Diagnose Boreout

Gestresst vor Langeweile: Fast jeder fünfte Angestellte fühlt sich unterfordert

27. Juni 2016

Das Krankheitsbild „Burnout“ betrifft immer mehr Menschen. Was viele aber nicht wissen: Permanente Unterforderung ruft dieselben Symptome hervor. Zwei exemplarische Fälle für das Boreout-Syndrom.

Boreout-Fall 1: „Mein Chef gibt mir einfach nicht genügend zu tun“

Barbara (54): „Ganze fünfzehn Jahre arbeite ich nun schon als Sachbearbeiterin in einem großen deutschen Konzern. Man war immer zufrieden mit meiner Leistung, sonst hätte man mich nicht vor acht Jahren von einer Halbtagsstelle auf eine Ganztagsstelle aufstocken lassen. 

Als damals meine Ehe auseinandergegangen war, wollte und musste ich mehr arbeiten, um finanziell besser abgesichert zu sein. Mein damaliger Chef war sofort einverstanden und hat sich sogar gefreut, dass ich nun länger zur Verfügung stand. Auch als wir vor gut zehn Monaten einen neuen Vorgesetzten bekamen, war ich superengagiert und vollkommen bereit, alle Änderungen mitzutragen, die so ein Wechsel mit sich bringt. Aber ich war überhaupt nicht darauf gefasst, einfach kaltgestellt zu werden. Der Neue warf nur einen Blick auf mich, und das war’s. Ich bin ihm, dem Mittdreißiger, wohl einfach zu alt. 

Seitdem habe ich kaum noch was zu tun. Viele Aufgaben, die ich zuvor erledigt habe, übernehmen jetzt andere Kollegen oder gleich ein Computerprogramm, denn die Abteilung ist auch technisch auf einen ganz neuen Stand gebracht worden. Wenn ich dann doch mal etwas auf den Schreibtisch bekomme, versuche ich, die Aufgabe so langsam zu bearbeiten, dass ich möglichst lange etwas zu tun habe. Weil ich weiß, dass ich danach wieder vor dem blanken Bildschirm sitze.

Ich komme mir dabei so blöd und nutzlos vor. Und ich habe natürlich Angst, dass meine Stelle ganz eingespart wird, wenn es einer merkt. Wenn die Kollegen beim Mittagessen von ihrem Stress erzählen, stöhne ich also auch über meine lange To-do-Liste, die es in Wahrheit aber gar nicht gibt. Ich bin sogar schon länger im Büro geblieben, habe ,Überstunden‘ gemacht, nur damit es so aussieht, als hätte ich richtig viel zu tun. 

Das alles macht mich völlig fertig. Ich schlafe kaum mehr durch, habe starke Verspannungen im Nacken und mittlerweile chronische Rückenschmerzen. Ich weiß, dass ich daran kaputtgehe, wenn ich so weitermache.“

Boreout-Fall 2: „Es sind immer dieselben Abläufe – Tag für Tag“

Katja (24): „Nach meiner dreijährigen Ausbildung zur Hotelfachfrau in einer renommierten Hotelkette bot mein Chef mir einen Vertrag für zwei Jahre an. Ich war total happy, weil ich mich in dem Unternehmen sehr wohl fühlte. Als ich dann allerdings feststellte, dass ich im Housekeeping, sprich als Zimmermädchen, tätig sein sollte, flaute die Euphorie ab. 
In den drei Jahren meiner Ausbildung habe ich viele verschiedene Bereiche kennengelernt. Am meisten Spaß hatte ich bei der Arbeit in der Veranstaltungsabteilung. Dort blühte ich richtig auf. Ich liebte die Organisationstätigkeiten und den direkten Kontakt zum Kunden. Klar war das manchmal auch sehr anstrengend, langweilig war mir dafür aber nie. 

Natürlich fragte ich meinen Chef, ob ich nicht in dieser Abteilung arbeiten könne, aber da war keine Stelle frei. Also habe ich den Vertrag schweren Herzens und nach langem Grübeln unterschrieben. Ich sagte mir: Hauptsache, du hast einen Job. Und vielleicht kannst du später noch die Abteilung wechseln. 

Dazu ist es bisher nicht gekommen, und die Chancen auf einen zukünftigen Wechsel stehen schlecht. Schon nach drei Monaten merkte ich, dass die Arbeit mich immer mehr frustriert. Daran hat sich bis heute nichts geändert – im Gegenteil, es wird schlimmer. Einerseits stehe ich unter ständigem Zeitdruck, aber andererseits fühle ich mich total unterfordert, weil ich jeden Tag das Gleiche mache. Mir fehlen die Abwechslung und die Herausforderung. Ich fühle mich nicht ausgelastet und bin körperlich doch jeden Abend total erschöpft. 

Mein Arzt hat mir jetzt schon eine mittelschwere Depression bescheinigt. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Zu kündigen traue ich mich nicht, und um mich neu zu bewerben, fehlt mir gerade jede Kraft."

Tipps & Infos zum Thema Boreout

Woran erkenne ich, dass ich ein Boreout habe?

Wenn Sie sich am Arbeitsplatz überflüssig vorkommen und anfangen, sich künstlich Aufgaben zu suchen, nur um eine Beschäftigung vorzutäuschen. Wenn die Anzahl Ihrer Aufgaben nicht genügt oder die Aufgaben Sie deutlich unterfordern, dann sind Sie hoch gefährdet. Kommen dann noch seelische oder körperliche Boreout-Symptome wie innere Leere, Schlafstörungen, Tinnitus, Erschöpfung, häufige Infekte, Schwindel, Haarausfall, Rückenschmerzen oder gar Depressionen dazu, dann haben Sie ein Boreout-Syndrom.

Wie kann ich verhindern, dass es so weit kommt?

Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten, oder wenden Sie sich an den Betriebsrat. Wichtig ist in jedem Fall, dass Sie das Problem angehen und nicht versuchen, es zu vertuschen.

Wie sieht eine Boreout-Therapie aus?

Haben die Betroffenen schwere psychosomatische Symptome, müssen diese erst einmal durch Psychotherapie, Physiotherapie und manchmal auch mit Medikamenten behandelt werden. Je nach Ausmaß der Beschwerden ist eine ambulante, tagesklinische oder sogar stationäre Behandlung sinnvoll. Lassen Sie sich diesbezüglich gut beraten.

In welchen Berufen tritt Boreout häufig auf?

Betroffene arbeiten meist in Verwaltungs- oder Dienstleistungsjobs, in denen viel Arbeit durch Software erledigt wird. Auch Beschäftigte im Gastgewerbe oder Warenprüfer sind durch monotone Abläufe oft betroffen und Boreout-gefährdet.

Sind mehr Frauen als Männer betroffen?

Dieses Syndrom ist wenig geschlechtsbezogen. Allerdings tun sich Frauen generell leichter, sich bei psychosomatischen Beschwerden Hilfe zu suchen.

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