Chronische Migräne: „Die Hölle in meinem Kopf“

Sabine (49) leidet an chronischer Migräne: Welche Therapie kann helfen?

Die Lehrerin hat so schlimme Anfälle, dass sie sich kaum mehr bewegen kann. Ein normales Leben ist nicht mehr möglich. Doch dann geht sie einen ungewöhnlichen Weg …

Das Pochen beginnt an den Schläfen, breitet sich schnell aus. Ein unfassbarer Druck entsteht. Der Kopf fühlt an wie in einen Schraubstock gespannt, den einer immer fester zudreht. Der Körper ist eiskalt, der Kopf brennt wie Feuer. Extreme Übelkeit setzt ein. Sabine ist nicht mehr ansprechbar, wälzt sich in ihrem Bett hin und her. Ihr Mann schickt die Kinder nach draußen, fragt panisch: „Soll ich den Notarzt rufen?“ – „Der kann mir auch nicht helfen“, flüstert Sabine. Die chronische Migräne hat sie fest im Würgegriff.

Das Leiden beginnt mit 15 Jahren

Die Leidensgeschichte von Sabine Appel beginnt, als sie 15 Jahre alt ist. Damals hat sie ihren ersten Migräne-Anfall. Nach einem Volleyballspiel geht es ihr mit einem Mal schlecht. Sie bekommt Kopfschmerzen, muss sich abends übergeben. Doch nach einem Tag ist der Spuk schon wieder vorbei. Und da die Anfälle nur in sehr großen Abständen alle paar Monate kommen, fällt die Diagnose erst, als Sabine 17 Jahre alt ist.

„Der Arzt erklärte mir, dass ich die Migräne von meinem Vater geerbt hatte. Und dass sie hormonell bedingt war“, erinnert sich die Waldkirchnerin heute.

Was sie merkt:

Die Schübe kamen immer, wenn ich besonders gestresst war.

Das konnte nach einer extremen körperlichen Anstrengung sein oder nach meinen Abitur-Klausuren. Auch nach meinen Abschlussprüfungen an der Uni hatte ich einen kleinen Anfall. Die Zusammenhänge waren deutlich. Und trotzdem stellte die Migräne kein Problem für mich dar. Ich behandelte die Kopfschmerzen mit Aspirin, manchmal mit Ibuprofen, das dämpfte die Schmerzen“, berichtet die Lehrerin.

Ein Schlaganfall verschlimmert alles

Doch dann, im Jahr 2006, erleidet Sabine einen Schlaganfall, ausgelöst durch eine Einblutung ins Hirnwasser. Auch wenn sie diesen relativ gut übersteht, wird er zum Beginn ihres Martyriums. Denn: Ihre Migräne-Anfälle werden jetzt immer heftiger und häufiger, sie leidet jetzt unter chronischer Migräne. „Das Schlimme war, dass ich wegen der Gerinnungshemmung kein Aspirin mehr nehmen durfte. Die Alternative Paracetamol half bei mir nicht.“ Als die Anfälle extremer werden, sucht Sabine Hilfe bei einigen Ärzten. Daraufhin wird sie mit so genannten Triptanen behandelt. Das sind besonders starke, verschreibungspflichtige Schmerzmittel, die gegen Migräne und Cluster-Kopfschmerzen eingesetzt werden.

Das Problem: „Ich litt jetzt unter chronischer Migräne“, berichtet Sabine. „Das heißt: Ich hatte fast keine Pausen mehr zwischen den Anfällen. In den schlimmsten Zeiten quälten mich in einer Woche fünf bis sechs Tage lang irrsinnige Schmerzen. Ab 14 Tagen im Monat spricht man von einer Chronifizierung. Bei mir waren es zu den schlimmsten Zeiten schon über 20 Schmerz-Tage im Monat.“ Die Migräne verläuft immer in Wellenbewegungen. Sie kommt langsam, schaukelt sich hoch, bis sie den Gipfel erreicht, und flacht dann wieder ab. Bei Sabine allerdings gipfelt die chronische Migräne sofort im nächsten Anfall. Und die Triptane helfen bei ihr so gut wie gar nicht. „In den heftigsten Phasen habe ich mich nur noch hin und her geworfen. Die Tabletten haben mich in ein Delirium versetzt, doch die Schmerzen wurden nicht besser. Und diesen schlimmen Zustand hatte ich über Jahre. Irgendwann war ich so fertig, so energielos, ich wusste nicht mehr weiter.“

