Lust und Orgasmus: Mädels, holt Euch, was Ihr braucht!

Sexualpädagogin Anja Drews spricht Klartext

Sex ist eine der schönsten Beschäftigungen, denen wir im Leben nachgehen können. Und gleichzeitig ist sie auch eine der störanfälligsten. Immerhin gibt es eine ganze Reihe von sexuellen Problemen. Manche haben wir mit uns selbst, manche mit dem Partner oder der Partnerin. Warum eigentlich? Es könnte doch alles so schön sein. Aber Wissenslücken, unrealistische Vorstellungen oder zu hohe Erwartungen machen Druck und geben uns das Gefühl, irgendetwas sei falsch mit uns oder mit dem oder der anderen. 

Aber das können wir ändern! Und wie? Indem wir offen und bereit sind, Neues zu lernen. Nehmen wir einmal den Orgasmus. Den weiblichen, denn der ist ja bekanntermaßen etwas komplizierter. Da hören wir manchmal, Frauen bräuchten Gefühle und wahnsinnig viel Vertrauen, um sich fallen lassen zu können. Sonst wird das nichts. Aber sind Frauen wirklich so gefühlsduselig? Nein! Auch Frauen können so richtig geil sein ohne das große Gefühlskino. Und sie können kommen, was das Zeug hält. Allerdings habe ich eine Einschränkung: Sie müssen dafür lernen, das Zepter selber in die Hand zu nehmen. Und damit meine ich nicht den Penis. ☺

Männer sind nicht für den Orgasmus der Frauen verantwortlich!

Nee, im Ernst? Ja. Jetzt erst einmal ganz tief ausatmen und diesen Satz sacken lassen. Denn es lastet tatsächlich viel Druck auf den Schultern der Männer. Sie glauben häufig, dass sie für den Höhepunkt ihrer Partnerin verantwortlich seien. Nicht umsonst heißt es ja auch, „es ihr richtig zu besorgen“. So manche Frau erwartet dies aber auch genauso von ihrem Liebhaber und denkt, dass sie eigentlich nichts weiter zu tun habe. Er müsse das schließlich selber wissen. 

Aber woher denn? Falsche Einstellung. Also raus mit der Sprache. Was genau wollen Sie? Trauen Sie sich, über Ihre Wünsche und Bedürfnisse zu reden? Damit übernehmen Sie selber Verantwortung für Ihre Lust:

•    Sie brauchen ein längeres Vorspiel? Na, dann los! Sagen Sie, dass Sie noch nicht soweit sind oder dass es Ihnen gerade sehr gut gefällt, was Sie beide da treiben. 
•    Sie liegen gar nicht so gern unten? Dann drehen Sie sich um oder schwingen Sie sich auf! Das ist ohnehin die sicherste Stellung für einen Höhepunkt. 

Die Klitoris ist federführend beim weiblichen Orgasmus. Viele Frauen brauchen deshalb eine mehr oder weniger direkte Stimulation, um zum Höhepunkt zu kommen. Daran sollten Sie immer denken - Frauen wie Männer. Und wenn Sie in der Reiterstellung oben sitzt, können Sie Ihre Becken so vor- und zurückkippen, dass Sie dabei Ihre Klitoris an seinem Schambein reiben. Dazu können Sie Ihre Beckenbodenmuskeln anspannen und entspannen. 

Spüren, fantasieren, berühren

1.    Probieren Sie etwas aus: Setzen Sie sich aufrecht auf einen Stuhl. Dann rollen Sie auf Ihren Sitzhöckern vor und zurück, so dass Ihre Vulva Kontakt mit der Sitzfläche hat. Na, spüren Sie schon etwas? Genau das können Sie auch beim Sex machen. In jeder Stellung übrigens. Bewegen Sie sich und nutzen Ihre eigene sexuelle Energie! 

2.    Was erregt Sie? Überlassen Sie es nicht nur Ihrem Partner, Sie heiß zu machen. Unsere Fantasie ist ein mächtiger Motor, wenn es um unsere Erregung geht. Welche Szenen spielen sich ab in Ihrem Kopfkino? Und was können Sie sich noch alles vorstellen? Hier gibt es keine Tabus. Und es ist auch nicht verboten, dieses Kopfkino laufen zu lassen, während Sie sich mit Ihrem Liebsten vergnügen.

3.    Gibt es Berührungen, die Sie besonders antörnen? Weiß Ihr Liebster davon? Erregung ist so ungemein wichtig. Manchmal legen wir einfach schon einmal los und hoffen darauf, dass sie dann schon von allein kommt. Das kann auch gut so sein. Wichtig ist, ob das bei Ihnen so ist. 

Wenn Sie einfach nur Nähe wollen, geht das auch so. Wenn Sie aber einen Höhepunkt erleben wollen, dann sollten Sie wirklich heiß sein. Denn erst wenn Frauen erregt sind, fließt Blut in ihre Scheide. Das ist wie beim Penis. Die äußeren und inneren Lippen werden dicker, verändern ihre Farbe und werden dunkler. Der Scheideneingang schwillt ebenso an und wird enger. Und es wird feucht. Und dann erst werden Berührungen so richtig lustvoll.

Bewohnen Sie Ihre Vagina

Viele Frauen sind sehr verhalten, was Ihr eigenes Geschlecht angeht. Sie kennen ihre Vagina oft gar nicht wirklich. Im Gegensatz zu Männern, die Ihren Penis von klein auf sehen und in den Händen halten, liegt das Geschlecht der Frauen im Verborgenen. Und dies nicht nur körperlich. Durch eine wenig lustfördernde Erziehung haben sie manchmal sogar sehr starke Hemmungen, sich diesem Körperteil zu nähern. Das ist schade. Männer sind stolz auf ihren erigierten Penis, während Frauen sich für ihr geschwollenes Geschlecht eher schämen. Doch wenn wir etwas nicht wirklich willkommen heißen, ist es schwierig, hier lustvolle Gefühle zu entwickeln. 

Und so habe ich zwei Bitten an Sie:

1.    Meine Bitte an die Männerwelt lautet daher, ihrer Liebsten zu zeigen und zu sagen, wie schön ihre Vulva und ihre Vagina sind und dass sie stolz auf dieses wundervolle Lustzentrum sein dürfen. 
2.    Und welche Bitte gebe ich den Frauen mit? Erkunden Sie sich selbst. Betrachten Sie sich im Spiegel, erforschen Sie sich, finden Sie heraus, welche Berührungen besonders angenehm sind. Trauen Sie sich, tiefer einzutauchen. Finden Sie Ihren G-Punkt? Ihren Muttermund? Lernen Sie sich kennen und geben Sie die Verantwortung nicht ab!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION