Endometriose: Wenn Schmerzen beim Sex nicht erklärbar scheinen

Was das bedeutet

04. September 2020

Haben Sie schon einmal das Wort Schokoladenzyste gehört? Wahrscheinlich nicht. Denn diese Zysten sind nicht süß, sondern Teil einer Erkrankung, die Endometriose heißt. Deren Beschwerden sind so unspezifisch und diffus, dass eine richtige Diagnose Jahre dauern kann. Zum Glück scheint sich das mittlerweile zu ändern.

Beachtlich:

  • Immerhin betrifft diese Erkrankung 5 bis 10 Prozent der weiblichen Bevölkerung. 
  • Und jedes Jahr gibt es 40.000 Neuerkrankungen. 

Dabei entfallen alle Frauen, die sich noch nicht oder nicht mehr im menstruierenden Lebensabschnitt befinden. Denn Endometriose ist eng mit dem Menstruationszyklus verbunden. 

Für Frauen mit einem unerfüllten Kinderwunsch ist dies besonders prägnant: Bis zu 60 Prozent dieser Frauen sind Endometrioseträgerinnen. Zudem wirkt sich Endometriose stark auf das Erleben von Sexualität aus. Denn eine gravierende Beschwerde sind Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Und wenn dafür keine Ursache zu finden ist, hat das sehr schnell Auswirkungen auf das Beziehungsleben. Frauen mit unerkannter Endometriose haben sehr häufig zu den eigentlichen Schmerzen zusätzlich unter dem Unverständnis der Umgebung zu leiden. „Stell dich doch nicht so an!“ Hier besteht daher dringender Aufklärungsbedarf.

Was verbirgt sich hinter dem unaussprechlichen Begriff „Endometriose?

Der Begriff leitet sich von dem lateinischen Namen der Gebärmutter ab: Endometrium. 

  • In der Gebärmutter wird jeden Monat aufs Neue die Gebärmutterschleimhaut als möglicher Nistplatz für ein befruchtetes Ei aufgebaut. 
  • Bleibt diese Befruchtung aus, löst sie sich und wird mit der nächsten Regelblutung ausgestoßen. 
  • Im nächsten Zyklus beginnt das Ganze wieder von vorn. 

Dabei kann es vorkommen, dass sich diese Schleimhaut auch außerhalb der Gebärmutter findet. Im Raum zwischen Enddarm und Scheide und an der Blasenwand scheinen die wenigstens Probleme aufzutreten. Befindet sich die Schleimhaut allerdings in den Eileitern, kann Sterilität eine Folge sein. Wer in diesem Fall einen Kinderwunsch hegt, sollte die künstliche Befruchtung ins Auge fassen. 

An den Eierstöcken finden wir die oben erwähnten Schokoladenzysten, die sich mit Blut füllen. Durch eine Bauchspiegelung kann eine solche Zyste ausgeschält werden. Wächst die Schleimhaut zwischen Enddarm und Gebärmuttermund, kann es zu Verklebungen und Verwachsungen der Eingeweide führen. Hierbei finden sich starke Beschwerden: Schmerzen beim Stuhlgang, beim Geschlechtsverkehr, bei der Regelblutung. Empfohlen wird in diesem Fall die operative Entfernung des erkrankten Gewebes. 

Endometriose beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Unterleib. Auch in der Lunge, im Zwerchfell, im Nabel oder sogar im Gehirn kann sich diese Schleimhaut entwickeln.

Warum ist die Erkrankung so schwer zu diagnostizieren?

Betroffene Frauen haben oft eine wahre Odyssee von Arztpraxis zu Arztpraxis hinter sich. Darüber kann man sich natürlich zu Recht aufregen und fragen, warum ein einzelner Arzt oder eine Ärztin nicht sofort eine Diagnose stellen kann. 

  1. Ein Grund ist sicherlich, dass die Symptome eben so diffus sind. Ein wichtiger Hinweis ist die Häufung der meisten Beschwerden zur Zeit der Menstruation. Aber nicht immer nehmen die Betroffenen diese Regelmäßigkeit auch selber wahr. Und nicht alle Symptome treten in diesem Zusammenhang auf. Wenn Sie unter den oben beschriebenen Beschwerden, Problemen beim Wasserlassen, Kreuzschmerzen oder ähnlichem leiden, achten Sie einmal darauf, wann genau diese Schmerzen auftreten und führen Sie Buch darüber. Das hilft dabei, einen Zusammenhang zu einer möglichen Endometriose herzustellen. 
     
