Eisprung. 

Dies könnte aber eine prima Erklärung für Kuckuckskinder sein: Zuhause den verlässlichen Partner, für den perfekten Nachwuchs den attraktiven Kerl von nebenan. Da bräuchten wir uns gar keine Gedanken mehr über Moral, verletzendes Verhalten oder Probleme in der Partnerschaft zu machen. Verantwortlich waren schließlich die Hormone, denen wir ausgeliefert sind. 

Die Stimmunterschied-Theorie

Eine vor kurzem veröffentlichte Studie über die Stimmunterschiede zwischen Männern und Frauen wird von den Forschern dahingehend interpretiert, dass „Menschen wohl nicht als grundsätzlich monogam angesehen werden sollten und stärker polygam orientiert sind als angenommen.“ Na dann.

Sind es die Gene?

Es gibt auch Gegenstimmen zu dieser Theorie. Der Evolutionspsychologe David Buss beispielweise sieht genau andersherum die weibliche Keuschheit und die männliche Geilheit durch das vorher Festgelegte, genetisch Codierte bestimmt. Die Gene sorgen demnach also gerade für die weibliche Zurückhaltung in sexuellen Angelegenheiten. 

➢    Damit wären Frauen genetisch zur Monogamie verdonnert. 
➢    Und Männer hätten den Freifahrtschein für die sexuelle Zügellosigkeit. 

Ach ja, stimmt, Bevölkerungsexplosion hin oder her, sie wollen aus ihrer steinzeitlichen Vergangenheit heraus ihre Gene ja so weit wie möglich streuen. Aber warum gibt es dann eine zunehmende Zahl an Frauen und auch Männern, die gar keinen Kinderwunsch verspüren? Schließlich scheint uns der Fortpflanzungstrieb ja seit Millionen Jahren durch das Weltgeschehen zu treiben. 

Ist es die Gesellschaft?

Nun, wir werden eben nicht einfach nur von unseren Genen ferngesteuert. Unsere Sozialisation, also die Art und Weise, wie wir aufwachsen, welche Werte und Normen wir mitbekommen, wie auch die Gesellschaft, in der wir leben, bestimmen unser Verhalten ebenso. 

Und so hat man endlich auch herausgefunden, dass die Lust der Frauen nicht allein durch Gene und Hormone bestimmt ist, sondern vor allem durch gesellschaftliche und verinnerlichte Verbote. Denn was nicht sein darf, wird auch so wahrgenommen. Die christliche Gesellschaft war und ist besonders in Hinsicht auf Frauen sehr lustfeindlich. Und so schnell schütteln wir auch unser gesellschaftliches Erbe nicht ab.

Wie haben die Entscheidungsgewalt über unser Verhalten

Ob jemand fremdgeht oder nicht, lässt sich meiner Meinung nach nicht durch eine genetische oder hormonelle Disposition bestimmen. Auch nicht durch das Geschlecht. Die Frage ist vielmehr: Möchte ich persönlich monogam oder polygam leben? Früher ging man einfach davon aus, dass der Seitensprung eine Männerdomäne sei. Neue Forschungen ergaben, dass Frauen ebenso dazu neigen wie Männer. Aber ob wir das dann tatsächlich auch in die Tat umsetzen, ist unsere alleinige Entscheidung. 

Was ist Ihnen wichtiger? 

•    Meine Beziehung oder meine Lust? 
•    Wiegt das bestärkte Selbstwertgefühl den Vertrauensbruch auf? 
•    Kann ich vielleicht sogar mit mehreren Partnern leben? 

Auch auf welchen Typ Partner wir stehen, mag zu bestimmten Zeiten durch Hormone bestimmt sein. Wen wir uns aber tatsächlich für unser Leben aussuchen, hat viel mit unseren Erfahrungen zu tun. Nicht umsonst suchen sich manche Menschen immer wieder den oder die „Falsche/n“ aus. Macht man sich diese Entscheidungen erst einmal bewusst, kann man tatsächlich und zum Glück gegensteuern. Wir leben in einer Welt, die uns so unglaubliche viele Freiheiten gewährt. Nutzen wir sie und machen nicht unsere Gene und Hormone für unsere Entscheidungen verantwortlich!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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