Alleinerziehend und berufstätig: Frederike erzählt von Alltag und Ängsten

„Manchmal denke ich: Ich schaff’ das nicht!“

Alles ganz ohne Hilfe zu schultern – eine enorme Aufgabe. Für sich selbst bleibt da kaum Zeit übrig. Diese Erfahrung machte auch Frederike (38). Nachdem ihr Mann sie und die zwei Kinder plötzlich und ohne Vorwarnung verlassen hatte, war sie nun auf sich selbst gestellt. Wie sie mit dem Kummer fertig wurde und Beruf und Alltag als Alleinerziehende unter einen Hut bringt, erzählt sie hier.

„Heute bin ich stolz auf mich. Ich habe einen Collegeblock für Luis gekauft, eine Hälfte liniert, eine kariert. Den braucht er für die Schule. Vor zwei Wochen kam er mit der Bitte. Heute Nachmittag habe ich es hingekriegt. Was für andere Mütter etwas völlig Normales ist, bedeutet für mich eine echte Glanzleistung. 

Seit drei Jahren lebe ich mit Luis und Karla allein. Nach beiden Geburten hatte ich schon früh wieder angefangen zu arbeiten, und mein Ex und ich waren ein eingespieltes Team. Wir teilten uns das Wegbringen und Abholen der Kinder, das Einkaufen übernahm ich meist selbst, weil ich nur 30 Stunden arbeitete. Auch der Haushalt war eine Gemeinschaftsarbeit. Alles lief prima – bis mein Ex auszog, von heute auf morgen. Damals waren die Kinder drei und sechs. Erstmal war ich völlig vor den Kopf geschlagen. Und natürlich habe ich getrauert.

Man trägt die ganze Verantwortung und auch die Sorgen allein

Aber da gab es eben auch zwei kleine Mäuse, die wissen wollten, wo denn jetzt der Papa sei, und die traurig waren. Die getröstet werden wollten. Und die zur Kita und in die Schule gebracht werden mussten, saubere Sachen tragen sollten. 

Tatsächlich habe ich noch Glück: Mein Ex nimmt die Kinder jedes dritte Wochenende, da er weiter weg gezogen ist. Er zahlt auch regelmäßig. Immerhin. Und ich habe einen guten Job. Mit meinen 30 Stunden, dem Unterhalt vom Ex und dem Kindergeld kommen wir ganz gut über die Runden, auch wenn das Sparen auf der Strecke bleibt. Ich weiß: Da geht es vielen anderen sehr viel schlechter. Ich will hier auch kein Gejammere anstimmen, aber alleinerziehend sein ist schon eine große Aufgabe.

Unsere Tage sind absolut durchgetaktet. Da bleibt kein Platz für tolle Basteleien am Nachmittag und Waldspaziergänge mit Blättersammeln im Herbst. Zumindest nicht wochentags. Die Kids sind in der Nachmittagsbetreuung bis 16 Uhr. Manchmal gehen sie nachmittags zu Freunden. Ich bin gegen 17 Uhr zu Hause. Und egal, wie anstrengend es im Büro war, jetzt sind die Kinder dran. Dabei will ich am liebsten gute Laune versprühen – klappt aber leider nicht immer. Die beiden brauchen Aufmerksamkeit, wenigstens noch die Stunden bis zum Schlafen. Trotzdem ist diese Zeit nicht immer zur freien Verfügung. Da muss der Große noch schnell ein Gedicht auswendig lernen. Die Kleine hat sich mittags die Tomatensoße in die Haare geschmiert. Also ab unter die Dusche.

Es bleibt keine Zeit, mal Luft zu holen und zu entspannen

Ein Mal pro Woche ist Luis noch beim Karate, am nächsten Tag Karla beim Tanzen. Da warte ich mit dem jeweils anderen vor der Tür. Auch das Abendessen gehört natürlich zum täglichen Programm. Dann gibt’s noch eine halbe Stunde Fernsehen, nicht immer, aber oft. Und zum Schluss kommen die Ins-Bett-bring-Rituale. Wenn endlich Ruhe ist, geht’s ans Aufräumen, Bügeln, Hose flicken und ich weiß nicht was. Meist ist mein „Arbeits-Kinder-Tag“ so um halb zehn beendet. Und ich sitze auf dem Sofa und weiß, was alles liegen geblieben ist, weil ich’s nicht geschafft habe oder es vergessen wurde.

