Hilfe, Burnout: Wenn der Job die Seele auffrisst

Das Leben von Inga (54) drehte sich nur noch um die Arbeit

Völlig ausgebrannt: Meist gestehen sich von Burnout Betroffene erst sehr spät ein, dass sie am Ende sind. zum Glück gibt es Hilfe.

Heute ist mir klar, wie es so weit kommen konnte: Die Trennung von meinem Mann, der mich betrogen hatte, lag nicht lange zurück. Gerade hatte ich all meinen Mut für einen Neustart zusammengenommen, war von Neuss nach Düsseldorf gezogen und hatte als Teamleiterin im Marketing in einem Modeunternehmen angefangen.

Neue Stadt, neuer Job: Ich wollte allen beweisen, dass in mir noch immer die Kämpfernatur steckte, die Freundinnen an mir bewunderten. In Wahrheit war ich verletzlich wie nie.

Meine neue Chefin flößte mir Respekt ein. Das kannte ich nicht von mir: Früher schüchterte mich niemand so schnell ein, aber diese Frau traf mich mit ihrer fordernden Stimme und ihrem eisigen Blick mitten ins Mark. Das ließ ich mir nicht anmerken, arbeitete zielstrebig alle Aufgaben ab. Und das waren so einige.

Von der ersten Woche an machte ich jede Menge Überstunden. Eines Abends, niemand sonst war mehr im Büro, steckte meine Chefin den Kopf durch meine Tür. Ich dachte, sie würde jetzt etwas Anerkennendes sagen. Stattdessen verfinsterte sich ihre Miene: „Sind Sie immer noch nicht fertig?“, fragte sie. „Das muss aber schneller gehen.“

Ich fühlte mich, als fiele ich in ein tiefes Loch. In jedem Job war ich bisher Herrin der Lage gewesen, kompetent auch im Stress. Wie konnte ich jetzt so versagen? Ich fühlte mich elend, zumal ich Abend für Abend erschöpft in eine leere Wohnung zurückkehrte.

Dann besann ich mich: Ich war doch eine Kämpferin. Ich würde mich durchbeißen, wie immer. So gingen viele Wochen ins Land, in denen ein Tag dem anderen glich, ich regelmäßig Liegengebliebenes mit nach Hause nahm. Oft schrieb ich bis nach Mitternacht Konzepte, selbst am Wochenende, stundenlang. So gewann ich die Anerkennung meiner Chefin und redete mir bald ein, unverzichtbar für die Firma zu sein. Zeit für Hobbys oder um Freundschaften zu schließen, blieb keine. Mein Leben kreiste nur um meinen Job. Dort fühlte ich mich wichtig und gebraucht.

Bis mein Körper und meine Seele mich in die Schranken wiesen. Zehn Monate hatte ich durchgehalten, dann fand ich nachts keinen Schlaf mehr, kam morgens kaum noch aus dem Bett. Ich litt an Kopfschmerzen, die Schrift auf dem Papier verschwamm vor meinen Augen, ich war dauermüde. Mir unterliefen Fehler, und plötzlich kehrte die alte Angst zurück, es nicht zu schaffen. Als dann auch wieder Kritik von meiner Chefin kam, ergriff mich ein Gefühl von Sinnlosigkeit: wozu all die Mühe?

Ich fühlte mich klein und kraftlos.

„Inga, sei doch endlich ehrlich zu dir. So geht es nicht weiter“, sagte eines Sonntags meine beste Freundin Grit am Telefon. Aus Zeitgründen hatte ich viele ihrer Anrufe ignoriert. Diesmal war ich rangegangen, und dann brach es aus mir heraus: Es stimmte, ich konnte nicht mehr. Ich war nicht länger die Starke. Ich war einsam, wusste nicht mehr weiter. Es brauchte einigen Mut, das zuzugeben. Um Hilfe zu bitten. Grit kam noch am selben Tag zu mir nach Düsseldorf, begleitete mich am nächsten Morgen zum Arzt. Konnte ich so einfach der Arbeit fernbleiben? Es musste sein. Er schrieb mich krank und empfahl mir einen Psychologen, der wenig später ein Burnout mit mittelschwerer Depression diagnostizierte.

Das ist ein Jahr her. Mein Leben hat sich seitdem sehr verändert. Ich gehe inzwischen zwei Mal pro Woche zur Therapie. Da setze ich mich zum ersten Mal mit meinen viel zu hohen Erwartungen an mich selbst auseinander – und mit dem unverarbeiteten Trennungsschmerz.

Ich entspanne mit Yoga und habe ein sogar ein neues Hobby: singen. Zweimal die Woche probt unser Chor, durch ihn habe ich endlich neue Freunde gefunden. Und der Job? Ich bat meine Chefin um ein Gespräch. Das kostete mich viel Mut. Ich hatte Angst, sie kündigt mir. Aber ich wusste auch: Ich will nie mehr so arbeiten wie zuvor. Doch sie reagierte erstaunlich verständnisvoll. Wir einigten uns darauf, dass ich nur noch 75 Prozent arbeite. Mit weniger Gehalt kann ich zurechtkommen: Lebensfreude ist unbezahlbar.

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