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Sittengeschichte der Welt: Die Polygamie der Eskimos

So verändert sich unsere Art zu lieben

Können Sie sich vorstellen, Ihre/n Liebste/n einem/r Freund/in anzubieten, weil der/die sich vielleicht einsam fühlt? Und dies auch noch ganz selbstlos zu tun und im vollen Einverständnis aller drei Parteien? Vermutlich nicht. Es ist wohl ebenso unwahrscheinlich, dass die beiden anderen begeistert auf das Angebot reagieren. Trotzdem ist dies eine Form der Beziehung, die über viele Jahrhunderte bei denn Eskimos praktiziert wurde. Und die natürlich auch einen Grund hatte.

Wir sind nicht das Maß aller Dinge

Wir denken so oft, unsere Art zu leben sei der Status Quo. So gehöre das und nicht anders. Aber so ist das gar nicht. Alles ist im Fluss. Auch die Art, wie wir Beziehungen gestalten, hat sich verändert und wird sich weiterhin verändern. 

•    Von der Vernunftehe zur Liebesehe: Es gab lange Zeiten auch in unserer Kultur, in denen die Liebe nicht in die Ehe gehörte, sondern außerhalb gelebt wurde.
•    Von der Ehe als Legitimierung von Sexualität zur Sexualität ganz ohne Ehe: Unsere Eltern oder Großeltern haben noch Zeiten erlebt, in denen Menschen nur innerhalb der Ehe Sex haben durften.

Heute gilt die Ehe hierzulande gar als aussterbende Beziehungsform. Nun scheint sie aber doch noch eine Renaissance zu erleben. Seit 2015 wagen erstmals wieder mehr Menschen den Schritt vor den Altar oder das Standesamt. 

Aber es kann auch ganz anders gehen. Das zeigt der Blick in andere Kulturen. Und auch ein Blick in die Geschichte überrascht mit vielen für uns ganz ungewöhnlichen Beziehungsformen. Natürlich hat sich durch die Christianisierung, Modernisierung und Globalisierung vieles geändert, so dass die überlieferten Traditionen vielerorts ausgemerzt wurden. So ist es bei den Eskimos - oder Inuits, wie sie auch genannt werden - geschehen. Bevor die Europäer die alten Traditionen für unchristlich erklärten, verlief das Leben und Lieben dort nach ganz eigenen Regeln. 

Vielweiberei und Vielmännerei parallel nebeneinander

Bei den Eskimos in Alaska konnte jeder Mann so viele Frauen haben, wie er ernähren konnte. Dabei ging es weit weniger um die Befriedigung sexueller Gelüste als vielmehr darum, in einer Arbeitsgemeinschaft das Überleben zu sichern. Und das war ein harter Kampf. Große Gemeinschaften gab es nicht, man lebte eher in kleineren Gruppen. Partnerschaften wurden ganz pragmatisch geschlossen. Entweder wurde die Ehe von den Familien arrangiert oder ein Mann schaute sich in der näheren Umgebung oder der eigenen Siedlungen um. Er suchte sich eine Frau aus, die nicht allzu nah mit ihm verwandt war. War der Brautpreis bezahlt, zog sie sang- und klanglos zu ihm. 

Große Hochzeitspartys gab es nicht. Und klappte es so gar nicht mit dem Zusammenleben, wurde die Frau zurückgeschickt und der Brautpreis erstattet. Der Ehemann konzentrierte sich auf die Jagd, während die Ehefrau für die Verarbeitung der Jagderzeugnisse und das Zuhause zuständig war. Kinder waren höchst willkommen. Und das auch bei unverheirateten Frauen übrigens. Wenn sich ein Mann eine zweite oder gar dritte Frau dazu holte, dann hatte das nichts mit sexuellen Ausschweifungen zu tun sondern vielmehr mit dem steigenden Arbeitsaufwand. Denn je erfolgreicher der Jäger war, desto mehr Arbeitskraft brauchte er. Es konnte aber auch sein, dass sich eine Frau zwei Männer nahm. Der Vorteil bestand darin, dass sie damit im nicht seltenen Todesfall des Mannes abgesichert war. Es gab somit beides parallel: Vielweiberei wie auch Vielmännerei.

Ohne Besitz gibt es keinen Besitzanspruch

Im Gegensatz zu vielen anderen Kulturen wurde bei den traditionell lebenden Eskimos nicht viel auf Besitz und weltliche Güter gegeben. Wie auch. In den Weiten der Eiswüste wären eine Villa, goldenes Tafelbesteck oder kostbarer Schmuck doch eher hinderlich und von wenig Nutzen. Das Hab und Gut beschränkte sich daher auf Kleidung, Waffen, Boote, Schlitten, Zelte. Also auf all das, was man für das Überleben brauchte. 

Vielleicht hatte das etwas mit dem fehlenden Besitzanspruch gegenüber den Partnern zu tun. Mein Haus, meine Jacht, meine Frau. Dieses Prinzip galt hier ganz offensichtlich nicht. Und das reichte tatsächlich so weit, dass bei Übernachtungen auf ausgedehnten Jagden die eigene Ehefrau ganz freundschaftlich fürs Bett angeboten wurde. Auch ein regelrechter Partnertausch war nicht unüblich. Man vermutet hinter diesen Bräuchen auch ganz nüchtern das Bestreben nach einer Durchmischung des Erbgutes und einer Vermeidung von Inzucht. 

Auch Liebe ist einem kulturellen Wandel unterworfen

Die Geschichte der Eskimos zeigt uns einmal mehr, wie sehr unsere heutige Lebensweise von unseren Lebensumständen geprägt und vor allem so gar nicht in Stein gemeißelt ist. Und sie zeigt, dass auch Gefühle wie Liebe und Zusammengehörigkeit diesem Wandel unterworfen sind. Was wir heute von der Liebe erwarten, kann woanders ganz anders wahrgenommen werden. 

Der Jahrtausende alten Lebens- und Liebesweise der Eskimos wurde übrigens mit dem Eintreffen christlicher Missionare in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein unglückliches Ende gesetzt. Was heute geblieben ist, sind Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt zu einem großen Teil nicht mehr selber erwirtschaften können und deren Familienverhältnisse gelinde gesagt schwierig sind. Das Übliche eben, wenn „moderne“ Menschen meinen, anderen das richtige Leben beibringen zu wollen. Das ist heute nicht anders als damals.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Quellen: 
-    Kultur- und Sittengeschichte der Welt. Eros. Sexus. Sitte. 1971, S. 47-49
-    https://de.wikipedia.org/wiki/Inuit-Kultur#Brauchtum
 

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