Autounfall: Wie eine Mutter den Tod ihres Sohnes verkraften muss

"Mit einem Mal blieb die Zeit stehen"

14. Januar 2021

In der Silvesternacht 2011 wird der älteste Sohn von Flor Schmidt von einem Auto überfahren und erliegt wenig später im Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen. Lesen Sie die ganze Geschichte.

Unfall mit Todesfolge

Glück ist, wenn einem das Herz hüpft. Glück ist Leichtigkeit, ist Staunen. Glück findet stets im Jetzt statt, es kennt keine Vergangenheit, keine Zukunft. Glück fragt nicht danach, in welcher Lebenslage du dich befindest. Es schaut nur, ob du liebst und ob du offen bist, dich berühren zu lassen.“ Als Flor Schmidt während einer Auszeit mit ihrem Yogakurs ihre Gedanken fließen lässt und diese warmen Worte findet, ist sie selbst überrascht. Einige Jahre zuvor erlebte sie das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann: In der Silvesternacht 2011 wird ihr ältester Sohn an einer Landstraße nur ein paar Meter vom Elternhaus entfernt von einem Auto überfahren. Nicolai erliegt wenig später im Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen.

Erst am 23. Dezember hatte die Familie noch seinen 17. Geburtstag gefeiert. Der Anruf kam kurz nach Mitternacht. Ein Freund von Nico ist am Telefon. Er sagt, dass es einen Unfall gab, dass Nico im Krankenhaus sei. Für Flor und ihren Mann Hubertus bleibt in diesem Moment die Zeit stehen. Ihr Sohn ist schwer verletzt und wird operiert. Am frühen Morgen haben die Ärzte keine Hoffnung mehr. Nico wird sterben. Ein Meer aus Angst, Wut und Verzweiflung überschwemmt Flor. Doch als sie auf der Intensivstation die warme Hand ihres Sohnes hält, kommt zu ihrem Schmerz mit einem Mal eine bedingungslose Liebe hinzu, wie sie sie noch nie zuvor empfand. Liebe zu Nico, zu ihrem zweiten Sohn Kasimir, ihrem Mann und allen anderen Menschen um sie herum, die gekommen waren, um sich zu verabschieden.

Die schwierige Trauerarbeit

Die Mutter lässt sich auf die Emotion ein: „Bei allem, was ich von nun an machte, ließ ich mich von diesem Gefühl leiten. Ich fühlte mich auf sonderbare Weise geführt, geborgen.“ Die erste Entscheidung, bei der sie auf ihre Intuition vertraut, bevor sie Nicos Körper gehen lässt, ist, seine Organe zu spenden und damit mehreren Fremden das Leben zu schenken. Als die Familie wieder zu Hause ist, ist der Verlust allgegenwärtig. „Wir konnten uns nicht vorstellen, dass unsere Herzen weiterschlagen, unser Leben weitergehen würde. Es war unmöglich, dass die Zeit weiter vorrückte, ohne diesen Teil, der unsere Familie vollkommen gemacht hatte.“ 

Doch die Zeiger auf der Uhr rücken unerbittlich vor. Immer wieder beginnt ein neuer Tag, der gelebt werden will, gelebt werden muss. Die Fürsorge von Freunden und Hubertus’ Familie tragen sie durch die Wochen nach der Beerdigung. „Unsere Freunde achteten darauf, dass wir nie allzu lange allein waren mit unserem Schmerz.“ Sie kommen mit Essen vorbei und um zu reden, ihre eigene Trauer zu teilen. Auch Nicos Freunde und Mitschüler besuchen die Familie häufig. Die Mutter spürt, wie groß die Spuren sind, die ihr wunderbarer Sohn in den Herzen der Menschen hinterlässt. Anstatt sich zu verstecken, lässt Flor den Schmerz zu. Sie stellt sich dem Schrecken, weint, wenn die Sehnsucht übermächtig wird und lernt, dass sie sich von all den unbeantwortbaren Was-wäre-wenn-Fragen nicht beherrschen lassen darf. 

An einem dieser Tage schickt sie Nico das erste Mal einen Brief an seine E-Mail-Adresse. Eine von vielen Nachrichten, in die die Mutter ihre Gedanken, all ihre Liebe und Fragen fließen lässt. Es wird lange dauern, bis sie ihren Laptop nicht mehr mit der kurzen Hoffnung auf eine Antwort, von wo auch immer Nico jetzt ist, öffnet. Natürlich weiß die Mutter, dass das nicht passieren wird. Doch Flor will offen bleiben für ihre Empfindungen, die unendlich weh tun, sie aber auch immer wieder ihrem Sohn ganz nah sein lassen. Sie nimmt die Gedanken von Vertrauten, von ihrer Heilerin, die sich um ihre Rückenschmerzen kümmert, gegen die keine Spritze der Ärzte helfen will, und auch von anderen Trauernden, die immer wieder wie zufällig ihren Weg kreuzen, an. Schritt für Schritt geht sie in ein neues Leben, in dem Nico nicht mehr da und doch immer bei ihr ist. „Ich kann spüren, dass die Liebe mit dem Tod nicht aufhört, dass nichts auf der Welt mich daran hindern kann, dich weiter zu lieben“, schreibt sie in einer E-Mail. Trauerarbeit heißt Hindernisse genau anzuschauen, nicht sie zu ignorieren, „sonst stolpert man immer wieder darüber.“

Ihre Erfahrungen teilt Flor Schmidt heute in Vorträgen und als Seelsorgerin mit anderen Betroffenen: „Die Trauer liegt schwer auf meiner Brust. Ich versuche, durch sie hindurchzuatmen. So, wie ich es gelernt habe. Komm nur, Schmerz, ich habe keine Angst mehr vor dir. Ich halte dich aus, weil ich spüre, dass es in mir etwas gibt, das stärker ist als du.“

Buchtipp: In „Weiter als das Ende“ beschreibt Flor Schmidt in sehr persönlichen Worten ihren Trauerweg und zeigt in wertvollen Einsichten, wie Trauerarbeit aussehen und funktionieren kann.

Datum: 14.01.2021

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