Wie war das damals: Sex wie in der Steinzeit?

Können wir von den Steinzeit-Menschen etwas lernen?

Neulich, früh am Morgen, durchfuhr es mich beim Lesen eines Artikels im Deutschlandradio Kultur wie ein Blitz und ich schwang augenblicklich die Beine aus dem Bett. Ja, ich gebe zu, ich starte den Tag meistens mit einem gemütlichen Blick in die aktuellen Nachrichten und was ich sonst noch so an interessantem Lesematerial auf verschiedenen Kanälen finde. Normalerweise gehört dazu noch ein stimulierender Latte Macchiato. Aber daran war an jenem Morgen nicht zu denken. Ich war auf einen aus meiner Sicht unglaublich revolutionären Artikel gestoßen: „Forscher entzaubern die Steinzeit-Klischees“, geschrieben von Anette Selg.

Was kann die Steinzeit mit uns zu tun haben?

Im ersten Moment wundern Sie sich vielleicht darüber, dass mich dieser Beitrag so begeistert. Denn egal, was die Forscher und Forscherinnen da auch immer entzaubern, die Steinzeit liegt ja doch schon ein paar Jahrtausende zurück. Genau genommen 5000 Jahre. Da endet sie zumindest. Begonnen hat sie vor unglaublichen 2,5 Millionen Jahren. Damit kann sie eigentlich nicht mehr viel mit dem zu tun haben, womit ich mich am Liebsten beschäftige: Dem modernen Liebesleben.

Dieses moderne Liebesleben allerdings wird immer wieder mit einer ganz bestimmten Vorstellung des prähistorischen Lebens in Verbindung gebracht. Die Art und Weise, wie die Menschen damals lebten und liebten, soll tief in unseren Genen verankert sein und als Erklärungsmodell für alles Mögliche herhalten. Es stellt sozusagen die natürliche Entwicklung der Partnerbeziehung dar. Es steht dafür, dass Menschen wahlweise polygam oder monogam leben oder Männer ihr Sperma bis heute gern wahllos verteilen. Auch dafür, dass Frauen schlechter einparken als Männer. Aber stimmt das überhaupt? Ich habe schon ziemlich häufig Männer beobachtet, die mit einem Auto halb auf der Straße oder gleich auf zwei Parkplätzen standen. Gut einparken geht meiner Meinung nach anders. Aber vielleicht habe ich auch einfach nicht das passende Gehirn, um das richtig zu verstehen.

Wie wissen ja gar nicht wirklich, was wir zu wissen glauben

Ganz im Ernst, welche Beweise haben wir denn für diese Betrachtungsweise? Alles, was wir aus dieser Zeit haben, sind ein paar Gebeine, Grabbeigaben, Handwerkszeuge und Malereien. Und vielleicht noch dies oder das. Und obwohl wir nur ganz wenig über das menschliche Leben aus diesem so laaaaaangen Zeitalter wissen, wird die Lebensweise der steinzeitlichen Menschen immer wieder herangezogen, wenn es darum geht, die heutigen Geschlechterrollen oder gar unser sexuelles Verhalten zu erklären. Dabei haben wir nicht einmal den Schimmer einer Ahnung, ob sie nun wild durch die Gegend vögelten oder sich unter der Höhlenmalerei ewige Treue schworen.

Blicken wir doch einmal kurz zurück und betrachten nur die letzten 2000 Jahre der Menschheitsgeschichte. Denn das ist ein Zeitraum, über den wir relativ viel wissen. Zumindest wissen wir immer mehr, je näher wir uns dem heutigen Datum nähern. Das hat sehr viel damit zu tun, dass immer mehr aufgeschrieben und für die Nachwelt hinterlassen wurde. Wie sich das Leben aber ganz genau vor 2000 Jahren abspielte, das wissen wir nicht wirklich. Und schon gar nicht wissen wir, wie es vor 5000 oder vor 1,5 Millionen Jahren um das Leben unserer Vorfahren bestellt war. Was für eine Art von Sex hatten sie wohl damals? Hat sich der Steinzeitmann Gedanken um seine Penisgröße gemacht? Vermutlich nicht. Hatten Steinzeitfrauen Orgasmen oder waren genervt, wenn sie keine hatten? Vermutlich nicht.

