Aus dem Beziehungsalltag: Das Problem mit der Treue

Drei Geschichten von Liebe, Lug und Betrug

Rainer betrog seine Frau Carmen bei einem Männerwochenende mit einer fremden Frau Magdalena betrog ihren Mann mit einem ehemaligen Studienkollegen. Christine wurde von ihrem Mann betrogen — mit ihrer besten Freundin!

Eine aktuelle Studie hat ermittelt: Jeder dritte Deutsche geht fremd. Was sind die Gründe dafür? Und ist ein Seitensprung wirklich verzeihbar? Paar-Therapeut Eric Hegmann hat die Antworten.

Carmen (51) aus Kiel:
„Es fällt mir schwer, wieder zu vertrauen“

Carmen und Rainer sind seit über 20 Jahren verheiratet und waren für die meisten im Freundeskreis immer das absolute Traumpaar. Bis Rainer (53) mit einer anderen Frau schläft. Es passierte an einem Männerwochenende, er hat es mir gebeichtet und geschworen, dass das eine einmalige Sache war“, erzählt Carmen. Rainer hatte die Frau erst an dem Abend kennen gelernt. Das ist auch einer der Gründe, warum Carmen ihm nach ein paar Wochen Bedenkzeit schließlich verzeiht. „Ich wollte diese Beziehung nicht wegschmeißen, doch es fiel mir schwerer, als ich gedacht hatte. Immer wenn Rainer später nach Hause kommt als erwartet, werde ich misstrauisch. Ich weiß, dass ich vertrauen muss, aber das ist nicht so einfach.“ 

Das sagt der Experte:
„Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich ein betrogener Partner vornimmt, zu verzeihen, dann aber feststellt, dass dies schwerer fällt als erwartet. Die Betroffenen fragen sich, inwieweit sie ihrer eigenen Wahrnehmung noch trauen können, und warum sie selbst nicht bemerken konnten, was sich hinter ihrem Rücken abspielte. Das Misstrauen des Betrogenen richtet sich häufig gegen sich selbst, was den Vertrauensverlust besonders schmerzhaft macht. Für einen Seitensprung genügt Gelegenheit, da muss die Beziehung selbst nicht in einer Krise gesteckt haben, deshalb sparen sich viele Paare die Aufarbeitung der Gründe. Doch zum Verzeihen ist die Beziehungsarbeit wichtiger, als viele vermuten.“

Magdalena (62) aus Erfurt:
„Ich kann mir selbst nicht verzeihen“

„Es ist vor über drei Jahren passiert. Ich war für ein Wochenende zu alten Bekannten nach Köln gefahren. Auf Bernd hatte ich schon während des Studiums ein Auge geworfen, aber ich dachte immer, das wäre einseitig. An diesem Wochenende gestand er mir, dass er damals auch in mich verliebt gewesen war“, erklärt Magdalena. Eins führt zum anderen, und die beiden landen miteinander im Bett. Magdalena genießt das Kribbeln, die Intensität dieser Gefühle. Doch am nächsten Morgen plagt sie schlechtes Gewissen. Wie hatte sie ihrem Mann Ralf das antun können? „Ich fand mich so egoistisch. Ich wollte ihm sofort die Wahrheit sagen“, erzählt sie. Ralf reagiert sehr erwachsen, verzeiht seiner großen Liebe den Seitensprung. Das Problem: Sie selbst kann sich nicht vergeben und macht sich seitdem Selbstvorwürfe.

Das sagt der Experte:
Was vermisse ich in meiner Partnerschaft? Was hatte meine Affäre, was mein Partner nicht hat? Solche Fragen plagen fast immer diejenigen, die in einer Außenbeziehung Gefühle erlebten, die sie in der Ehe nicht mehr spüren. Menschen, die sich die euphorische Verliebtheit zurückwünschen und denen die Geborgenheit des Angekommenseins als zu wenig intensiv erscheint. In diesem Fall sehe ich die Gefahr, dass Magdalena sich nicht eingestehen möchte, dass ihr mit Matthias etwas fehlt. Vielleicht wünscht sie sich, dass er für sie eine Entscheidung trifft, die sie selbst nicht treffen kann.

Christine (66) aus Heidelberg:
„Musste es gerade meine Freundin sein?“

Es ist ein Verrat, den man noch nicht einmal seinen ärgsten Feinden wünscht: Christines Mann hat sie mit ihrer besten Freundin betrogen. „Vor zwei Jahren hat mir mein Mann eröffnet, dass er die Scheidung will, weil er eine Frau kennen gelernt hat. Dass diese Frau meine damals beste Freundin war, habe ich erst später erfahren. 37 Jahre war ich mit meinem Mann zusammen, wir haben drei Kinder“, erzählt Christine. Doch dass Günther sie monatelang hintergeht und betrügt, mit ihrer vermeintlich besten Freundin – für Christine unvorstellbar. „Heidi ist einige Jahre jünger als Günther und ich. Ich habe sie vor zehn Jahren über gemeinsame Freunde kennen gelernt. Seitdem waren wir ein Herz und eine Seele. Wir sind bummeln gegangen, haben uns ausgetauscht und konnten uns alles erzählen“, sagt Christine. Doch vor zwei Jahren trennt sich Heidi plötzlich von ihrem Mann. Sie will sich wieder spüren, das Leben neu genießen. „Dass das heißt, dass sie mir meinen Mann wegnehmen würde, hätte ich niemals vermutet. Ich weiß nicht, ob ich nach diesem Betrug je wieder jemandem vertrauen kann.“

Das sagt der Experte:
Ein einmaliger Seitensprung ist meist leichter zu vergeben als eine Affäre. Um ein länger andauerndes Verhältnis zu verbergen, muss gelogen, getäuscht und betrogen werden. Wenn der Partner dann noch für eine Frau geht, die vermeintlich die beste Freundin war, dann ist der erlebte Betrug doppelt. Die beiden Menschen, die ihr am nächsten standen, haben sie hintergangen – das hinterlässt schwere Verletzungen im Selbstwert. Um wieder Vertrauen fassen zu können, ist in solchen Fällen häufig traumatherapeutische Hilfe anzuraten. Je nachdem, wie die Beziehung verlaufen ist, lässt sich eine solche Trennungserfahrung unterschiedlich aufarbeiten.

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