Von Schamlippen, Venuslippen und Liebeslippen

Sexualpädagogin Anja Drews auf der Suche nach erotischen Genitalnamen

Liebe Leser*innen, liebe LeserInnen oder einfach liebe Leser? Welche Anrede ist nun politisch korrekt und gibt es auch wirklich erotische Namen für unsere Genitalien oder sollten wir bei den wissenschaftlichen bleiben? Sexual-Pädagogin Anja Drews ist auf der Suche nach Antworten.

Ich bin verwirrt und finde keine Antwort. Es geht um unseren Sprachgebrauch. Das fängt schon damit an, dass die Verwendung des maskulinen Neutrums in der deutschen Sprache verpönt ist. Es heißt heute nicht mehr einfach „der Partner“ sondern „der Partner und die Partnerin“. Wer das abkürzen mag, kann auch das akademische große I verwenden wie in „die PartnerInnen“ oder das Gendersternchen * wie in „die Partner*innen“. 

Obwohl ich es vollkommen richtig und auch wichtig finde, Frauen in dieser Form explizit zu erwähnen, wenn beide Geschlechter gleichermaßen gemeint sind, führt das dennoch zur Verwirrung. Erstens sind Texte in dieser Schreibweise irgendwann nicht mehr lesbar. Und ich schreibe jede Menge Beiträge, wie Ihr vielleicht wisst. Dabei schreibe ich vor allem aus der heterosexuellen Sicht. Also kommen in meinen Texten mal Frauen, mal Männer und meistens beide zusammen vor. Und ich verwende mal das große I und mal das *, manchmal schreibe ich auch alles aus. Warum das nun wieder? Weil ich mich nicht für eine Form entscheiden kann. 

Ohne die weibliche Form verschwinden die Frauen

Würde ich hingegen auf das alles verzichten und nur das maskuline Neutrum wie in „der Partner“ verwenden, könnten Sie meinen, ich schriebe nur für homosexuelle Männer. Und das ist auch mein zweiter Punkt. Den finde ich fast noch schlimmer, denn irgendwann ist nicht mehr klar, um wen es eigentlich geht, wenn jemand nicht beide Geschlechter explizit erwähnt. Es gibt jede Menge Menschen, die sagen, dass es ihnen egal ist, ob die weibliche Form nun extra Erwähnung findet oder nicht. Es gibt auch eine Menge Leute, denen es solange egal ist, ob ihr Telefon abgehört wird, bis ihnen jemand sagt, dass die Verabredung zum Fremdgehen oder zur Schwarzarbeit dann auch mitgehört bzw. mitgelesen wird. Ups. 

An wen denken Sie bei der Frage: „Hat hier jemand seinen Lippenstift verloren?“. Also ich habe da sofort eine Gruppe Jungs vor Augen, die mit rotgeschminkten Lippen kichern und eifrig nicken. Ein anderes Beispiel: Neulich las ich in einem Artikel von Wissenschaftlern, die den G-Punkt nicht gefunden hätten. Klar, dachte ich, da haben mal wieder Männer geforscht. Etwas später fragte ich mich, ob die Verfasser des Artikels tatsächlich von männlichen Wissenschaftlern sprachen oder einfach nur das maskuline Neutrum verwendet hätten. Bei letzterem wären dann auch Wissenschaftlerinnen impliziert. Damit hätten auch Frauen den G-Punkt nicht gefunden. Hm. Versteht Ihr den Unterschied? Ich könnte mich dann zumindest nicht mehr nur über die bornierten Männer aufregen.

Erotische Genitalnamen? Fehlanzeige!

So, das war das eine. Das andere sind Begrifflichkeiten aus der Sexualität. Und nun komme ich auch endlich zu meiner Verwirrung. Denn manchmal sitze ich zehn Minuten vor einer Zeile und überlege, welches Wort ich verwenden möchte. 