Wir interpretieren aus dem heraus, was wir selber kennen

Wir können letztlich nur Rückschlüsse aus dem ziehen, was wir bis heute gefunden haben. Und diese Rückschlüsse sind natürlich auch immer geprägt von den Überzeugungen der Forscher und Forscherinnen. Wir halten immer nur das für wahr, was wir selber erleben. Und was haben die Menschen, die in den vergangenen 300 Jahren in diesem Bereich entdeckt und geforscht haben, wohl erlebt? Die Entstehung der Kleinfamilie. Im europäischen Kontext bedeutet das die heterosexuelle Zweierbeziehung. Und dieses Modell haben sie rückwirkend auf die Steinzeit übertragen. Wer zu dieser Zeit forschte, schloss somit von seiner Situation auf die letzten 2,5 Millionen Jahre.

„Offensichtlich gibt es eine verbreitete Gewissheit, dass man die sozialen Verhältnisse in der Urgeschichte kennt, nämlich dass die übliche Beziehungsform die heterosexuelle Zweierbeziehung war, die dann in biologische Kleinfamilien mündete. Dass also biologische Kernfamilien die Basis und Grundstruktur der Gesellschaft bildeten usw. und dass es auch eine bestimmte Rollenteilung gab, dass nämlich der Mann der Ernährer, Versorger war, während die Frauen Hausfrauen, Mütter und Gattinnen waren", so Brigitte Röder, Professorin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Basel, die sich mit der prähistorischen Geschlechterforschung beschäftigt.

Fred und Wilma, das Traumpaar der Frühzeit

Wie viele Wissenschaftler und Schriftsteller haben damit unsere ganz persönliche Wahrnehmung der Geschlechterrollen geprägt?! Zur Verdeutlichung können Sie sich gern ein paar Folgen der Familie Feuerstein ansehen. Diese Zeichentrickserie stammt aus den 1960er Jahren und bietet eine ganz typische Mann-Frau-Konstellation. Das war eine Zeit, in der Frauen wie selbstverständlich an den Herd verbannt wurden. Wir könnten Fred und Wilma auch durch Rock Hudson und Doris Day ersetzen. Das käme auf dasselbe hinaus. Aber das Leben von Fred und Wilma könnte ganz anders ausgesehen haben!

Wir sind selber für unser Handeln verantwortlich

Genau deswegen ist dieser Artikel Wasser auf meiner Mühle! Endlich kommt jemand und spricht das Augenscheinliche aus: Wir wissen gar nicht, wie sie damals lebten und liebten. Wunderbar, wenn auch die Frühgeschichte des Menschen noch einmal neu durchleuchtet wird! Denn wie lange ärgert es mich schon, dass Frauen aufgrund der angeblich evolutionären Entwicklung des Menschen an die Feuerstelle und die Männer auf Mammutjagd geschickt werden! So viele Verhaltensweisen werden mit etwas erklärt, das so vermutlich nie stattgefunden hat. Nur weil die paar Erkenntnisse, die wir haben, in eine bestimmte Richtung interpretiert werden.

Und das verunsichert so viele Menschen. Und es hält uns davon ab, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Fremdgehen? Das liegt uns doch in den Genen! Ja, vielleicht stimmt das zu einem Teil. Das kann ich nicht beurteilen. Aber zu einem noch viel größeren Teil sind wir von der Erziehung, Gesellschaft und den geltenden Normen und Werten geprägt. Wir lernen am Modell, also an dem, was uns vorgelebt wird. Dadurch sind wir sind unseren Genen nicht ausgeliefert. Wir entscheiden, was wir tun. Wir entscheiden, ob wir unseren Partner oder unsere Partnerin hintergehen. Das hat auch etwas mit unserem Verständnis von Moral und Vertrauen zu tun. Wir entscheiden, ob wir in einer polygamen oder monogamen Beziehung leben wollen. Diese Entscheidung sollten wir nicht von Fred und Wilma Feuerstein abhängig machen, sondern davon, was wir wirklich wollen. Und in unserer Gesellschaft stehen uns alle Möglichkeiten offen.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION