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Objektophilie: Wenn Menschen sich in Dinge verlieben

Bäume, Gebäude, Möbelstücke ...

Neulich las ich von einer Frau, die in ein Flugzeug verliebt ist. Genauer gesagt in die Boeing 737-800. Nicht nur verbringt sie jede freie Minute auf der Aussichtsplattform des nächstgelegenen Flughafens in der Hoffnung, einen Blick auf ihr Liebstes zu erhaschen. Auch ihr Zuhause ist mit Flugzeugmodellen zugepflastert. Auf einem Bild hält sie ein kleines Modell der Boeing liebevoll im Arm.

Bäume, Gebäude, Möbelstücke, Musikinstrumente, Autos. Die Liste ist lang, wenn es darum geht, dass Menschen ihr sexuelles Begehren auf ein Objekt richten. Die Schwedin Eija-Riitta Eklöf hat 1979 die Berliner Mauer geheiratet und damit den Grundstein für alle Objektophilen oder Objektsexuellen, wie sie sich nennen, gelegt. Die Schwedin nannte sich nach ihrer Heirat passend dazu Eklöf-Berlinmuren. Die Mauer ist also schon vergeben. Aber das ist ja nur wichtig für alle Monogamen. Polyamore werden die Mauer sicherlich gern teilen. Aber Spaß beiseite. Was steckt dahinter, wenn Menschen eine Beziehung mit einem leblosen Objekt führen?

Pervers oder doch ganz normal?

Perversion? Fetisch? Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch, der auf so ziemlich alles eine Antwort hat, widmet sich auch dieser Frage. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei der Liebe für Gegenstände nicht um einen Fetisch. Er fragt sich, ob man es nicht als „etwas (vielleicht überschießend) Normales“ betrachten könne. Und es gibt eine Menge Menschen, die besondere Gefühle für Objekte entwickeln:

 1. Denkt daran, wie liebevoll und fürsorglich so mancher Autobesitzer sein Auto wäscht, dabei mit dem nassen Schwamm über den Lack fährt und anschließend hingebungsvoll den Lack poliert. So manchem Wagen wird dabei mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Partnerin. Ertappt?

 2. Und was ist mit den mehr oder weniger lebensechten Gummipuppen? Es scheint eine wachsende Anzahl von zumeist männlichen Beziehungspartnern zu geben, die mit der künstlichen Nachbildung einer Frau das Leben teilen. Auch da gab es einen Artikel über ein Interview, in dessen Verlauf die Stimmen der Gesprächspartner gesenkt werden mussten, um den Mittagschlafes der Puppe nicht zu stören. 

 3. Was ist mit dem Mann, der sich in dem Film Ex Machina in eine künstliche Intelligenz verliebt? Jeder kleine Roboter mutet menschlich an, sobald wir ihm Arme und Augen geben. 

 4. Und was ist mit Schuhen? Und ich meine damit nicht Männer, die Stielaugen bekommen, wenn sie Frauenfüße in Highheels sehen. Nein, ich meine die Frauen, bei denen sich die Schuhkartons türmen oder bei denen Regale ähnlich Gemälde die Schuhe zur Schau stellen. Die Frauen, die sich liebevoll jeden Abend von ihrer Sammlung verabschieden, bevor sie ins Bett gehen.

Auch ich habe schon einmal einen Baukran für erotisch befunden. Er war riesig, schwarz, mattiert und hatte in meinen Augen etwas sehr männliches, wenn er da so morgens vor meinem Küchenfenster für sein Tagwerk aufgerichtet wurde. Am Abend wurde er dann wieder herabgelassen und hatte etwas von einem schlafenden Dinosaurier. Ja, ich habe eine sehr ausgeprägte Fantasie, ich weiß. Und nachvollziehen konnte das niemand. 

Wir können alles erotisieren

Aber bin ich deshalb objektophil? Nein. Wir haben es tatsächlich in der Hand, alles und jeden zu erotisieren, wenn wir es denn wollen. Gegenstände. Und auch unseren Partner oder unsere Partnerin, von denen wir denken, sie nicht mehr anziehend zu finden. Letztlich haben wir es selber in der Hand. Es ist eine Kopfsache. Nun haben die meisten Menschen an Gegenständen kein Interesse. Sie mögen lieber etwas Lebendiges im Arm halten. Ich auch. Trotzdem sind die Grenzen verschwommen, wie ich an den Beispielen darzustellen versuchte.

Wo ist die Grenze?

Woher diese Objektbezogenheit kommt, weiß niemand. Das wurde einfach noch nicht erforscht. Aber wo will man da auch eine Grenze ziehen? Wann ist es „normal“ und wann nicht mehr? Vielleicht müssen wir unsere Vorstellung von Sexualität noch erweitern. In der Sexualwissenschaft geht es längst nicht mehr nur um Sex, wenn man von Sexualität spricht. Meistens denken wir bei Kombinationen mit dem Wort „sexuell“ trotzdem an den praktizierten Sex. 

Aber darum geht es gar nicht. Es geht vielmehr darum, an wen wir uns bei unserem Bedürfnis nach Liebe wenden. Homosexuelle, Heterosexuelle, Sapiosexuelle, wir alle können auch lieben ohne Gefummel und Orgasmus. Fürsorglich zu sein, zärtlich zu sein, zu schmusen, zu küssen: Das geht auch mit einer Boeing, einer Gummipuppe oder einem Paar Schuhe. Stolz darauf sein, das Objekt der Begierde im Arm zu halten. Manche Menschen decken noch Jahre nach dem Tod ihres Partners den Tisch für zwei Personen und halten Zwiegespräche. Andere hauchen ihrer Puppe eine Persönlichkeit ein. In einer Welt, in der wir fast alles schon gesehen haben, suchen wir förmlich nach Besonderheiten. Und übersehen dabei völlig, dass wir gar nicht so viel anders sind.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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