„Mein Mann ist impotent“

Zwei Frauen über ein absolutes Tabu-Thema

So offen wir heute über Sex reden – wenn Mann nicht kann, wird das meist verschwiegen. Dabei sind Millionen betroffen. Zwei Frauen erzählen, wie es dazu kam, was die Erektionsstörungen mit ihrer Beziehung machte und welche Wege sie als Paar gemeinsam gegangen sind. Außerdem beantwortet unser Experte und Paartherapeut Eric Hegmann unsere Frage: Ist Impotenz ein Beziehungskiller oder auch eine Chance?

Impotzenz: Ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft

Experten sprechen von acht Millionen Männern in Deutschland, die an Impotenz leiden. Doch sie räumen auch immer ein, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt. Denn dieses Thema ist eines der größten Tabus unserer Gesellschaft. 

Vermutlich, weil die „Manneskraft“ noch für so viel mehr steht. Es geht nicht nur um die Standfestigkeit beim Sex, für Männer bedeutet Potenz auch, dass sie in allen Lebenslagen „ihren Mann zu stehen haben“. Für viele von ihnen ist es ein Zeichen von Schwäche, wenn ihr Penis nicht mehr steif genug für den Geschlechtsakt wird. 22 Gründe für Impotenz gibt es viele, ganz grob kann man sie erst einmal in psychische und physische, meist krankheitsbedingte unterteilen. Beides ist behandelbar. Doch längst nicht alle gehen damit zum Arzt.

Mann kann nicht - eine Belastung für die Beziehung

Genau: Da sind wir dann wieder beim großen Tabu! Doch die Impotenz hat natürlich noch einen ganz entscheidenden anderen Aspekt: Massive Erektionsstörungen belasten die Partnerschaft enorm. Wie kann man damit umgehen? Das haben wir unseren Experten Eric Hegmann gefragt. Grundsätzlich gilt: reden, reden, reden. Und dann gibt es auch reichlich Männer, die für mehr Standfestigkeit eine Menge Geld ausgeben. Viagra, die blaue Rauten-Pille, ist mit rund 5 Euro nicht gerade günstig. Aber sie war vor 20 Jahren, als sie auf den Markt kam, quasi eine Erlösung für viele. Damit konnten sicher einige Partnerschaften gerettet werden. Andererseits: Der Geschlechtsakt ist natürlich noch viel mehr als das „rein-raus“ – auch darüber müsste man reden.

„Mein Mann ist impotent“ – zwei Frauen berichten

Martina (52) aus Bremen

„Nach fast 30 Jahren Ehe gab es bei uns kaum noch Sex. Wie das bei vielen so ist. Als es bei Rolf irgendwann mal nicht klappte, haben wir deshalb beide gelacht und gesagt: Na, wir sind wohl aus der Übung. Aber es blieb dabei. Ich überredete ihn, zum Arzt zu gehen – Gott sei Dank. Der stellte nämlich fest, dass Rolf starken Bluthochdruck hat. Und der wirkt sich manchmal wie bei Rolf auf die Potenz aus – und die Medikamente, die er nehmen musste , tun das ebenfalls.

Zum Glück haben wir neue Wege entdeckt

Viagra ist wegen der Krankheit verboten. Plötzlich standen wir vor der Tatsache: Rolf ist impotent. Glücklicherweise haben wir das Thema nicht totgeschwiegen. Wir überlegten, was denn Sex eigentlich für uns ausmacht. Klar, ein Orgasmus ist toll. Aber da gibt es doch auch noch viel mehr. Heute sind wir sehr zärtlich miteinander, streicheln uns viel, haben ganz neue erogene Zonen an uns entdeckt. Und wir haben uns ein paar Sexspielzeuge zugelegt. Das ist ein echtes Abenteuer. Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch einmal entdecken würde.“

Sandra (39) aus Frankfurt

„Jens und ich haben uns im Studium kennen gelernt. Er war schon immer wahnsinnig ehrgeizig. Mir hat das imponiert, heute sehe ich das anders – denn fast wäre unsere Beziehung daran gescheitert. Zum einen habe ich ihn kaum noch zu Gesicht bekommen, zum anderen konnte er plötzlich nicht mehr. Sein Penis wurde nicht mehr steif. Gott, war das unangenehm. Wir wussten gar nicht damit umzugehen. Ich habe dann gesagt: Ach, das passiert ja schon mal.

Sein Arbeitsstress landete in unserem Bett

Aber für Jens war das ein totales Versagen – und das passte nicht in sein Bild. Dadurch hatte er dann nicht nur beruflich totalen Stress, sondern auch privat. Irgendwann klappte er mit einem Burnout zusammen. So bitter es für ihn war, so war es im Ende ekt ein Segen für unsere Beziehung. Denn sonst hätte ich ihn verlassen. Jens ging zum Therapeuten und hat viel an sich gearbeitet. Auch im Bett klappt es jetzt manchmal.“

Impotenz: Beziehungskiller oder Chance?

Abgesehen von den medizinischen und psychischen Beschwerden für den Mann, verändert die Impotenz vor allem die Partnerschaft massiv. Wie geht man damit um? Das rät unser Experte und Paartherapeut Eric Hegmann:

Warum ist das Thema Impotenz so schwierig?

Hegemann: „Viele Frauen wollen in der Erregung des Mannes erkennen, wie begehrenswert sie für ihn erscheinen. Keine Erregung bedeutet für sie dann: Ich bin nicht mehr anziehend. Für viele Männer ist Impotenz ein Zeichen von persönlichem Versagen und Scheitern. Impotenz betrifft so viele Ebenen, da möchten die meisten einfach nicht tiefer graben.“

Wie kann man als Paar damit umgehen?

Hegemann: „Zunächst sollte geprüft werden, ob es sich um ein organisches Problem handelt oder ob es psychologische Ursachen gibt. Dann ist der Gang zum Urologen oder Psychologen angesagt. Auch eine Paartherapie ist hilfreich. Paare geraten schnell in eine Forderung-Rückzugs-Dynamik, und sie leben sich auseinander.“

Der Mann schweigt, was kann die Frau tun?

Hegemann: „Durch das Schweigen scheitert die Beziehung mittel- bis langfristig. Auf verbaler Ebene sollte man immer nur über das eigene Empfinden sprechen. Und auf körperlicher Ebene sollte der Sex weitergehen. Befriedigung lässt sich auch anders erreichen.“

Informationen und Internet-Plattformen

  • Selbsthilfegruppen: Dort findet man andere Betroffene und kann Erfahrungen und Informationen austauschen, etwa über: www.impotenz-selbsthilfe.de.
  • Zwei-Drittel-Regel: Ab wann gilt ein Mann eigentlich als impotent? Hier gilt die Regel: Wenn der Mann in zwei Dritteln der Fälle über einen Zeitraum von einem halben Jahr keine Erektion hat, sprechen Ärzte von erektiler Dysfunktion, wie es in der Fachsprache heißt. 
     
  • Ursachen: Zu 75 Prozent hat sie organische Ursachen, zu 25 psychische. Die Heilungschancen sind dank vieler neuer Therapien hoch. Infos: www.maennergesundheit.info.