Sind wir wirklich so aufgeklärt, wie wir denken?

Sexualpädagogin Anja Drews über Aufklärung im Internet

Wenn wir etwas wissen wollen, brauchen wir heute keine meterlangen Enzyklopädien mehr. Mit dem Internet haben wir alles, was wir brauchen. Und das bequem vom Sofa aus. 

  • Hier finden wir besonders zu unserem Lieblingsthema Sex zahllose Ratgeber und Informationsseiten. Wir lesen über Stellungen, Praktiken, Verhütung, das erste Mal, über den Orgasmus, über Tantra. 
  • Wir geben unsere Symptome ein und finden im Nullkommanichts heraus, was wir womöglich haben. 
  • Wir finden heraus, was angesagt ist und was nicht. Analsex ausprobieren? Kein Problem. 
  • Komplizierte Bondage-Fesselungen? Werden auch erklärt, sogar mit Videos. 
  • Wir hängen fest und kommen nicht mehr raus? Hm, Schere, Bolzenschneider und im Notfall die Feuerwehr. Deren Nummer steht auch im Netz, nur für den Fall, dass wir sie vor Schreck vergessen haben. 

Und dann gibt es auch noch unendlich viele Foren, in denen wir Gleichgesinnte finden. Zum Gedankenaustauschen oder auch zum realen Treffen. Eigentlich sollte also für alles gesorgt sein. Aber sind wir wirklich so aufgeklärt, wie wir glauben? Oder bleiben nicht vielmehr doch noch jede Menge Fragen offen? Immerhin entstehen durch diese Überflutungen auch neue Idealvorstellungen, die kein Mensch erfüllen kann. Statt faktisch unwissend zu sein, überfordern wir uns mit allem, von dem wir glauben, es auch machen zu müssen. Und manche Dinge können wir einfach nicht nachlesen. Die müssen wir selber erleben.

Was lernen wir in der Schule?

In der Schule wird mittlerweile immer flächendeckender aufgeklärt. Das ist ganz hervorragend. Die Heranwachsenden werden früh mit Verhütungsmethoden vertraut und können sich so besser vor ungewollten Schwangerschaften schützen. Sie lernen auch, wie sie sich vor sexuell übertragbaren Infektionen (STI) schützen. Zudem werden vermehrt sexuelle Orientierungen, Identitäten und Partnerschaftsmodelle thematisiert. Alles super. 

Aber wenn es dann tatsächlich zur Sache geht und die ersten eigenen Erfahrungen anstehen, tauchen Fragen auf, die im Unterricht nicht angesprochen wurden und für die es auch keine vorgefertigten Antworten gibt: Reicht meine Penisgröße aus? Ist es normal, wenn mein Freund keinen Sex haben möchte? Wie komme ich am schnellsten zum Orgasmus? Warum mag ich meine Vagina nicht? Wie gehe ich damit um, wenn es beim ersten Mal nicht klappt? Da kann man dann noch so viel googeln - ein echtes Gespräch ersetzt das nicht wirklich. Und vor allem ersetzt es keine eigenen Erfahrungen.

Welches Bild vermittelt Pornographie?

Pornos kennen wir alle. Selbst wenn wir keine regelmäßigen Nutzer oder Nutzerinnen sind, kommen wir nicht darum herum, irgendwann irgendetwas zu sehen. Die einen betrachten Pornos als Aufklärung, lassen sich inspirieren oder einfach nur erregen. Sie haben vielleicht schon genug eigene Erfahrungen gesammelt, um zu wissen, was der Unterschied ist. Die anderen sind verschreckt. Sie werden mit Inhalten und Darstellungen konfrontiert, zu denen sie noch keine eigenen Erfahrungen gesammelt haben. Sie sehen Größer, Länger, Schneller und fragen sich, wie sie diese Leistung wohl selber jemals erbringen sollen. 

Manche Studien behaupten, dass gerade junge Menschen genug Abstraktionsvermögen besitzen, um das Künstliche zu erkennen. Und andere behaupten das Gegenteil. Da brauchen wir uns doch nur selber zu fragen, was Porno mit uns macht. Tief im Grunde unseres Herzens wissen wir zwar alle, dass das nicht die Realität ist. Aber was ist denn die Realität? Und wo ist die Intimität, die im Porno völlig fehlt? Die Intimität, die Sex zu etwas Besonderem und für manche gar zu etwas Göttlichem macht? Die müssen wir erst selber erfahren, um sie zu erkennen.

Lust ist ein kostbares Gut

Wenn wir ins Netz schauen, haben wir schnell das Gefühl, alles drehe sich nur um Sex. Ob allein, zu zweit oder zu dritt – wir müssen nur loslegen und schon läuft es. Ein jederzeit zu entfachendes Verlangen und eine Dauerbereitschaft zum Sex, mit weniger geben wir uns nicht zufrieden. Egal, was um uns herum passiert, egal wie sehr sich unser Leben, unsere Beziehung, unser Körper verändern. Aber es läuft immer weniger. Denn uns geht die Lust abhanden. Und es ist eben nicht so einfach, sie wieder zum Leben zu erwecken. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle, als dass es eine globale Lösung für alle geben könnte. 

Einer dieser Faktoren ist die Dauerberieselung und der damit einhergehende Verlust des Geheimnisvollen. Wir können ALLES sehen und selbst für die bizarrsten sexuellen Fantasien finden wir eine virtuelle Vorlage. Dabei ist unsere eigene Fantasie so ein wunderbarer Motor. Aber gerade diesen betanken wir mit Fusel. Warum? Weil es bequemer ist, sich berieseln zu lassen als sich selber zu bemühen. Statt zu fühlen, sind wir ständig auf der Suche nach neuen Informationen, nach neuen Inhalten. Und dabei verödet unsere Fantasie. Wir stellen immer mehr und immer höhere Forderungen an uns selbst und unsere Partner und vergessen, dass Sex kein Leistungssport ist, sondern vielmehr pures Freizeitvergnügen. Weg also mit dem Stress, weg mit den vielen Bildern von außen und her mit der Entspannung!

Aufklärung ist nicht alles

Aber was wollen wir denn wirklich? Ganz einfach: Immer das, was wir nicht haben können. Die Knappheit bestimmt den Wert. Und Sex steht heute endlos zur Verfügung und wenn es nur auf dem Bildschirm ist. Rein aus Lustgründen würde ich daher tatsächlich für eine Rückkehr zur Prüderie plädieren. Je weniger wir dürfen, desto drängender wird das Verlangen. Je weniger wir sehen können, desto neugieriger werden wir. Somit ist es auf der einen Seite gut, wenn wir die Freiheit haben, uns über alles zu informieren. Auf der anderen Seite leiden wir dadurch aber an einer Überinformiertheit, unter Leistungsdruck und unter einer Entfremdung von unseren Gefühlen. Wir sollten wieder mehr auf unsere innere Stimme hören und weniger auf das, was andere Leute meinen, wie wir zu sein haben.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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