Häusliche Gewalt: Jede 4. Frau ist Opfer

25 Prozent aller Frauen sind betroffen

Die Zahlen schockieren: 25 Prozent aller Frauen in Deutschland erleben häusliche Gewalt in ihrer Partnerschaft. Yvonne ist eine von ihnen. Warum kann die 36-Jährige den Mann, der ihr das antut, nicht einfach verlassen?

Er packt sie grob am Arm. Als sie sich wegreißen will, holt er aus. Sie duckt sich, will seinen Schlägen ausweichen. Doch da hat er sie schon getroffen. Im Gesicht. Ihre Unterlippe platzt auf, Blut tropft auf ihre helle Bluse. Sie weint leise. Da schubst er sie – sie taumelt an die Wand, sackt dann zusammen. Er verlässt das Zimmer – und lässt seine Frau weinend am Boden liegen. 

Es ist eine Szene, die Yvonne so oder so ähnlich schon oft erlebt hat. Und damit ist sie nicht alleine. Jede vierte Frau in Deutschland erlebt körperliche Gewalt in der Beziehung.

Yvonne erlebt körperliche Gewalt in der Beziehung

Auch Yvonne lebt mit Gewalt in ihrer Ehe. Harald (39) und sie lernen sich vor 13 Jahren in einer Bar kennen. Er ist Student, sie arbeitet als Kauffrau bei einer Versicherung. „Er sah so gut aus, wie er dort angelehnt an der Bar stand. Er war interessant, witzig, charmant und ehrgeizig. Er war ein Mann, den man nur bewundern konnte. Ich schaute zu ihm auf.“ Harald macht Yvonne den Hof, umwirbt sie. Das schmeichelt der damals 23-Jährigen. Sie führen eine intensive Beziehung. „Er war schon von Anfang an temperamentvoll, manchmal etwas cholerisch. Andererseits war er in vielen anderen Belangen ein Traummann.“ 

Harald geht nach seinem Studienabschluss in die freie Wirtschaft, hat lukrative Jobs, reist viel. Yvonne hält ihm stets den Rücken frei. Freunde und auch die Familie sehen in ihnen schnell das perfekte Paar. „Wir ergänzten uns zu Anfang sehr gut. Und: Harald hat eben auch eine extrem fürsorgliche und liebevolle Seite. Wenn er so war, fühlte ich mich wie die begehrenswerteste und glücklichste Frau auf dieser Erde.“ 

Zu Haralds Vorstellung von einer perfekten Ehe gehören auch Kinder. Das Paar versucht es mehrere Jahre, doch irgendwann ist es dann Gewissheit: Yvonne kann keine Kinder bekommen. „Das war natürlich ein Schlag für uns. Ich fühlte mich minderwertig, hatte den Eindruck, ich würde Haralds Zukunft zerstören.“ Und tatsächlich: Der Düsseldorfer vermittelt seiner Frau eben dieses Gefühl. 

Er schämt sich für seine Frau

Vor Arbeitskollegen und Freunden, sogar vor der Familie behauptet er nun, dass Yvonne und er sich ganz bewusst gegen Kinder entschieden hätten. Was Yvonne anfangs noch für eine nette Geste ihres Mannes hält, um sie vor Nachfragen zu schützen, entpuppt sich bei einem Streit als berechnende Lüge. „Bei einer Auseinandersetzung warf er mir an den Kopf, dass ich allein schuld daran sei, dass wir keine Familie gründen könnten und dass es ihm peinlich sei, eine behinderte Frau zu haben, die noch nicht einmal Kinder bekommen könne. Also müsste er alle anlügen, damit keiner erfahre, mit was für einer Person er sich abgeben würde.“

Yvonne ist völlig schockiert über die Worte ihres Mannes. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Als Harald klar wird, was er seiner Frau verbal angetan hat, entschuldigt er sich überschwänglich, beteuert ihr seine Liebe. „Im nächsten Moment tat er dann so, als hätte ich ihn nur falsch verstanden, und irgendwie glaubte ich ihm. Denn das, was ich von ihm gehört hatte, das durfte einfach nicht wahr sein.“ 

Doch nun scheint der Damm gebrochen. Regelmäßig beschimpft Harald seine Frau. Hinterher erklärt er ihr, er sei nur deshalb so aus der Haut gefahren, weil sie ihn provoziert habe oder er einen besonders stressigen Tag gehabt habe. In der Zeit zwischen den verbalen Entgleisungen verhält Harald sich wie ein liebevoller Ehemann. Allein schon deshalb fällt es Yvonne schwer, ihm seine Ausbrüche wirkwirklich übel zu nehmen und Konsequenzen zu ziehen. Doch seine Worte verletzen sie jedes Mal heftig. „Irgendwann fühlte ich mich wirklich schuldig und verantwortlich für alles. Je öfter er mir solche Dinge an den Kopf warf, desto kleiner wurde ich.“ 

