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Wollen Männer wirklich nur Sex? Und was wollen Frauen?

Expertin Anja Drews räumt mit den Klischees auf

Männer denken nur an Sex. Und woran denken Frauen? Und stimmt das überhaupt? Sexual-Pädagogin Anja Drews beschäftigt sich mit dem Thema männliche und weibliche Lust und räumt mit einigen Klischees auf.

„Männer wollen nur Sex.“ Den Satz kennen wir alle, oder!? Tief in unserem Innersten wissen wir, dass dies so in dieser Einfachheit und Allgemeinheit nicht stimmt. Dass es gar nicht stimmen kann, gibt es doch viel zu viele völlig unterschiedlich fühlende und denkende Männer. Und niemand kann mir erzählen, dass da dieses schon so oft zitierte genetische Programm abläuft und ihnen jegliche Handlungsoptionen nimmt. Schließlich haben wir ein Großhirn, das uns die Gabe des Bewusstseins verleiht. Dieses versetzt uns in die Lage, eigenverantwortlich zu handeln. 

Und so sind auch Männer mehr als nur die Summe ihrer Teile. Dennoch geistert dieses Vorurteil durch unsere Köpfe. Und leider schränken wir uns damit alle ein, Männer wie auch Frauen. Was wir brauchen, ist eine größere Offenheit gegenüber männlicher und weiblicher Lust.

Sind Frauen die besseren Männer?

Wir Frauen haben die Sexerklärung schnell bei der Hand, wenn wir uns nicht wertgeschätzt genug fühlen oder wieder einmal auf einen One Night Stand „hereingefallen“ sind. Dass bei Letzterem immer zwei dazu gehören und es ja gerade der Sinn und Zweck eines ONS ist, unverbindlichen Sex zu haben, vergessen wir dabei nur zu gern. Damit können wir auch direkt jede Schuld der zügellosen Lust von uns schieben. Gleichzeitig erheben wir uns damit auch moralisch über die Männer. Denn wir Frauen, wir sind doch die Guten, schließlich haben wir Gefühle und wollen den ganzen Mann und nicht nur seinen Körper. 

Die Männer hingegen, na, die sind einfach gestrickt und haben nur eins im Sinn: Sex. Manchmal stimmt das auch. Aber geht uns das nicht ab und zu genauso? Fühlen wir nicht auch diese Wollust, dieses unbändige Verlangen? Jetzt, hier an diesem Ort und möglichst sofort? Wollen nicht auch wir manchmal einfach nur Sex ohne große Gefühlsduseleien? Leider sind wir gesellschaftlich darauf geeicht, ja nur keine derartigen Gefühle zuzulassen. Bis heute gelten Frauen, die ihre Lust hemmungslos ausleben, noch viel zu häufig als liederlich. 

Die Macht des guten Rufs

Stadtmenschen mögen hier jetzt widersprechen. Und ja, in der Anonymität der großen Metropolen können sich auch Frauen viel abenteuerlustiger gebären. Aber schauen wir einmal in die Kleinstädte, in die Dörfer, aufs Land, dorthin wo jeder jeden und jede kennt. Wo die Nachbarn genau mitbekommen, wer wann und mit wem nach Hause kommt. Da wird über den Mann gelächelt. „Ach, der schon wieder. Keine Frau kann ihm widerstehen. Da muss nur mal die Richtige kommen, dann wird der schon sesshaft.“ Andersherum? Oh oh. 
Schlampe. Diese Bezeichnung hat nichts an Aktualität und vor allem auch nichts von ihrer Verletzungskraft verloren. Besonders von Seiten anderer Frauen. Hier und da mag sich darin ein gewisser Neid finden. Es ist ein prima Abwehrmechanismus, bei der anderen das zu monieren, was frau sich selber nicht traut. Leider hält diese Denkweise Frauen auch davon ab, ihrer eigenen Lust auf die Schliche zu kommen. Schließlich sind WIR ja anständig. 

Dabei geht es gar nicht nur um Lust außerhalb der Beziehung. Auch innerhalb fühlt sich so mancher Mann über den Haufen gerannt, wenn seine Liebste eine größere Libido aufweist als er selber. Warum? Weil es eben immer wieder heißt, Frauen hätten nun einmal weniger Verlangen als Männer. Frauen wollen Liebe und Zärtlichkeit. Frauen wollen Liebe machen und kuscheln. Die Sexualität der Frauen scheint so rein zu sein, während die animalische Begierde nur allzu gern Männern zugeschrieben wird. Vielleicht liegt der Reiz der klassischen Porno-Geschlechtsrollenverteilung genau darin. Denn hier sind Frauen nicht so rein. Hier wollen sie genommen und so richtig durchgerammelt werden. Und das, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Weder er noch sie.

Frauen wollen begehrt werden. Aber nur zu ihren Konditionen

Sind Lust und Sex wirklich etwas, worüber sich ein Mann definiert? Oder definieren nicht auch wir Frauen Männer darüber? Drehen wir es doch einmal um. Stellen wir uns vor, wir treffen auf einen Mann, der keinen Sex möchte. Einen Mann, der uns nicht nach dem ersten, zweiten oder dritten Date in sein oder unser Schlafzimmer lockt. Was denken wir Frauen dann? Als erstes kommt uns vermutlich in den Sinn, dass wir nicht attraktiv genug sind. Denn wenn dem so wären, würde er uns doch die Kleider vom Leib reißen. Also flirten wir, was das Zeug hält und geizen nicht mit unseren Reizen. Fällt er nun tatsächlich über uns her, dann drehen wir das um und werfen ihm vor, es sei das Einzige, an dem er interessiert sei. Vor allem, wenn er nicht auf der Stelle eine Beziehung mit uns eingehen möchte. „Seht ihr, ich habe es doch gewusst! Männer wollen nur das Eine!“ Unseren Anteil an der vermeintlichen Misere blenden wir natürlich aus. 

Oder aber wir treffen auf einen ganz besonders einfühlsamen Mann. Dieser fragt uns, was wir denn wollen. Er versucht, uns unsere geheimsten Wünsche von den Augen abzulesen und ist ganz besonders aufmerksam. Er stellt seine eigenen Bedürfnisse zurück, um uns zu befriedigen. Er ist so überhaupt gar kein Sexmonster. Er kniet nieder und hält um unsere Hand an. Ja, was dann? Dann erscheint er uns nicht männlich genug. Denn ein Mann steht zu seinen Bedürfnissen und nimmt sich, was er will. Also uns. Nicht zuletzt erklärt das den Erfolg von Geschichten wie Shades of Grey. Ich übertreibe etwas. Aber wir sehen, eigentlich hat er keine Chance.

Männer wollen nur das Eine

Wollen Männer also wirklich nur Sex? Auf bestimmte Persönlichkeiten trifft das sicherlich zu. Aber da stellt sich auch die Frage nach dem Warum. Warum will ein Mann denn nur Sex? Ist es die pure Lust? Oder ist es die Angst vor zu viel Nähe? Denn die auf das Körperliche reduzierte Aktion hält das Gegenüber auch auf Abstand. Und Gefühle zuzulassen, ist schwer, wenn Männlichkeit von innen wie von außen mit Kraft, Macht und genitaler Lust assoziiert wird.

Am Ende lassen Frauen ihre Lust nicht zu und kommen Männer nicht an ihre Gefühle heran. Und so ist dieses Vorurteil, Männer wollten nur das Eine, auch für sie selber höchst problematisch. Es ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn nur der für männlich erachtet wird, der sein Verlangen offen zeigt und sexuell immer bereit ist, dann ist jeder andere unmännlich. Dann gehört es für das eigene Selbstbild dazu, Sex haben zu müssen. Und dann ist es schwer, andere Gefühle zuzulassen. Dabei gibt es durchaus etwas, das Männer mehr wollen als Sex. Auch Männer wollen einfach nur ankommen und angenommen werden. Sie wollen geliebt werden und sich fallen lassen können. Nur wird dies von beiden Seiten eben nicht als männliches Verhalten empfunden. Diese Möglichkeit müssen wir Frauen ihnen aber zugestehen. Also müssen auch wir unsere Einstellung ändern. Wenn wir uns erlauben, unsere Lust zu spüren und auszuleben, können wir andersherum auch Männer männlich sein lassen, die in der Lust ihren sicheren Hafen finden.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION
 

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