Warum kommen Frauen so schwer?

Und warum das die falsche Frage ist ...

Warum kommen Frauen so schwer? Eine häufig gestellte Frage ... die jedoch falsch formuliert ist. Denn sie kommen nicht schwerer als Männer – nur auf andere Weise. Sexualpädagogin Anja Drews über wildes Rumgestocher, Frustration und den weiblichen Orgasmus.

Wieso kommt sie denn nicht?

Er so: Sie liegen im Bett. Er rackert sich ab. Er stößt mit seinem Penis immer und immer und immer wieder in sie hinein. Er schaut ihr erst erwartungsvoll in die Augen und später dann genervt. Sie stöhnt, also scheint es ihr ja immerhin zu gefallen. Aber die Zweifel werden immer größer. Wenn es ihr so gut gefällt, warum kommt sie dann nicht irgendwann? Schließlich will er ja, dass sie glücklich ist. Bei ihm ist das doch auch so einfach. Schon längst hätte er kommen können. Und auch kommen wollen. Ihr zuliebe hält er sich zurück. Vielleicht eine andere Stellung? Schwupps, kniet sie erst vor ihm, sitzt dann auf ihm, bis sie wieder in der Missionarsstellung landen. Und er stößt und stößt und stößt. So langsam vergeht ihm die Lust. Warum kann sie denn nicht einfach einen Orgasmus vortäuschen? Er würde es gar nicht merken, denkt er. Und dennoch wäre er zufrieden. Nachfragen würde er mit Sicherheit nicht. Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. 

Sie so: Sie hingegen wünscht sich, er möge endlich kommen und dem Ganzen ein Ende bereiten. Sie liebt ihn und hat gern Sex mit ihm. Sex, aber nicht nur Verkehr. Rein raus. Rein raus. Angefangen hat es mit dem üblichen Geschmuse, der Hand auf ihrer Brust, der Hand in ihrer Hose, dem Finger an ihrer Vulva. Das mag sie gern, vor allem, wenn er sich hier viel Zeit lässt. Wie schön ist es, seine Finger zwischen ihren Liebeslippen zu spüren, wie sie an ihnen entlang gleiten, sie leicht kneten und drücken. Wie ein Finger irgendwann in sie eindringt, mit lockenden Bewegungen ihren G-Punkt streichelt. Auch liebt sie seine Zunge zwischen ihren Liebeslippen, dieses warme, weiche Gefühl. Sie windet sich dann in Ekstase und fühlt, wie der Orgasmus immer näher kommt. Aber bevor es soweit ist, entzieht er ihr seine Finger und Zunge und dringt stattdessen mit seinem Penis in sie ein. Dieser wiederum ist weit weniger zärtlich und einfühlsam. Auch wenn es trotzdem schön ist. Und währenddessen rückt ihr Orgasmus in weite Ferne. 

Was ist eigentlich Sex?

Kennen Sie das? Ungefähr so verläuft der heterosexuelle Sex in sehr vielen Begegnungen. Ein bisschen dies, ein bisschen das und dann folgt unweigerlich der Verkehr. Begrenzt also auf das vermeintlich Wesentliche. Aber was ist denn das Wesentliche beim Sex? Was ist Sex überhaupt? „Meine Freundin kommt beim Sex nicht“. Eine der meistgestellten Fragen in der Sexualberatung. Welches Bild habt Ihr dabei vor Augen? Wobei kommt sie nicht? Und kommt sie wirklich nicht? Oder kommt sie nur nicht beim Verkehr? Ist Sex denn nur Verkehr? Plötzlich zählt alles andere nicht mehr: Was ist mit Analsex? Telefonsex? Oralsex? Selfsex? Gegenseitige Masturbation? Was ist mit lesbischem Sex? Überall können Frauen kommen. Aber warum zählt das alles nicht, wenn es um „Sex“ geht? Warum zählt nur der Orgasmus beim vaginalen Verkehr? 

So ist das nun einmal. Wenn wir vom Sex und vom Kommen reden, denken wir meistens an den vaginalen Verkehr. Zumindest eben bei heterosexuellen Paaren. Und dann sagen wir, Frauen hätten Schwierigkeiten damit. So ein Quatsch! Sie haben gar keine Schwierigkeiten! Sie funktionieren nur nicht genauso wie Männer. Aber das, was Männer mögen, soll doch bitte auch Frauen Spaß machen. Und Spaß macht es ja auch. Nur keinen Höhepunkt. Aber statt uns nun auf die Suche nach alternativen Spaßmöglichkeiten zu begeben, stochern wir hier im wahrsten Sinne des Wortes immer weiter herum. Länger, härter, schneller, vielleicht ist es die falsche Stellung, vielleicht ist sie doch nicht in Stimmung, vielleicht bringt er es einfach nicht. Und wir zerfleischen uns gegenseitig und täuschen am Ende um des lieben Friedens Willen doch vor.

Wir müssen nur den Blickwinkel ändern

Frauen funktionieren einfach nicht so, wie es das allgemeine Sex-Protokoll vorschreibt. Was können wir also machen? Weiterhin überlegen, therapieren und uns unter Druck setzen? Oder ändern wir einfach den Blickwinkel und erkennen an, dass Männer und Frauen eben doch verschieden sind? Wobei wir das ja sonst im Leben auch durchaus nicht erst seit Loriot wissen. Aber zumindest passen wir in unserer Orgasmustechnik nicht zusammen. Zumindest so lange nicht, bis wir uns von der männlichen Herangehensweise der vaginalen Penetration verabschieden und stattdessen anerkennen, dass es auch noch andere gemeinsame und durchaus gleichwertige Wege auf den Gipfel der Lust gibt. Wir haben den Sex längst zu einer Form der Kommunikation erhoben und ihn der Reproduktion enthoben. Nur beim weiblichen Orgasmus beharren wir bis heute auf der guten alten Fortpflanzungstechnik.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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