Chronische Migräne: Behandlung mit chinesischer Medizin

Die chronische Migräne bestimmt Sabines Leben. Sie ist gefangen in einer Welt voller höllischer Schmerzen. Aus der lebensfrohen, quirligen und aktiven Frau ist eine ängstliche und gemarterte Person geworden. „Auch für meine drei Kinder war es schlimm, die Mama so leiden zu sehen. Aber ich habe eine tolle Familie, die mich immer sehr unterstützt hat. Und das auch in Phasen, in denen die Schmerzen so übermächtig waren, dass ich außer ihnen nur noch wenig wahrnehmen konnte.“ Da Sabine als Lehrerin die Alleinverdienerin der Familie ist, plagen sie zusätzlich Existenzängste. Oft quält sie sich trotz Schmerzen zur Schule, um nicht auch noch diese Sorgen zu haben. Ihr Mann, Hausmann, unterstützt seine Frau so gut er kann, schmeißt den Haushalt, kümmert sich um die Kinder. Eine extrem schwierige Phase für die Familie.

Nach zwei Aufenthalten in speziellen Kopfschmerzkliniken, entschließt sich Sabine 2015, einen neuen Weg zu gehen. „Ich merkte, dass mir die Triptane einfach nicht halfen. Und: Ich nahm mittlerweile drei bis vier Mal in der Woche Tabletten wegen der chronischen Migräne. So konnte es nicht weitergehen.

Sie hört von einer Klinik am Steigerwald, die traditionelle chinesische Medizin anbietet. Und: Ihre Krankenkasse bezahlt den Aufenthalt. Neben Akupunktur setzen die Ärzte dort auf bestimmt zusammengesetzte Kräutertees, so genannte Dekokte. Wichtig ist aber, dass sie die Tabletten absetzt. Nach einem weiteren Anfall merkt sie, dass es ohne die Tabletten und mit Hilfe der Tees langsam, aber sicher bergauf geht.

Dennoch weiß sie: Chronische Migräne ist nicht heilbar. Ihr steht noch ein langer Weg bevor, aber immerhin kann sie sagen: „Ich hatte im letzten Jahr Phasen, in denen ich ganze fünf bis sechs Wochen schmerzfrei war. Vielleicht fängt ja bald ein neues Leben an.

Was ist eigentlich TCM?

Woher kommt TCM und seit wann gibt es die Methode?

TCM (traditionelle chinesische Medizin) ist eine alternative Heilmethode aus Ostasien. Einige Teile von TCM existieren bereits seit mehr als 4.000 Jahren.

Nach welchen Prinzipien arbeitet die TCM?

Bei der traditionellen chinesischen Medizin werden Körper und Geist als Einheit gesehen. Das Urprinzip geht davon aus, dass Yin und Yang, die beiden gegensätzlichen Pole, genau wie Tag und Nacht zusammengehören. Daraus ergeben sich ihre Untersuchungsansätze, auch Lebensumstände, Stimmungen und die soziale Situation in die Diagnose miteinzubeziehen und das Leben ganzheitlich zu betrachten.

Mit welchen Mitteln arbeitet die chinesische Medizin?

Die bekannteste Methode ist sicher die Akupunktur. Aber auch Qigong-Kurse und individuell abgestimmte Tees sind möglich.

Gute Adressen:

Seit 2010 gibt es das Zentrum für TCM, eine ambulante Einrichtung auf dem Gelände des Universitätsklinikums Hamburg: www.tcm-am-uke.de
In dieser Klinik wurde auch Sabine Appel behandelt. TCM wird hier ergänzt durch das schulmedizinische Basisprogramm: www.tcmklinik.de
SMS – Societas Medicinae Sinensis – ist eine Ärztegesellschaft für TCM. Mit vielen Infos: www.tcm.edu