  2. Ein weiteres Problem bei der Diagnose ist die schwierige Sichtbarmachung der Erkrankung. Nur selten sind Herde bei einer gynäkologischen Untersuchung direkt in der Vagina erkennbar. Während sich ein Myom relativ problemlos im Ultraschall feststellen lässt, muss eine Schokoladenzyste schon ordentlich gefüllt sein, bevor sie hier auffällt. Und selbst dann ist nicht unbedingt klar, dass es sich dabei um Endometriosezysten handelt. Weniger erfahrene Ärzte erkennen mögliche Verdickungen und Knoten vielleicht gar nicht erst. Letztendlich ist eine Bauchspiegelung erforderlich, um das Gewebe sicher zu untersuchen. 

Woher kommt die Erkrankung und was kann man tun? 

Diese Frage, woher Endometriose kommt, lässt sich schnell beantworten: Man weiß es nicht. Es gibt verschiedene Theorien: Von der genetischen Vererbung, die tatsächlich eine große Rolle zu spielen scheint, bis hin zu Veränderungen des Immunsystems. Zudem haben wir ja schon gesehen, dass sie sich in den unterschiedlichsten Körperstellen ausbreiten kann. Deshalb ist es auch so schwer, passende Behandlungsmethoden zu entwickeln.

Hier finden sich:

  • Schmerztabletten
  • Operationen 
  • Traditionelle chinesische Medizin
  • Akupunktur
  • Osteopathie
  • Ernährungsumstellung

Da Endometriose durch Sexualhormone bedingt ist - Östrogeneinfluss führt zur Ausbreitung der Erkrankung, während Östrogenmangel zur Rückbildung führt -, werden auch Hormone verschrieben. 

Endometriose wirkt über die körperlichen Beschwerden hinaus

Stellen Sie sich vor, Sie haben über einen längeren Zeitraum Schmerzen beim Sex. Ihr Gynäkologe oder Ihre Gynäkologin kann aber nichts feststellen. Dann heißt es sehr schnell, die Ursache sei psychosomatisch. Vielleicht wird Ihnen gesagt, Sie sein nicht offen genug, hätten versteckte Ängste oder ein Problem mit Ihrem Partner. Das kann ja auch tatsächlich sein. Irgendwann glauben Sie das zumindest selbst. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass Sie Schmerzen haben. 

Ihr Partner reagiert zuerst mit Verständnis, ist aber mit der Zeit völlig genervt. Vielleicht haben Sie sogar schon Schmerzen bei der bloßen Berührung Ihres Unterleibes. Womöglich glaubt Ihr Partner deshalb, Sie wollen sich nur vor ihm und dem gemeinsamen Sex drücken. An der Endometriose können tatsächlich Beziehungen zerbrechen. 

Volkswirtschaftlich betrachtet ist die Erkrankung auch kein Kinkerlitzchen. In den USA wird der Schaden durch Ausfälle auf ca. 22 Milliarden Dollar beziffert. Diese Höhe erreicht der durch Depressionen verursachte Schaden in Deutschland. Nun haben wir hier auch nur ein Viertel der Einwohner. Ok. Rechnen wir das grob herunter, bleiben auch bei uns knapp fünf Milliarden Dollar Schaden. Das ist immer noch eine ganze Menge. Im Schnitt sind die Betroffenen 45 Tage im Jahr arbeitsunfähig. Und trotzdem ist die Erkrankung weitestgehend unbekannt. 

Ein Grund mehr, sich auf die Wechseljahre zu freuen

Endometriose ist eine schwer zu erkennende und oft nicht einmal bekannte Erkrankung, von der Frauen im gebärfähigen Alter betroffen sind. Ist es mit der Fruchtbarkeit vorbei, verschwindet in den meisten Fällen auch die Endometriose. Nun ist das nur ein schwacher Hoffnungsschimmer, wenn eine Frau gerade 30 Jahre alt ist und unter den Schmerzen leidet. 

Wichtig ist, die Ursache herauszufinden, damit eben niemand sagen kann, „das ist doch nur in deinem Kopf“. Die Schmerzen sind da und haben in diesem Fall eine ganz klare körperliche Ursache. Allein dieses Wissen und das Gefühl, mit der Erkrankung ernstgenommen zu werden, löst viele Ängste. „Da ist wirklich etwas, das bilde ich mir nicht ein“. Und dann kann zusammen mit dem Arzt oder der Ärztin eine Behandlung angegangen werden. Sport, Entspannungsübungen, Akupunktur und eine Ernährungsumstellung können diese chronische Krankheit zwar nicht heilen, die Beschwerden aber lindern. Und spätestens mit den Wechseljahren kehrt dann wieder Ruhe ein. 

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Quellen: Wikipedia, Frauenärzte im Netz, Klinikum Bielefeld & Ärzteblatt

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