On top kommt mein Dauer-Schlechtes-Gewissen, dass ich die Kinder vernachlässige, nicht genug Zeit für sie habe, ihnen nicht genug Aufmerksamkeit schenke. Ich gehörte nie zu den Müttern, die sich engagieren, die bei Sportfesten aushelfen oder am Kuchenbüfett für eine Stunde einspringen. Ich
muss halt arbeiten, vor allem, um uns zu finanzieren und um später im Rentenalter überleben zu können. Manchmal mischt sich die Angst ein: Was ist eigentlich, wenn mir mal etwas passiert? Der Vater nicht auf die Schnelle greifbar, die Großeltern ganz weit weg. An solchen Gedanken-Punkten stockt
mir kurz der Atem.

Ich weiß, dass ich mich seit langem selbst vernachlässige. Und manchmal denke ich: Das wird auch immer so weitergehen und das schaffe ich vielleicht nicht. Aber irgendwie wird es schon klappen. Es muss. Und ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass meine Kleinen immer selbstständiger werden. Am Kühlschrank hängt meine Lieblings-Postkarte. Darauf steht: „Sei immer du selbst, es sei denn, du kannst Batman sein. Dann sei Batman.“ Heute war ich auf jeden Fall Batman: Ich habe auf dem Heimweg an den Collegeblock gedacht und ihn gekauft. Er steckt sogar schon in Luis’ Schulranzen.“

Tipps und Infos zum Thema: Der Austausch ist wichtig

Expertin Miriam Hoheisel ist Bundesgeschäftsführerin des Verbandes für alleinerziehende Mütter und Väter. Dort gibt es Infos, Beratung und Lobby. Für Alleinerziehende ist es schwer, sich Momente der Entspannung zu nehmen: Sie sind ständig gefordert. Wir haben unsere Expertin gefragt, wie man am besten mit dem Dauerstress umgehen kann.

Gibt es gute Strategien, mit dem Alltagsstress umzugehen? 

„Alleinerziehende haben ihren Alltag zwischen Arbeitsstelle, Kita oder Schule und Haushalt genau durchgetaktet. Trotzdem ist die Zeit immer zu knapp. Das ist oft mit dem Gefühl verbunden, weder dem Beruf noch dem Kind richtig gerecht werden zu können. Hier gibt es keine Patentrezepte. Das Gespräch mit anderen Alleinerziehenden, das gegenseitige Unterstützen, kann helfen, Wege für sich zu finden. Wichtig ist es auch, Zeit für sich einzuplanen. Und dafür auch Betreuung fürs Kind zu organisieren. Jeder Mensch braucht Zeiten des Ausgleichs und des Nichtstuns, um seine Batterien wieder aufzuladen.“

Welche Hilfen können oder sollten die Frauen in Anspruch nehmen?

„Eine Beratung durch den VAMV oder eine Familienberatungsstelle kann über Ansprüche auf familienpolitische Leistungen informieren, etwa den Unterhaltsvorschuss. Wenn es etwa Probleme mit dem Unterhalt gibt, können Alleinerziehende beim Jugendamt eine Beistandschaft einrichten, die den Unterhalt fürs Kind durchsetzt.“

Wie könnte man den Status von Alleinerziehenden verbessern?

„Die Politik muss die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern: Alleinerziehende wollen eine Arbeit, von der sie leben können, und Kinderbetreuung, die zu ihren Arbeitszeiten passt. Sie wollen nicht länger in der Steuer wie Singles behandelt werden und bei den Leistungen für Familien durchs Raster fallen. Eine Kindergrundsicherung zum Beispiel würde dafür sorgen, dass kein Kind in Armut leben muss.“

Haben Sie einen guten Ratschlag für alle Alleinerziehenden?

„Mein Rat ist, sich mit anderen Alleinerziehenden auszutauschen. Das kann guttun, bestärken und hat schon oft zu befreienden Aha-Erlebnissen geführt: Andere machen vergleichbare Erfahrungen wie ich. Es liegt also gar nicht an mir, dass ich beispielsweise so wenig Geld zur Verfügung habe. Sondern dafür gibt es gesellschaftliche Ursachen, da Alleinerziehende in unserer Gesellschaft immer noch benachteiligt sind. Das Gute ist: Eine Gesellschaft ist kein Naturgesetz, sondern von Menschen gemacht, und somit auch veränderbar.“

Unsere Buchtipps:

 

Matthias Franz stellt Übungen für Mütter vor, mit denen sie die Bindung zu ihrem Kind stärken. 

Christine Finkes Standardwerk ist klasse. Die engagierte Mutter schreibt den Blog www.mamaarbeitet.de. 

Katja Zimmermann erzählt über ihr manchmal chaotisches Leben als alleinerziehende Mutter von Zwillingen.

Alexandra Widmer hat viele Tipps für Frauen, wie sie Stress bewältigen und den Burnout verhindern können.