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Orgasmus vortäuschen? Warum wir die Wahrheit als Chance sehen sollten

Sexual-Pädagogin Anja Drews gibt Tipps

Sie sind seit Jahren ein Paar. Es läuft so geht so. Sie reden nicht viel miteinander und dann sind da auch noch die Kinder. Die beiden Kleinen brauchen viel Aufmerksamkeit und fordern ihrer Mutter so einiges ab. Er wiederum ist beruflich viel unterwegs und nur am Wochenende zuhause. Er trägt die Verantwortung wie eine Last auf den Schultern, während sie sich allein gelassen fühlt. Und im Bett? Naja, viel läuft nicht, dazu ist kaum Zeit. Und wenn, dann ist es das Übliche. Sie schlafen nach Schema F miteinander, bis er kommt. Umdrehen, fertig. Sie kommt nicht, tut aber so, damit er zufrieden ist. 

Sie überlegt, wie sie es ihm jetzt sagen soll, fürchtet aber seine cholerischen Anfälle. Immerhin geht das schon eine lange Weile so. Jetzt die Karten auf den Tisch zu packen, scheint ihr unmöglich. Je länger sie aber den Mund hält, desto unzufriedener wird sie. Immerhin kommt sie dauerhaft zu kurz. Er nun wieder denkt, es gefalle ihr. Also braucht er aus seiner Sicht auch nichts zu ändern. Wenn sie ihm jetzt mitteilt, dass er völlig falsch liegt, wird er sich vermutlich hintergangen fühlen und ihr Betrug vorwerfen. Ist er damit sogar im Recht?

Männer und Frauen unterscheiden sich nur wenig

Diese kleine Geschichte habe ich mir nicht ausgedacht. Ungefähr so schilderte mir eine Frau von Mitte 30 ihr erotisches Zusammensein mit ihrem Mann. Nun muss es nicht immer gleich so eingefahren sein wie in diesem Fall. Das ist es aber leider viel zu oft. Zudem ist das Vortäuschen auch keine reine Frauensache. Männer tun es ebenfalls. Es geht hier also um beide Geschlechter. Deswegen werde ich der Einfachheit halber im Folgenden „der Partner“ schreiben. Gemeint sind aber immer beide. 

Es gibt verschiedene Untersuchungen darüber, wie viele Menschen schon einmal in ihrem Leben zu dieser Notlüge gegriffen haben. Ich habe sogar schon einmal gelesen, dass Männer es häufiger täten als Frauen. Solche Zahlen sind hier aber gar nicht wichtig. Wichtig sind die Paare, die in dieser Mühle gerade dauerhaft feststecken. Und normalerweise stehen bei diesem Thema die Gründe für das Vortäuschen im Vordergrund. Aber es gehören immer zwei dazu:

•    Einen, der macht.
•    Und einen, der machen lässt. 

Darum soll es hier gehen.

Absichtlich, unabsichtlich? Ja. Aber böswillig?

Es ist naheliegend, dass der Getäuschte sich hintergangen oder verletzt fühlt. Und darauf kann man auch wütend reagieren. Aber es ist nicht so, als würde hier irgendjemand absichtlich böswillig einen Höhepunkt vortäuschen. Naja, vielleicht schon absichtlich, schließlich macht eine theatralische Höchstleistung den anderen glauben, das sei der tollste Höhepunkt aller Zeiten gewesen. Obwohl gar nichts passiert ist. Unabsichtlich geht das aber auch. Und zwar dann, wenn der oder die andere die Anzeichen – stöhnen, sich winden, verkrampfen, in die Kissen fallen - für einen Orgasmus hält und gar nicht erst nachfragt. Wenn der oder die andere dann nicht deutlich sagt „Du, das war gerade kein Orgasmus. Ich bin noch nicht fertig!“ nimmt das Missverständnis seinen Lauf. 

So täuschen wir zwar absichtlich oder unabsichtlich vor. Aber böswillig, um den anderen aus ganz gemeinen Gründen zu täuschen? Um dann irgendwann hämisch sagen zu können „Alter, du bist in Wirklichkeit ein miserabler Liebhaber?“ oder „Ich fand deinen dicken Hintern noch nie attraktiv“? Das dann doch nicht. Niemand hat wirklich Spaß daran. Wir täuschen vor, weil wir in diesem Moment keine andere Lösung sehen. 

Vielleicht: 

•    wollen wir keinen Streit verursachen.
•    wollen wir keinen Druck aufbauen, weder für uns noch für den anderen.
•    trauen uns ganz einfach nicht, die Wahrheit zu sagen.
•    wissen wir selber nicht, wie wir zum Höhepunkt kommen.
•    fühlen wir uns von dem anderen nicht verstanden.
•    gehen wir Unstimmigkeiten generell lieber aus dem Weg. 
•    haben wir am Anfang die falschen Signale ausgesendet und kommen da nicht mehr heraus.
•    hoffen wir immer noch, der Sex wird besser, ohne dass wir darüber reden müssen.

Vortäuschen als Symptom der Sprachlosigkeit in der Beziehung

Welche Gründe auch immer dahinter stecken: Wenn einer dem anderen etwas vortäuscht, dann gehören da noch immer zwei dazu. Fasst sich die Frau aus dem Beispiel jetzt ein Herz und sucht das Gespräch, wird ihn das vermutlich verletzen. Er kann toben und sie mit Vorwürfen überschütten. Er kann sich aber genauso gut auch fragen, wie es ihr die ganze Zeit damit ergangen ist. Denn, wie schon beschrieben, wird es auch für sie nicht angenehm gewesen sein. Und sie wird ihn garantiert nicht in böser Absicht hinters Licht geführt haben. Er kann sich fragen, welche Signale er ausgesendet hat:

•    Warum hat sie sich nicht früher getraut, ihm die Wahrheit mitzuteilen? 
•    Was läuft schief zwischen den beiden?

Das Vortäuschen kann ein Symptom für ein generelles Beziehungsproblem sein. In unserem Beispiel herrscht ohnehin eine große Sprachlosigkeit. Eine Sprachlosigkeit, in der es schon lange keinen Austausch mehr gibt über Gefühle, über das Wir und über das Miteinander. Auch beim Sex agieren die beiden nebeneinander her. Hier liegt also die Chance, über das Vortäuschen überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen und gemeinsam nach den Ursachen und Hintergründen zu schauen. Welchen Beitrag leistet jeder zur Aufrechterhaltung des Problems? Was können sie ändern, damit beide zufrieden sind? Wir sollten den Blickwinkel ändern von „Warum tut er/sie mir das an?“ hin zu „Welchen Anteil habe ich daran, dass er/sie nicht ehrlich sein konnte?“

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION
 

Themen
Sex