Inas Alptraum: Wenn eine Lebenslüge alles zerstört

Der falsche Traumprinz

12. Juli 2017

Er war ihre große Liebe. Doch eines Tages stellt Ina (46) fest: Nichts von dem, was ihr Mann ihr erzählt hat, ist wahr.

„Hallo schöne Frau, ich würde Sie gerne näher kennen lernen – mein Name ist Ralf, ich bin Anwalt.“

Mit diesem Satz, diesen Worten, lernen sich Ina und Ralf (52) vor knapp vier Jahren kennen. Hätte Ina damals schon gewusst, dass diese Begegnung zu ihrer persönlichen Lebenslüge werden würde, hätte sie Ralfs Avancen sicherlich niemals angenommen. Beide sind mit ihren Freunden in einer Bar einen Absacker trinken. Von der anderen Seite des Raumes aus sucht Ralf den Blickkontakt mit Ina. Als er zu ihr herüberschlendert, fallen ihr sofort seine dunklen Augen auf. Als er sie dann anspricht, mit dieser warmen, ruhigen Stimme, ist es fast augenblicklich um Ina geschehen.

Sie reden die ganze Nacht, gehen erst im Morgengrauen nach Hause – mit dem Versprechen, sich so schnell wie möglich wiederzusehen. Ina ist überwältigt. Sollte es die große Liebe doch geben? Nach vier gescheiterten Beziehungen keimt Hoffnung auf. Die Hoffnung, endlich mit einem Mann glücklich zu werden.

Und tatsächlich: Es ist der Startschuss einer großen Liebe. Ungeahnte Gefühle, tolle Reisen, tiefsinnige Gespräche – Ina war endlich angekommen, hatte ihn gefunden, ihren Seelenpartner. Nach einem halbes Jahr ziehen die beiden Dresdner zusammen, nach einem Jahr läuten die Hochzeitsglocken. Ina ist überglücklich. Was die Steuerfachangestellte jedoch nicht weiß: Nichts ist, wie es scheint. Ihr geliebter Mann hat ein dunkles Geheimnis.

Ralf gibt sich offen. „Der Beruf des Anwalts passte perfekt zu ihm. Er konnte sich gut in andere Menschen hineinversetzen, sein Gegenüber auf seine Seite ziehen. Ständig schaffte er es, jemanden von einer Meinung zu überzeugen – obwohl der vorher ganz gegenteilige Ansichten hatte. Das war bewundernswert“, erinnert sich Ina.

„Was mich wirklich tief berührte, war seine Lebensgeschichte. Ursprünglich war er in Berchtesgaden aufgewachsen. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater wurde zum Alkoholiker und ließ ihn und seinen drei Jahre jüngeren Bruder Stefan allein, als Ralf 16 Jahre alt war. Er musste schon sehr früh Verantwortung übernehmen.“ Ralf spricht mit Ina ganz offen über seine Geschichte, über seine Bindungs- und Verlustangst – und auch über seine erste Frau. Darüber, wie er vor sechs Jahren mit erst 42 zum Witwer wurde. „Als ich von Maria, seiner verstorbenen Frau, erfuhr, war ich sprachlos. Er zeigte mir einige alte Bilder von ihr mit ihm und erzählte mir, wie schlimm es war, den Krebs siegen zu sehen. Und wie er seine Frau in den Tod begleitet hatte. An ihrem Todestag zündeten wir eine Kerze für sie an.“

Dass Ralf so offen mit seiner Vergangenheit umgeht, gefällt Ina. Nie war ein Mann so ehrlich zu ihr. Und auch seine Abenteuerlust weiß sie zu schätzen. Denn: Auch sie reist gerne in ferne Länder. Und so unternimmt das Ehepaar in jeder freien Minute etwas. „Wir waren ständig unterwegs. Selbst wenn es nur über das Wochenende war.“ Der Nachteil: Ina bekommt so gut wie keine Freunde von Ralf zu Gesicht. Nur Ulli und Andi kennt sie. Die hat Ralf erst nach seinem Umzug nach Dresden kennen gelernt. „Mit seinen Kollegen wollte er kein freundschaftliches Verhältnis. Das habe ich verstanden“, erklärt Ina. Und wer zweifelt schon an den Worten des Mannes, den man liebt. Dem man bedingungslos vertraut. Doch nach drei Jahren Ehe bricht Inas Leben eines Tages wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

„Ich weiß noch, dass ich mich an einem Donnerstag mit meiner Freundin Maren traf. Sie war ganz still und druckste herum. Auf mein Drängen hin zeigte sie mir ein Foto von der Weihnachtsfeier eines Freundes. Im Hintergrund ganz klar zu erkennen: mein Ralf. Was hat er dort zu suchen? Ich war völlig irritiert und stellte ihn zur Rede.“ Ralf gibt alles zu. Er ist kein Rechtsanwalt,er ist Sachbearbeiter in einer Behörde. „Es zog mir den Boden unter den Füen weg. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Unsere Liebe hatte mit einer Lüe begonnen. Und alles andere, was er mir erzählt hatte? Wir redeten die ganze Nacht. Nichts von seiner Geschichte war wahr. Seine Eltern sind getrennt, aber gesund und wohnen in der Nähe von München. Maria? „Nur eine Bekannte.“

Warum er sie so belogen hat – Ralf kann ihr keine Antwort geben. Ina zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus. Und sucht sich bald professionelle Hilfe. „Ich wusste, dass ich diese unfassbare Täuschung nicht selber überwinden konnte. Meine Psychologin erklärte mir dann, dass Ralf ein Pseudologe, ein krankhafter Lügner, ist. Mit ihrer Hilfe versuche ich nun, diese Geschichte zu verkraften. Den Kontakt zu Ralf habe ich abgebrochen. Ja, irgendwo liebe ich ihn noch. Doch wie real kann die Liebe zu einem Menschen sein, den man nicht kennt?"

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