  • Nehmen wir einmal den Geschlechtsverkehr. Was für ein bescheuertes Wort! Geschlechter, die miteinander verkehren. Vielleicht noch mit einem Zylinder auf dem Kopf. Abgesehen davon wird Geschlechtsverkehr meines Erachtens auch viel zu oft mit Sex gleichgesetzt. Koitus. Hm. Ich kann das auch in meinen Beiträgen verwenden als Synonym für meinen geliebten Geschlechtsverkehr. Aber da stellen wir uns doch eher jemanden im weißen Kittel vor und nicht jemanden, der Paare beraten möchte. Ha. Jemanden, die Paare beraten möchte. Ich bin schließlich eine Frau. Da ist es wieder, dieses maskuline Neutrum. 
    Und was sagt ein Liebespaar? „Geliebte, wollen wir koitieren?“??? „Wollen wir Geschlechtsverkehr haben?“ Nein, natürlich haben die eigene Begriffe wie ficken, vögeln, schnackseln, Liebe machen. Oder sie tun es einfach ohne Worte. Aber was verwende ich beim Schreiben? 
  • Noch viel schwieriger wird es bei den Genitalien. Penis geht klar. Der ist auch prima für wissenschaftliche Texte geeignet. Schwanz könnte ich auch gerade noch verwenden, ohne dass jemand Anstoß daran nähme. Das Wort ist schließlich männlich und sexuell besetzt. Skrotum? Viel zu urologisch. Aber Hodensack finde ich schon wieder so was von unerotisch! Da gruselt es mich regelrecht. „Männer lieben es, wenn die Partnerin am H-o-d-e-n-s-a-c-k saugt?“ Schwierig. 
  • Vagina, Scheide? Da geht mal das eine mal das andere. Wobei wir ja auch wieder nicht vergessen dürfen, dass erst Vulva und Vagina zusammen die Scheide ergeben. Vulvina habe ich zum ersten Mal von der Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning gehört. Hört sich gut an. Das Wort Klitoris wird ja gemeinhin für die kleine Perle zwischen den inneren Schamlippen – und zu dem Begriff komme ich gleich noch – verwendet. Strenggenommen ist sie aber viel mehr als das. Also sage ich Klitorisperle, wenn ich diese kleine Lustperle auch meine. Aber versteht Ihr mich dann überhaupt noch? 
  • Und wisst Ihr eigentlich, dass der korrekte Plural von Penis Penes lautet? Eine Vagina wird zu zwei Vaginen und im Übrigen heißt es das Genitale und nicht das Genital.

„Darf ich Ihre Liebeslippen küssen?“

Kommen wir nun endlich zu meiner heutigen Überlegung. Labia majora pudendi und Labia minora pudendi. Die großen und die kleinen Schamlippen. S-c-h-a-m-lippen. Scham kommt von schämen. Ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat. Aber müssen wir uns heute wirklich noch dafür schämen? Wohingegen ich unter der Umschreibung die Scham der Frau wieder etwas Geheimnisvolles verstehe. Und geheimnisvoll ist gut in Zeiten, in denen aber auch wirklich ALLES offen gelegt wird. So gesehen wäre die Schamlippe wieder positiv zu bewerten. 

Mittlerweile gibt es ja auch den Namen Venuslippe. Der kommt nicht von den leckeren Muscheln sondern von der gleichnamigen Liebesgöttin Venus. Ich muss trotzdem immer an Muscheln denken und an die Erotikdarstellerinnen (und hier waren es tatsächlich nur Frauen), die unbedarften Männern anhand von Austern den Cunnilingus beibrachten. Oder das Lecken. Hm, lecker Austern... Sollten wir nun die Schamlippe ausmerzen und durch die Venuslippe ersetzen? Oder was haltet Ihr von meiner eigenen Kreation, der Liebeslippe? Ich habe den Titel eines alten berühmten Schlagers dann auch gleich mal umgedichtet: „Rosa Lippen soll Mann küssen, denn zum Lieben sind sie da“.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION