Volkskrankheit Kopfschmerzen: Was hilft und woher sie kommen

Die stille Epidemie

Mehr als 70 Prozent der Deutschen leiden ab und zu darunter - und immer mehr Menschen sind betroffen von Kopfschmerzen. Was hilft außer Medikamenten? Experte Dr. Charly Gaul beantwortet die wichtigsten Fragen.

Ach, das sind ja nur Kopfschmerzen … Jedem brummt mal der Schädel, und die Betroffenen finden das nicht weiter tragisch. Aber: Experten sprechen inzwischen von einer Volkskrankheit. Mehr als 70 Prozent der Deutschen leiden zeitweise unter Kopfweh, jeder Vierte regelmäßig. Täglich werden 900.000 Menschen Opfer einer Migräne-Attacke, 100.000 davon so schwer, dass sie arbeitsunfähig sind.

Das Alltagsleiden

Trotzdem denken viele Patienten oft genug, ihre Beschwerden seien nichts Ernstes: Kopfschmerzen nimmt man nicht als Erkrankung wahr, gerade weil sie ein Alltagsleiden sind“, sagt Prof. Dr. Hartmut Göbel, ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel. Ein Drittel der Migräne-Kranken weiß noch nicht mal, dass es unter Migräne leidet.

250 verschieden Arten

Aber Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz. Die „International Headache Society“ unterscheidet rund 250 verschiedene Arten des Leidens. Kopfweh wird außerdem unterteilt in primäre und sekundäre Kopfschmerzen. Primäre entstehen direkt im Kopf, sekundäre sind die Folge von anderen Krankheiten oder von Medikamenten-Einnahme.

Träges Gedächtnis

Psychologen der Universität Cardiff haben in zwei Studien herausgefunden: Kopfschmerzen gehen mit Verhaltensänderungen einher. Nicht nur die Laune der Betroffenen sinkt, es kommt außerdem zu weiteren Beeinträchtigungen: Das logische Denken wird ungenauer und langsamer, und auch das Gedächtnis arbeitet träger. Die Reaktionszeit der Betroffenen verlängerte sich in verschiedenen Tests ebenfalls. Und: Wer unter Spannungskopfschmerzen leidet, kann sehr leicht abgelenkt werden.

Sie kommen wieder

Auch wenn sämtliche Veränderungen nach der Schmerzattacke wieder verschwinden, sollten sie ernst genommen werden, weil sie die Lebensqualität mindern – und das immer wieder aufs Neue. Denn Spannungskopfschmerzen treten oft wiederholt auf und können auch mehrere Tage andauern.

Besser vorbeugen

Gelegentliche Kopfschmerzen vom Spannungstyp kennt fast jeder. „Die sind unproblematisch und können mit Pfefferminzöl oder auch akut mit einem Schmerzmittel behandelt werden“, sagt Privatdozent Dr. Charly Gaul, Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. „Der Leidensdruck steigt aber an, wenn die Kopfschmerzen immer stärker oder häufiger werden. Insbesondere Patienten mit chronischen Beschwerden sind stark eingeschränkt. Hier spielt Vorbeugung eine große Rolle“, so Dr. Gaul.

Tipps zum Vorbeugen

Woher die Kopfschmerzen genau stammen, ist bis heute nicht geklärt. Viel frische Luft und ein Glas Wasser können helfen, Kopfschmerzen gar nicht erst hochkommen zu lassen. Auch ausreichend Schlaf von sechs bis acht Stunden und regelmäßige Bewegung sind gute Mittel, um erst gar keinen Brummschädel zu bekommen. Gerade an stressigen Tagen sollte man ab und zu eine Pause einlegen. Und wenn der Schmerz schon da ist: Eine Tablette hilft schnell.

Diese Wirkstoffe helfen schnell

ASS Acetylsalicylsäure wirkt entzündungshemmend, schmerzlindernd und blutverdünnend. Es wird daher auch zur Vorbeugung von Durchblutungsstörungen eingesetzt.

Koffein Es verstärkt und beschleunigt die Wirkung von Schmerzmitteln dadurch, dass es an Adenosin-Rezeptoren andockt, die für die Steuerung von Erregungsprozessen zuständig sind. Deshalb hilft ein starker Espresso manchmal bei einer Migräne-Attacke.

Paracetamol ist ebenfalls ein Schmerzmittel. Eine aktuelle Analyse der Cochrane-Gesellschaft – ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten – kommt zu dem Ergebnis, dass die Kombi aus ASS, Paracetamol und Koffein bei Migräne so gut wirkt wie der Goldstandard Sumatriptan.

Behandlung bei Migräne

 
 Dr. Charly Gaul

 Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein
 www.migraene-klinik.de

Neben medikamentöser Therapie besteht auch die Möglichkeit, Migräne mit Entspannungs-Techniken und verhaltenstherapeutischen Ansätzen zu behandeln. Eine neue Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) spricht sich besonders für die progressive Muskelrelaxation (PMR, Beispiele oben) aus.

Welche Rolle spielt Entspannung im Rahmen der Migräne-Therapie?

„Betroffene leiden oft an hoher Anspannung. Sind sie durch Migräne weniger leistungsfähig, versuchen sie häufig, das aufzuholen, und vergrößern so ihren Stress noch. Regelmäßige Entspannung kann diese hohe Aktivität des Gehirns herunterfahren, die Schwelle zum nächsten Migräne-Anfall wird später erreicht.“

In der Leitlinie wird die Entspannung nach Jacobsen hervorgehoben …

„Die Methode ist relativ einfach zu erlernen, und ein Teil der Kosten wird oft von der Kasse übernommen. Die PMR beruht auf einem Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Ziel ist es, über die körperlichen Funktionen die psychische Anspannung zu reduzieren. Und das funktioniert, dies haben Studien ergeben.“

Gilt die neue leitlinie auch für Spannungskopfschmerzen?

„Ja. Ausdauersport und Entspannungsverfahren werden auch für Spannungskopfschmerzen empfohlen. Es gelten die gleichen Prinzipien und auch die Wirkstärke scheint vergleichbar.“

Welche nicht-medikamentösen Methoden bieten sich noch an?

„Insbesondere Biofeedback-Training ist gut untersucht. Über aufgeklebte Elektroden auf der Haut können Gefäßweite oder Muskelanspannung am Computer sicht- und hörbar gemacht werden. Die Patienten lernen, unwillkürliche Funktionen wie Durchblutung, Muskelanspannung, Schwitzen, Atmung zu beeinflussen und so einen Entspannungszustand herbeizuführen.“

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