Single oder Paar: Vom Mythos über den Sex der Anderen

Von unserer Sex-Pertin Anja Drews

Es gehört wohl zur Natur des Menschen, sich immer nach dem zu verzehren, was die anderen haben. „Du hast so schöne Locken! Sind die echt?“ So wie mich andere Frauen um meine Locken beneiden, sehne ich mich nach ihren glatten Haaren. Nun ja, ich kann es nicht ändern. Es ist, wie es ist. Und so habe ich gelernt, meine zuweilen unkontrollierbaren Haare zu akzeptieren und freue mich mittlerweile auch die meiste Zeit darüber. Ich bilde mir trotzdem ein, dass es Menschen mit glatten Haaren morgens viel einfacher haben. Ab und zu wird mir ein Blick hinter die Kulissen gewährt und dann stelle ich fest, dass meine Annahme ein Trugschluss ist. Nichts ist einfacher und vielleicht habe ich am Ende sogar weniger Arbeit. 

Warum ich Ihnen das erzähle? Dieser Einblick in das Leben der Anderen wird uns nicht immer gewährt. Und so entsteht zuweilen ein Mythos des vermeintlich besseren Lebens dieser Anderen. Nehmen wir den Beziehungsstatus in Verbindung mit Sex. Paare denken, Singles ziehen um die Häuser und haben jede Menge Spaß und Sex. Und Singles sehnen sich nach der partnerschaftlichen Vertrautheit, der Sicherheit und dem regelmäßigen Sex. Wir mutmaßen, der Sex der Anderen sei einfacher, besser. Aber stimmt das auch? Mitnichten.

Schlaraffenland Beziehungsleben?

Es kann schon sein, dass Paare mehr Sex haben. Allerdings trifft das eher in der Anfangsphase einer Beziehung zu. Die wenigsten Paare schaffen es, über die Jahre dieses Anfangslevel zu halten. Oder auch nur etwas annährend Ähnliches. Das liegt ganz einfach daran, dass dieser Anfang mit den Schmetterlingen im Bauch und dem permanent erhöhten Hormonlevel der Ausnahmezustand ist. Und nicht das, was danach kommt. 

Erst das, was danach kommt, ist erst das wahre Leben. Und das ist auch ganz gut so, denn wie sonst sollten wir unser gemeinsames Leben mit all den Verpflichtungen und Plänen in den Griff bekommen, wenn wir uns dauerhaft im Ausnahmezustand befänden? 

  • Statt also jeden Abend übereinander herzufallen, sitzen Paare irgendwann gern einfach auf der Couch und gucken Fernsehen. 
  • Oder sie sind in ihre Ipads oder Iphones vertieft. 
  • Vielleicht sind sie auch gar nicht zuhause, sondern unterwegs. Und das auch getrennt voneinander.

Viele Paare stellen fest, dass sie nach dem Zusammenziehen fast weniger Zeit füreinander haben als zuvor. 

Wie oft Paare tatsächlich Sex haben, ist je nach Studie höchst unterschiedlich und variiert eben auch mit der Beziehungsdauer. Letztendlich muss jedes Paar für sich entscheiden, was gut ist. Für viele ist Sex einfach auch nicht das Wichtigste in einer Beziehung. „ Ich denke, Sexualität ist wichtig, aber nicht der Hauptbestandteil. Es geht auch ohne.“ So eine 30-jährige Hamburgerin. Das Liebesleben kommt nicht selten sogar ganz zum Erliegen. 

Die sexfreudigen Singles?

Neidisch gucken Paare dann auf Singles und denken: „Ach, könnten wir das doch jetzt auch machen! Einfach losziehen und uns Gespielen oder Gespielinnen suchen!“ Und was machen derweil die Singles im wahren Leben? Hoch die Tassen und ab ins Nachtleben? Das kann mitunter schon sein. Aber jedes Wochenende ein sexuelles Abenteuer? Weit gefehlt. 

Die allermeisten Singles könnten Sex haben. Möglichkeiten gäbe es tatsächlich mehr als genug. Sie wollen aber nicht. Nicht so zumindest. Sie wollen Sex mit Liebe. Dafür braucht man aber eine Beziehung, egal in welcher Form. Die große Liebe, Mingles, Polyamorie, friends with benefits, eine vertrauensvolle Affäre. Nur ein sehr kleiner Teil der Singles turnt durch die Betten. 

  • 2004 frönten laut dem Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt ganze vier Prozent aller Singles der freien Liebe. 

Das kann sich mittlerweile durch die veränderten Kontaktmöglichkeiten geändert haben. Aber ganz ehrlich, nach meiner Erfahrung nicht wesentlich. Technik hin oder her, die eigenen Restriktionen und Träume werden dadurch nicht weggezaubert. Und so schauen die Singles auf die Paare und wünschen sich sehnlichst auch genauso eine Beziehung mit ganz viel Sex. Den sie dort ja vermuten.

Bleiben Sie bei sich selbst!

Manche Dinge sind eben nicht so, wie sie scheinen. 

Anderseits kann es eben genau anders herum sein und wir haben gar keinen Sex. Egal, in welchem Status wir uns befinden. Und auch das kann trotzdem wunderbar sein! 

Letztendlich ist es immer das, was wir daraus machen. Daran sollten wir denken, anstatt zum Nachbarn zu schielen und zu mutmaßen, was sich dort wohl abspielen könnte. Und uns nach dem zu sehnen, was es dort vielleicht gar nicht gibt. Denn damit liegen wir viel zu oft meilenweit daneben. 

Gerade über Sex wird zwar öffentlich jede Menge geschrieben, geredet oder gefilmt. Was sich aber wirklich in den Betten abspielt, wissen wir gar nicht so genau. Und selbst wenn wir nachfragen, bekommen wir wahrscheinlich geschönte Geschichten. Wer will schon zugeben, ein ungestilltes Bedürfnis zu haben? Keine Lust zu haben? Darüber redet niemand gern. Weder die Einen noch die Anderen. 

Dabei sind sexuelle Probleme und Unlust in Beziehungen häufig ein Trennungsgrund. Wer also gerade Single ist, sollte sich lieber einmal überlegen, was daran eigentlich das Schöne ist und das auskosten. Und wer sich in seiner oder ihrer Beziehung mehr Sex wünscht, kann auch etwas dafür tun. Denn sich zu sehen, miteinander zu reden und zu schlafen, erfordert Aufmerksamkeit für den anderen und für die Beziehung. Beides geht. Man muss es nur wollen.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION
Datum: 06.05.2020

Quelle: Schmidt, G., Matthiesen, S., Dekker, A., Starke, K.. Spätmoderne Beziehungswelten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2006.

 

 

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