Teddybären im Liebesnest?

Expertin Anja Drews über Kuscheltiere im Bett

Es ist soweit: Sie nimmt ihn endlich mit nach Hause. Juhu! Vor der Haustür schieben sich seine Hände unter ihr Shirt, während sie ihm wollüstig ihre Brüste entgegenreckt. Im Treppenhaus wird wild geknutscht und vor der Wohnungstür öffnen sich wie von selbst die Hosenknöpfe. Auf dem Weg durch den Flur fallen die ersten Kleidungsstücke auf den Boden, besinnungslos taumeln sie ins Schlafzimmer, eine Hand ertastet den Lichtschalter, er blinzelt sie an, schließlich will er sich keinen einzigen Quadratzentimeter ihres göttlichen Körpers entgehen lassen. Sein Blick fällt erwartungsvoll auf das Bett. Und da trifft es ihn wie ein Schlag. Rund um ihr Kopfkissen herum liegen Stofftiere. Nicht nur ein einziges, nein, eine ganze Herde knuddeliger, süßer, knopfäugiger Tigerenten, Löwchen, Lämmchen, Hündchen, Teddybären.

Oh nein. Sofort schalten sich sein Gehirn ein und seine Erektion aus. Wilder Sex inmitten dieser haarigen Beobachter? Kann eine Frau, die derart heiß rüberkommt, tatsächlich eine Armee von Kuscheltieren im Bett haben? Selbst wenn es nur eine einzige Tigerente wäre, würde es ihn irritieren. Was bedeutet das? Kann es sein, dass sich irgendwo in dieser so unglaublich herrlichen Frau ein kleines Mädchen mit einem besonderen Bedürfnis nach Kuscheln und Zärtlichkeit versteckt? Aber selbst wenn, was wäre daran so schlimm? Passen Sex und Kuscheln nicht zusammen?

Sind Werkzeuggürtel ein Zeichen von Männlichkeit?

Kuscheltiere im Bett, schon wieder so ein Reizthema. Was für die einen ganz normal ist, lässt die anderen zweifeln. In der kleinen Geschichte hätte es übrigens auch anders herum sein können. Schließlich gibt es durchaus auch Männer, die dieser Leidenschaft frönen. Allerdings dürfte das Verhältnis alles andere als ausgewogen sein. Schließlich wollen/ sollen Männer männlich sein und dazu passen nun wirklich keine Kuscheltiere. Männer bräuchten dem Klischee nach eigentlich einen Werkzeuggürtel, den sie um ihr Kopfkissen herum drapieren. Auch eine schöne Vorstellung ☺

Stofftiere können einfach nur Erinnerungsanker sein

Wobei ich ja gestehen muss, dass auch ich einen Teddybären habe. Der ist nur zwei Jahre jünger als ich, für einen Teddybären somit steinalt, und diente mir in frühester Jugend als treuer Begleiter. Teerspuren am linken Fuß deuten darauf hin, dass ich ihn tatsächlich überall mit mir herumgeschleppt habe. In den letzten vier Jahrzehnten erblickte er nur selten das Licht der Welt. Sein Lebensraum ist ganz hinten in meinem Kleiderschrank, wo er zu einem Leben in ewiger Dunkelheit verdammt ist. Aber wegwerfen kann ich ihn auch wieder nicht. Es ist dieses kleine Stückchen Erinnerung, das ihm das Leben rettet.

Emotionale Stütze in Krisenzeiten

Was hat es denn nun mit den Stofftieren auf sich? Haben diese Menschen Bindungsprobleme? Sind sie womöglich emotional unreif? Auf diese Gedanken könnten wir ja tatsächlich kommen. Bei Kindern sind Stofftiere schließlich kein Thema, da gehören sie dazu. Kinder sind noch nicht erwachsen und in ihrem Ich völlig ausgereift. Aber bei Erwachsenen? Bisher hatte man sich hinsichtlich dieser Frage nur mit Psychiatrie-Patienten und Patientinnen auseinandergesetzt. Und hier scheint es wohl tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Stofftierliebe und Persönlichkeitsstörung zu geben. Aber ganz ehrlich, wer sich längerfristig in einer Klinik aufhalten muss, ist wohl auf jede emotionale Stütze angewiesen. Und seien es eben Teddybären.

Die Schotten auf Teddybärenforschung

Aber was ist mit der „normalen“ Bevölkerung? Hier hatte bislang noch niemand geschaut. Also begaben sich schottische Wissenschaftler um den Psychologen Stuart Brody herum auf die Suche nach Erkenntnissen in der Teddybären-Frage und befragten dazu 148 Studierende. Zwei Drittel der Befragten bekannten sich schuldig, einen solchen Freund ihr Eigen zu nennen. Na klar, mehr Frauen als Männer. Mir erscheint dazu Eckart von Hirschhausens Annahme plausibel, dass Frauen die für sie gewonnenen Kirmes-Stofftiere nur einfach nicht wegwerfen wollen. Erstaunlich übrigens, dass Männer sich zwar über Stofftiere erhaben fühlen, aber stolz wie Oskar sind, wenn sie einen solchen beim Schießen gewinnen. 

Immer schön kritisch bleiben

Stuart Brodys Truppe fand keinen Zusammenhang zwischen Stofftierbesitzern und unreifen Verhaltensweisen, Gewissenhaftigkeit oder mangelnder Selbstregulierungsstärke. Somit scheint eines klar: Kuscheltierbesitzer und -besitzerinnen sind im Vollbesitz ihrer geistigen und emotionalen Kräfte. Weg mit der Küchenpsychologie. Aber ich bitte um eine kritische Betrachtungsweise. Denn Stuart Brody ist auch der Wissenschaftler, der behauptet, dass vaginale Orgasmen besser seien als alle anderen. Frauen, die ihn bekämen, seien psychologisch gereifter und gesünder. Na, vielen Dank. Damit wären die Männer raus aus der Problemsituation. An ihnen könnte es demnach im Zweifelsfall nicht liegen. Aber das ist ein anderes Thema.

Teddybären bedeuten nicht das Aus für heiße Liebesnächte

Wie dem auch sei, ob nun Teddybärenliebe ein Zeichen für emotionale Reife oder gerade nicht ist, müssen wir uns überlegen, wie wir mit den stillen Bettgefährten umgehen. Wäre es für sie, um in unserem obigen Beispiel zu bleiben, ein Problem, diese aus dem Bett zu verbannen, sobald er die Arena betritt? Oder könnte er sich damit arrangieren, dass sie Zuschauer haben? Könnte er sie fragen oder sie ihm erklären, welche Bedeutung die Tierchen für sie haben? Vielleicht hat sie einfach noch nie darüber nachgedacht, warum sie ihr Bett bis heute mit Stofftieren teilt. Vielleicht hat sie auch tatsächlich ein höheres oder ungestilltes Bedürfnis nach mehr Zärtlichkeit. Und haben wir nicht alle unsere kleinen liebeswerten Eigenarten?

Aber Sex ist nicht nur ficken. Sex ist nicht nur ernsthaft und überwältigend. Sex ist auch ein inniger Kontakt zu dem oder der anderen. Über Sex treten wir in diesen Kontakt miteinander. Wir bringen unsere ganze Persönlichkeit, unsere Eigenarten, Wünsche, Bedürfnisse, Vorlieben und Abneigungen mit in diesen Kontakt. Sex ist auch ein Spiel, das eine gute Portion Humor verträgt. Und dabei können Stofftiere ganz wunderbare Mitspieler sein. 

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

 

Quelle: Dr. Eckart von Hirschhausen: Ein Bär ist ein Bär. Gehirn & Geist, Dossier 2/2017, S. 98. und link.springer.com

 

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