Wie sieht der Sex der Zukunft aus?

Sexual-Pädagogin Anja Drews über technische Entwicklungen und Sexualität

Wenn wir diese Frage stellen, sollten wir darüber nachdenken, wen wir damit eigentlich meinen. Wer hat den Sex der Zukunft? Alle Menschen auf der Welt? Oder erst einmal nur Deutschland? Alle Frauen? Alle Männer? Junge Menschen? Alte Menschen? Einzelne Gruppen wie Homosexuelle, Rothaarige, Behinderte? Singles oder Paare? Bestimmte Nationalitäten? Sie sehen schon, wir müssen das irgendwie eingrenzen. Denn es ist völlig unmöglich, für das Liebesleben aller Menschen eine allgemeine Prognose abzugeben. Dafür ist unsere Welt viel zu differenziert und dafür haben wir auch viel zu viele Möglichkeiten. Und genau das ist auch so toll, denn uns stehen so viele Wege offen wie keiner Generation zuvor. Wir können selber entscheiden, wie unser Sex der Zukunft aussehen soll. Hier habe ich ein paar Blickwinkel für Sie:

1. Die Raffinessen technischer Entwicklungen 

Vor fünfzig Jahren hätte sich kein Mensch vorstellen können, dass wir heute über Computer kommunizieren. Schon gar nicht hätte man sich vorstellen können, dass wir über Computer Sexualität ausleben. Mittlerweile gehört diese Technik ganz selbstverständlich dazu. 

1.    Wir suchen PartnerInnen über Singleportale, 
2.    verschicken Liebesbotschaften per Mail und erotische Fotos per Whats App, 
3.    strippen via Skype, 
4.    drehen unsere eigenen erotischen Filme mit dem Smartphone, 
5.    sehen anderen über Live-Streams beim Solosex zu, 
6.    finden im Internet Bilder und Filme zu jeder auch noch so abwegig erscheinenden sexuellen Praktik. 

Unvorstellbar vor fünfzig Jahren und in allen Zeiten zuvor. Die Technik hat unsere Sexualität von Grund auf revolutioniert. Und zwar durch alle Bevölkerungsgruppen hindurch, unabhängig von Alter, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit. Wohin führt uns dieser technische Weg? Vereinsamung vor dem Computer? Erotische Welten durch Virtual Reality Porn? Sex mit Robotern? Dominas, die gleichzeitig hunderte von Anhängern durch Cybersex bedienen können? Orgasmen durch ferngesteuerte Sextoys? Algorithmisch ausgewählte Partnerschaften? Das alles wird es geben und gibt es teilweise auch heute schon. 

2. Die Wiederentdeckung der Achtsamkeit

Parallel zu den erotiktechnischen Entwicklungen gibt es aber auch einen entgegen gerichteten Trend. Sexualwissenschaftler wie Volkmar Sigusch bedauern schon lange, dass es in unserer westlichen Welt keine ars erotica mehr gibt. Wir können auch gar keine erotische Kunst entwickeln, wenn wir so stark auf Konsum und Leistung konditioniert sind. Perfektionismus versus Intimität. Sex wird früher oder später immer reduziert auf Penisgröße, Geschlechtsverkehr und Orgasmus. Je schneller desto besser. Das große Vorbild ist natürlich der Sex der Pornowelt. 

Aber was ist mit allem, das uns in wahre Verzückung versetzt? Was ist mit Spiritualität und geistiger Nähe? Was ist mit sexueller Selbstverwirklichung? Konsum ist nicht alles, das wird uns bei seelischer und erotischer Langeweile schnell bewusst. Und so verspüren viele Menschen das Bedürfnis, wieder näher bei sich selbst zu sein. Nicht umsonst sprießen überall Studios für Yoga, Achtsamkeitstraining oder Tantra aus dem Boden. Sich selber spüren, Gefühle wahrnehmen, in und bei dem anderen sein. Wer möchte, findet in Büchern wie Sex und Achtsamkeit, Slow Sex oder Soul Sex Hilfestellung bei der Erforschung der eigenen Wünsche und Möglichkeiten. Weg vom sich berieseln lassen hin zu mehr Achtsamkeit den eigenen Bedürfnissen gegenüber.

