Männer in der Midlife-Krise: „Hilfe, mein Mann ist ein Pubertier!“

Was Frau aushalten muss, wenn Mann seine Jugend wiederentdeckt

Gutes Aussehen, Mode? Da stand ihr Mann doch immer drüber. Jetzt plötzlich nicht mehr. Und Nora (49) kann sich nur noch wundern über das seltsame Treiben – und den neuen Look! – von Thorsten (55) ... Außerdem: Was unsere Paartherapeutin Miriam Fritz bei einer Midlife-Krise rät.

Wie haben Thorsten und ich uns noch vor nicht allzu langer Zeit über Manfred lustig gemacht. Manfred ist unser Nachbar. Über Jahre solide liiert mit – doch, sie hieß wirklich so – Else. Dann verließ Else ihn. Ein Schock für uns alle. Auf Manfred hatte es damals unglaubliche Auswirkungen. Was haben wir gelacht, heimlich natürlich und auch gar nicht böse: Plötzlich zwängte er seinen nicht mehr ganz stromlinienförmigen Körper in enges Motorradleder und wechselte wöchentlich die Sozia. Ganz ehrlich, die Mädels hätten locker seine Töchter sein können. Thorsten fand es damals einfach doof: „Was wollen die denn mit dem alten Knacker? Denken die, er hat einen Sack voll Geld im Garten verbuddelt? Das muss er doch selbst einsehen, dass die ihn nicht sexy finden.“

Ich höre es noch genau. Klare Sache: Der Mann steckte mitten in der Midlife-Krise. Fanden wir lustig, damals. Und jetzt? Vor zwei Monaten eröffnete mir Thorsten, dass er auf unseren gemeinsamen Urlaub dieses Jahr verzichten möchte. Stattdessen will er mit einer Männergruppe nach Australien, wilde Dinge tun, die Männer so toll finden: per Helikopter in ein Tal fliegen, da mit Zelt & Co. Survival machen und sich nach zwei Wochen wieder abholen lassen. Na, wenn’s Spaß bringt ... Das wäre ja noch okay gewesen für mich, fahre ich halt mal mit meiner Freundin nach Paris, das wollten wir schon lange.

Irgendwie will er seinen inneren Adler entdecken, unterstellt mir, ich hätte ihn zum Suppenhuhn gemacht

Was mich eher irritiert, ist sein neues Faible für, ja wie soll ich’s nennen? Männliche Selbstfindung. Irgendwie will er seinen inneren Adler entdecken und unterstellt mir damit indirekt, ich hätte ihn in unserer Ehe zum Suppenhuhn gemacht. Sollte er aus der Pubertät nicht endgültig raus sein? 

So ein klein wenig – oder, offen gesagt, ziemlich doll – erinnert Thorsten mich an unseren Sohn Tom. Also Tom vor zehn Jahren, als er 16 war, inzwischen ist er erstaunlich reif für sein Alter und gibt mir wertvolle Tipps für den Umgang mit Thorsten, den ich jetzt Thor nennen soll, weil dynamischer: Lass ihn mal machen, Mama. Der kommt schon wieder. Manchmal zitiert er sogar Lao Tse: Was du zusammenfügen willst, musst du erst richtig sich ausdehnen lassen.

Ich hoffe nicht, dass da was läuft mit der neuen Kollegin

Na ja, ausdehnen tut sich im Moment so einiges bei Thor/Thorsten. Mir fallen da spontan die neuen Badehosen ein, die er sich hat schicken lassen: knalleng (trägt man das noch so?) und, äh, neonfarben akzentuiert. An den entscheidenden Stellen. Will er dezent darauf hinweisen, dass da noch was los ist an diesen Stellen? Sorry, aber das drängt sich doch auf. Wenn’s mal nur dabei bliebe! Aber seit einiger Zeit fällt mir auf, dass er dauernd vor dem Spiegel steht und eine Haarsträhne mit Gel von rechts nach links schiebt. Bitte, wen will er denn damit beeindrucken? Ich hoffe nicht, dass da was läuft mit der neuen Kollegin, die vor einiger Zeit in seinem Betrieb eingestellt wurde. Aber das glaube ich eigentlich nicht, wir haben uns immer super verstanden, und auch im Bett ist alles okay. Vielmehr scheint Thorsten gerade nicht so genau zu wissen, wer er eigentlich ist.

Man hört ja oft, dass das gefühlte Alter immer mehr vom tatsächlichen Alter abweicht, je älter man wird. Ein 55-jähriger Mann kann sich also gut so fühlen wie ein 35-jähriger. Der Trugschluss besteht darin, zu glauben, dass andere ihm das abnehmen. Ob Neonfarben das ändern? Wenn ich meinen Donnergott auf seine neue Eitelkeit anspreche, reagierte er gereizt. Er habe schon immer auf sein Äußeres geachtet – und was daran plötzlich komisch sein solle. Leider bekomme auch ich von ihm nun öfter Kommentare zu hören wie „Was, zwei Portionen Sahne zum Kuchen? Das macht doch dick.“ Am Handgelenk trägt er jetzt eine dieser Fitnessuhren, die jeden seiner Schritte zählt, und nachts sind wir zu dritt im Bett – die Uhr hält Wacht und misst die Tiefschlafphasen.

