Gefangen in der Angst: Janett litt jahrelang unter schweren Panikattacken

Wenn die Angst den Alltag beherrscht

In der U-Bahn oder mitten auf der Straße: Immer wieder wird Janett Menzel, 35, plötzlich von lähmender Beklemmung beherrscht. Doch sie hat es geschafft, sich von den Panikattacken, die lange Zeit ihr Leben bestimmten, zu befreien. Wie Sie das geschafft hat, erzählt sie hier.

„Endlich Feierabend. Als ich hinaus aus dem klimatisierten Büro auf die Straße trete, erschlägt mich die Hitze fast. Die vierspurige Hauptstraße ist stark befahren, die Luft flimmert. Und plötzlich beginnt mein Herz zu rasen. Ich bekomme kaum Luft, weil der Kloß in meinem Hals immer größer wird. Meine Beine fühlen sich an wie eine Gummi-Masse, ein Kribbeln steigt von meinen Füßen hoch, durch den ganzen Körper – bis zum Kopf. Es fühlt sich an, als würde er jeden Moment explodieren. Ich würde mich am liebsten auflösen. Einfach durchsichtig werden. Ich will flüchten. Doch ich bin gefangen – auf dieser riesigen Kreuzung mitten in Berlin. Nach ein paar Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, ist der Spuk endlich vorbei.“

Elf Jahre ist es her, dass Janett das erste Mal Bekanntschaft mit der Angst macht. „Ich dachte mir damals schon, dass das eine Panikattacke war“, so die 35-Jährige. „Doch mehr passierte erst mal nicht. Mein Leben ging in den nächsten Monaten ganz normal weiter.“ Und das bedeutet für die Trainerin in der Erwachsenenbildung vor allem eines: Stress. Ihr Job besteht aus ständigem Termindruck, permanenter Erreichbarkeit – und wenig Erholungspausen. Zwei Jahre hat die Berlinerin Ruhe vor der Angst. „Doch dann bekam ich wieder eine Panikattacke – völlig aus dem Nichts.“ Und diesmal lässt die Angst Janett nicht so schnell wieder aus ihren Fängen. Sie entwickelt eine Agoraphobie – die Angst vor weiten, öffentlichen Plätzen. Damit wird das Leben in der Hauptstadt für sie zu einem Spießrutenlauf. 

„Doch nach ein paar Wochen verschwand die Angst wieder.“ Aber leider nicht für immer. „Im Sommer vor fünf Jahren bekam ich eine weitere Panikattacke – mitten in der U-Bahn. Da wusste ich: Jetzt musste etwas passieren.“ Janett geht zu ihrem Hausarzt und erzählt ihm von ihren Symptomen – und auch von ihrer Vermutung, dass es sich um Panikattacken handelt. „Doch er nahm mich überhaupt nicht ernst, war sehr kalt und fragte schnell, ob er mich jetzt krankschreiben solle“, erinnert sich Janett. „Das Einzige, was er mir anbot, war ein Platz in einer Übungsklinik für Studenten, die allerdings am Rand von Berlin lag. Dass ein so weiter Weg sich mit Panikattacken etwas schwierig gestaltet, dafür hatte er kein Verständnis.“ 

Nach dem wenig erfolgreichen Arztbesuch steht für Janett weiterhin fest, dass sie ihr Problem jetzt endlich angehen will. „Ich telefonierte mit einer Freundin, die selbst Psychologin ist und mir daher sagen konnte, wie ich nun vorgehen sollte. Ich musste mir selbst einen Psychotherapeuten suchen“, erzählt Janett. Noch am selben Tag ruft sie bei 28 Therapeuten an. „Nur eine Einzige meldete sich zurück – sie hätte den nächsten freien Termin in sechs Monaten.“ Doch Janett braucht jetzt Hilfe. 

„Da es bei mir beruflich zu dieser Zeit ganz gut lief, entschied ich mich dafür, mir eine freie Psychotherapeutin zu suchen, die ich selbst bezahlte.“ Hier beginnt Janett sofort eine Gesprächstherapie. „Zusätzlich riet sie mir zu Bewegung, Yoga und Autogenem Training. Außerdem enthielten die Sitzungen auch schreibtherapeutische Elemente. Das alles hat mir sehr geholfen.“

Zudem ist Janett jetzt viel in der Natur unterwegs und beschäftigt sich mit ihren Tieren. Das tut ihr gut. In der Gesprächstherapie arbeitet Janett auf, warum es immer wieder zu den Panikattacken gekommen ist: „Eine große Rolle spielte zum einen der extreme Stress, den ich bei der Arbeit hatte“, so Janett. „Aber auch mein ständiger Wunsch, es immer allen recht machen zu wollen – sowohl im Berufsleben als auch im privaten Bereich. Ich selbst steckte dabei oft zurück – nur, damit es keinen Streit gab. An diesen Denkmustern musste ich jetzt sehr hart arbeiten.“ Janett setzt die Behandlung insgesamt knapp zwei Jahre fort – „obwohl es mir nach einem halben Jahr schon wieder sehr gut ging.“ Nach Abschluss der Therapie beginnt Janett, über Angst und Panikattacken zu bloggen, um damit vor allem anderen Betroffenen zu helfen und Mut zu machen (www.ich-habe-auch-angst.de/janett-menzel).

Heute geht es mir gut, Panikattacken habe ich gar keine mehr“, so die 35-Jährige. „Das Einzige, was ich vor etwa einem Jahr noch einmal erlebt habe, ist die Angst vor der Angst. Das ist ein ganz diffuses Gefühl, das viele Betroffene kennen. Man denkt die ganze Zeit: ,Jetzt passiert gleich was!‘ Doch heute weiß ich zum Glück, dass auf dieses Gefühl keine Panikattacke folgen wird. Ich kann meinem Körper mittlerweile so weit vertrauen, dass ich mir da sicher sein kann. Und das fühlt sich wirklich gut an.“

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