3. Monogamie, Polyamorie, Soloamorie?

Bei all der progressiven Werbung der großen Partnervermittlungsagenturen hatte ich schon fast Angst, dass es in unserer Gesellschaft demnächst keinen Platz mehr für Singles geben könnte. Aber diese sind gottseidank keine aussterbende Bevölkerungsgruppe. Soloamorie, die Liebe mit sich selbst, wird weiterhin eine von vielen Optionen bleiben. Solltet Ihr jetzt nach diesem Begriff suchen: Ihr werdet ihn nicht finden. Denn es gibt ihn gar nicht. Das ist sehr schade, schließlich wir reden immer nur von Polyamorie oder von Monogamie. Als sei eine Beziehung die einzig legitime Form, das Leben zu verbringen. 

Dabei gibt es Menschen, die gern soloamor, allein leben. Und es gibt sehr viele Menschen, die in serieller Soloamorie leben, die also immer wieder einmal den Singlestatus innehaben. Der nun sollte ebenso geachtet sein wie jeder andere Status auch. Trotzdem wird der Eindruck vermittelt, wir bräuchten unsere Liebessuche nur zu optimieren, dann würde es schon klappen mit der Beziehung. Der oben erwähnte Algorithmus scheint uns besser zu kennen als wir uns selber. 

Dabei ist unsere Gesellschaft so offen wie nie für vielfältige Beziehungsformen. Wir können allein bleiben, können uns einen oder eine Partnerin suchen oder gleich mehrere. Der heterosexuellen Ehe rechtlich gleichgestellt ist aber in Deutschland noch nicht einmal die homosexuelle Ehe. Hier darf man sich nur verpartnern. Da bin ich gespannt, wie es weitergeht. Es werden bereits Stimmen laut, die es polyamoren Liebesbeziehungen erlauben soll, gleichgestellt zu heiraten. 

4. Viel Sex oder gar keiner?

Frauen, die früher keinen Sex wollten, wurden abfällig als frigide bezeichnet. In einer Zeit, in der sie nur als Ehefrauen gesellschaftlich akzeptiert wurden, gab es somit haufenweise genervte Ehemänner und drangsalierte Frauen. Heute dürfen wir alles. Wir dürfen auch ganz offiziell keinen Sex haben. Während auf der einen Seite in Swingerclubs ausschweifende Orgien oder in der Schwulenszene Chemsexpartys gefeiert werden, gibt es gleichzeitig immer mehr Menschen, die ganz offen keinen Sex haben. Multisexuelle versus Asexuelle. 

Hinzu kommt die Jugend, für die Sex gar kein großes Ding mehr ist und denen eine Beziehung mehr bedeutet als sexuelle Genüsse. Dafür öffnen wir wiederum die Altersgrenze nach oben. Was früher ein Tabu war, bedeutet jetzt die Möglichkeit der gelebten Lust im Alter. Herrlich! Auch hier bietet sich uns also die gesamte Bandbreite an. Es gibt zwar eine allgemeine Entwicklung in Richtung Lustlosigkeit. Dies würde dafür sprechen, dass wir ähnlich den japanischen Verhältnissen bald keinen anderen Sex mehr haben werden als den mit uns selber. Da die Deutschen aber nicht ganz so technikversessen sind und zudem auch immer mehr in die Achtsamkeit gehen, kann das auch eine Umkehr vom Öffentlichen ins Private bedeuten. Und alles, was geheim ist, wird auch wieder interessant.

Was denkt Sie? Wie stellen Sie sich den Sex der Zukunft vor?

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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