Da bin ich doch lieber eine entspannte Bald-50erin

Ganz ehrlich, ich finde Thorstens zweite Pubertät erstaunlich freudlos. Dem Australien-Trip kann ich nichts abgewinnen, die Badehosen sehen zwar lustig aus, aber dafür leuchten sie jetzt jeden Morgen einfach nur den bettflüchtigen Rentnern im Schwimmbad heim, denn Thorsten dreht noch vor der Arbeit seine Runden. Statt Steaks gibt es für ihn zum Mittag Chiasamen und abends nur noch Eiweißdrinks, wegen des Muskelaufbaus. Hallo? Da bin ich doch lieber eine entspannte Bald-50erin, die weiß wie man das Leben genießt, dass der schöne Schein vergänglich ist und die Meinung anderer gar nicht so wichtig. So lebt es sich doch um einiges lässiger. Zumindest einen Vorteil hat Thorstens Verwandlung: Das ganze Lycra-Zeugs, das er jetzt trägt, muss man wenigstens nicht bügeln. 

Lesen: Das erste Mal gibt's nicht nur einmal im Leben!

Tipps und Infos zum Thema: Wie Sie mit der Midlife-Krise umgehen

Wenn Männer in die zweite Pubertät kommen, kann es in der Beziehung schnell mal drunter und drüber gehen. Wir haben unsere Expertin, Paartherapeutin Miriam Fritz,  gefragt, wie es Paaren gelingt, diese Krise nicht nur gemeinsam zu überstehen, sondern auch als ganz neue Chance zu nutzen.

Midlife-Krise: Was bedeutet das eigentlich genau? 

 „Es geht um eine Umbruchphase in der Lebensmitte, in der man sein bisheriges Leben überdenkt. Der Begriff wird vor allem für Männer zwischen
 40 und 55 Jahren benutzt, die in einer Sinnkrise stecken und Unsicherheit sowie Unzufriedenheit erleben. Oft sind Lebensziele wie Ehe, Großziehen von Kindern, Hausbau, Karriere erreicht und die Männer fragen sich: Soll das schon alles gewesen sein? Was kommt jetzt noch?“ 

Kommt jeder Mann in diese Phase? 

„Viele Männer realisieren in der Lebensmitte, dass sie nicht mehr unendliche Möglichkeiten haben und ihr Körper älter wird. Verständlich, wenn man gegen Unzufriedenheit und Einengendes erst mal rebelliert und sich unbedingt beweisen will, dass man nicht zum alten Eisen gehört. Ob ein Mann in diese Krise kommt, hängt auch davon ab, wie stark sein Selbstwertgefühl ist und wie viel er glaubt, versäumt zu haben.“ 

Was bedeutet das für die Paar-Beziehung? 

„Wenn sich die Partner nicht austauschen und die Veränderungswünsche zu extrem sind, führt dies zu Unverständnis, Ablehnung oder auch zur Trennung. Sich eine jüngere Freundin zu suchen, um wieder mehr Energie zu erleben und Zweifel abzuschütteln, ist meistens keine Lösung. Denn oft gelangt der Mann wieder in denselben Kreislauf, aus dem er ausgebrochen ist.“ 

Wie kann ich als Partnerin damit umgehen? 

„Es ist für beide Partner wichtig, immer wieder Bilanz zu ziehen und sich über die jeweiligen Lebensziele klar zu werden. In der Beziehung ist dann entscheidend, über diese Bedürfnisse zu sprechen und sie gegenseitig anzuerkennen: Was brauchst du, um wieder mehr Zufriedenheit zu verspüren? Also immer wieder das Gespräch suchen, um herauszufinden, welche Träume sich mit der Partnerschaft vereinbaren lassen.“ 

Verändert sich die Partnerschaft dauerhaft? 

„Paare sollten sich überlegen, ob sie die vielen gemeinsamen Jahre wirklich aufgeben möchten. Und möglicherweise die Beziehung auf eine andere Ebene stellen: das Erreichte schätzen und die zweite Lebenshälfte bewusst neu gestalten. Es gibt ja nicht nur diese eine Krise, sondern jeder Mensch macht etwa alle zehn Jahre eine Übergangsphase durch. Diese Zeiten des Wandels sind eine Chance, sich gemeinsam weiterzuentwickeln und seine Wünsche zu verwirklichen.“ 

Unser Buch-Tipp: 
Es ist nur eine Phase, Hase. Ein Trostbuch für Alterspubertierende“ von Maxim Leo und Jochen Gutsch. Die Autoren widmen 
sich in ihrem Buch
 allen Aspekten des
 tragisch-komischen 
Phänomens Alterspubertät. Das ist oft bestürzend und immer
 ziemlich lustig. Etwa,
wenn Ü45-Männer 
sich in Neopren-Anzügen ganz neu entdecken und wir Frauen in spirituelles Erleben flüchten (oder ins Marmeladekochen). Ein großer Spaß! Und das gute Gefühl: Anderen geht’s auch nicht anders. 12 Euro. Ullstein Verlag