„In der Öffentlichkeit waren wir das perfekte Paar“ 

Doch anstatt einer Freundin oder ihrer Mutter von dem erniedrigenden Verhalten ihres Mannes zu erzählen, spielt sie nach außen die glückliche Ehefrau. „Auch, weil wir in der Öffentlichkeit dieses perfekte Paar waren, dachte ich, dass mir sowieso niemand glauben würde. Also versuchte ich, ihn einfach nicht mehr zu provozieren und mich ihm anzupassen.“ 

Irgendwann jedoch reicht es Harald nicht mehr, seine Frau nur psychisch fertigzumachen: Er schlägt zu. „Wir hatten einen Streit, er war wegen irgendetwas unzufrieden, hatte einen stressigen Arbeitstag, war gereizt, und da geschah es: Er scheuerte mir eine. Ich konnte es kaum glauben. Er fiel fast augenblicklich auf die Knie vor mir, bettelte um Verzeihung. Und ich? Ich glaubte ihm. Vielleicht, dachte ich, würde jetzt wieder alles wie früher.“ Doch das wird es nicht. 

Harald schlägt immer häufiger zu. Mindestens einmal im Monat schubst er sie nun, fasst sie grob an, reißt ihr an den Haaren oder schlägt ihr mit der Hand ins Gesicht. Warum Yvonne ihn nicht verlässt? „Ich weiß, dass er es nicht so meint. Es ist ja nicht ganz allein seine Schuld, ich provoziere ihn scheinbar mit meinem Verhalten. Und außerdem: Wer soll mir glauben? Ich bin ja schon so lange mit ihm zusammen, das ist doch völlig unglaubwürdig.“ Also passt Yvonne sich weiter an. Sie erkennt nicht, dass nicht sie die Schuld an diesem Zustand hat, sondern einzig und allein ihr gewalttätiger Ehemann.

Erst als ihre Mutter bei einem Spontanbesuch die blauen Flecke am Körper ihrer Tochter entdeckt, bricht Yvonne zusammen und vertraut sich ihr an. Voller Scham erzählt sie ihr von den Jahren voller Erniedrigungen und physischer sowie psychischer Gewalt. Weil Yvonne sich weigert, ihren Mann zu verlassen, will ihre Mutter nun mit ihr eine Beratungsstelle für Frauen aufsuchen. Zweimal hat Yvonne den Termin schon abgesagt. Doch ihre Mutter will nicht aufgeben …

Tipps und Infos zum Thema häusliche Gewalt in der Beziehung

Wie viele Menschen sind von häuslicher Gewalt betroffen?

Eine neue Studie des Familienministeriums und des Bundeskriminalamtes zeigt: Häusliche Gewalt nimmt zu. In Zahlen heißt das: 127.457 Personen sind 2015 Opfer ihres Partners oder Ex-Partners geworden. Das sind 5,5 Prozent mehr als noch vor drei Jahren. 

Sind immer noch überwiegend Frauen die Opfer?

Ja. 82 Prozent aller Betroffenen sind Frauen. Aber: Auch die Zahl der männlichen Opfer ist gestiegen. Während es zuletzt 16,5 Prozent waren, sind es im Jahr 2015 bereits 18,2 Prozent gewesen. 

Und in welchen Situationen findet die Gewalt statt?

Die meisten Gewalttaten, insgesamt 63 Prozent, finden innerhalb der Ehe oder einer nicht ehelichen Lebensgemeinschaft statt. Bei 37 Prozent erfolgen Gewalttaten erst nach dem Beziehungsende.

Stammen die gewalttätigen Personen aus der Unterschicht?

Nein. Eine 2009 veröffentlichte Studie belegt, dass Menschen aus mittleren und hohen Bildungs- und Sozialschichten in höherem Maß Opfer werden, als es bis zu diesem Zeitpunkt bekannt war.

Warum bleiben die Frauen bei ihren gewalttätigen Männern?

Die Gründe sind sehr vielschichtig. In vielen Fällen wird die misshandelte Frau psychisch stark unter Druck gesetzt. Ein ganz typischer Grund ist das Jekyll-und-Hyde-Syndrom. Der Misshandler hat zwei Gesichter. Einerseits gibt er sich extrem liebevoll, andererseits misshandelt er durch Worte und/oder Taten. Es ist für die meisten Betroffenen nur schwer zu verstehen, dass ihr Partner zwei verschiedene Persönlichkeiten hat, die unmöglich miteinander vereinbar zu sein scheinen.

Hier erhalten Sie Hilfe: 

  • Die Beratung über das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist kostenlos und in 15 Fremdsprachen möglich. Neben Betroffenen können auch Angehörige und Bekannte hier Rat bekommen. Tel.: 0 80 00/11 60 16 
  • Der „Weisse Ring“ hilft Opfern und ihren Angehörigen. Es gibt ein kostenloses Telefon, eine Online-Beratung und Beratung vor Ort. www.weisser-ring.de
  • Der Verein „Frauenhauskoordinierung“ bietet die Möglichkeit, mit allen Frauenhäusern deutschlandweit Kontakt aufzunehmen. www.frauenhauskoordinierung.de

 

Szenen nachgestellt, Namen und Orte zum Schutz der Betroffenen geändert.

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