Suchtgefahr bei Frauen: „Kann ich überhaupt noch ohne?“

Drei Frauen über ihren Alkohol-, Tabletten- und Handykonsum

Hoher Alkoholkonsum: Der Schritt zur Sucht ist sehr klein Tabletten zum Entspannen in den Wechseljahren: Vorsicht vor Missbrauch! Handy-Sucht: Wenn man ohne das Smartphone nicht ins Bett geht

Vom häufigen Gebrauch bis zur Sucht ist es oftmals nur ein kleiner Schritt – drei Frauen erzählen von ihrem hohen Alkohol- und Tablettenkonsum sowie dem ständigen Blick aufs Handy. Dabei stellt sich die Frage „Kann ich überhaupt  noch ohne?“ Unsere Sucht-Expertin Christa Merfert-Diete beantwortet wichtige Fragen.

Zu viel Alkohol – Anna (46): „Kein Abend ohne Wein“

„Als mein Ex mich verließ, brauchte ich dringend Abstand. Ich hatte das Gefühl, in unserer Kleinstadt zu ersticken. Als Grafik-Designerin hatte ich gute Chancen und bekam recht schnell in Köln einen tollen Job. Gleich am ersten Arbeitstag nahmen meine Kollegen mich nach Feierabend mit in die nächste Kneipe. Ich hatte selten so einen Spaß. Und es blieb nicht das einzige Mal. Ich stellte fest, dass meine Kollegen jeden Abend losziehen. Seit einem Jahr mache ich das, und neulich wurde mir bewusst, dass ich auch Alkohol trinke, wenn ich allein bin. Jetzt habe ich mit einer alten Freundin mal darüber gesprochen. Seitdem beobachte ich mich und mein Trinkverhalten sehr genau.“

Gebildete Frauen ab 45 Jahren greifen öfter zum Glas als andere.

Lesen Sie auch: Wie schädlich Alkohol ist>>>

Tablettensucht – Linda (51): „Durch die Pillen bin ich ein anderer Mensch“

„Meine Jungs hatten gerade die Pubertät hinter sich, da begannen bei mir die Wechseljahre. Mit den körperlichen Symptomen, wie Schweißausbrüchen, konnte ich ganz gut umgehen, aber meine Stimmungsschwankungen machten mich und meine Familie völlig fertig. Entweder war ich total gereizt oder ich sah alles schwarz und musste weinen. Ich ging zum Arzt, und der sagte, dass viele Frauen mit dieser Symptomatik Beruhigungsmittel nähmen. Das sei in vernünftigem Maß in Ordnung. Ich könnte es ja mal ausprobieren. Bei nächster Gelegenheit nahm ich eine Tablette. Was soll ich sagen: Ich hatte weder gute noch schlechte Laune, ich nahm alles gelassen hin. Meinem Sohn fiel eine volle Saftflasche aus der Hand, die ganze Küche klebte, und ich zuckte mit den Schultern und warf ihm einen Lappen zu. Alle sahen mich erstaunt an. Ich war zufrieden. Den Tabletten blieb ich treu. Dann wurde es bei der Arbeit richtig stressig. Im Büro hat man umstrukturiert – und ich erhöhte die Dosis meiner Pillen. Als die Packung mal wieder leer war, fuhr ich beim Arzt vorbei. Doch statt mal eben das Rezept abzuzeichnen, rief er mich rein und fragte mich über meinen Tablettenkonsum aus. Und ich stellte fest: viel zu viel. Das war mir gar nicht bewusst gewesen. Ich werde die Dosis jetzt reduzieren und regelmäßig zum Arzt gehen.“

1,9 Mio. Menschen sind von Tabletten abhängig, frauen sind gefährdeter. 6% der erwerbstätigen nehmen Antidepressiva.

Lesen Sie auch: Kerstins Weg aus der Tablettensucht>>>

Süchtig nach Online-Foren – Jana (25): „Mein Smartphone ist in jeder Lebenslage dabei“

 „Mein letzter Blick am Abend geht aufs Handy, mein erster am Morgen auch. Manchmal schlafe ich sogar mit ihm in der Hand ein. Und ich kenne viele, denen das auch passiert. Mit zwölf hatte ich mein erstes Handy – schon fast spät im Vergleich zu meinen Freundinnen. Natürlich tauschen wir uns ständig über WhatsApp untereinander aus. Außerdem bin ich auf diversen Dating-Portalen, Tinder, Finya, Lovoo. Es ist spannend, so viele unterschiedliche Typen kennen zu lernen. Das geht nur übers Internet. Neulich habe ich mich nach der Arbeit mit meiner Schwester getroffen. Sie war irgendwann schwer genervt, weil ich permanent aufs Handy gestarrt habe. Ehrlich gesagt: Sie hatte recht. Ich habe ihr teilweise gar nicht zugehört. Sie erzählte mir, dass es ihr irgendwann ähnlich ging und sie deshalb seit einigen Monaten einen Handy-Detox-Tag einlegt. Einfach mal das Ding auslassen. Ich habe es neulich versucht. Es ist mir erst richtig schwergefallen. Aber am Ende des Tages war ich viel entspannter als sonst.“

Etwa 500.000 Menschen sind onlinesüchtig, jeder zweite chattet häufiger mit anderen Menschen, als sie real zu treffen.

Lesen Sie auch: Wie gefährlich ist Handystrahlung wirklich?>>>

Tipps und Infos zum Thema: Alleinleben hat seine Vorteile

Christa Merfert-Diete ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Prävention bei der Hauptstelle für Suchtfragen www.dhs.de. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen ist ein Dachverband für Beratungsstellen und Verbände vor Ort. Häufig wird Infomaterial zur Prävention nachgefragt. Es melden sich aber auch Betroffene und sehr oft Angehörige.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer der Süchtigen?

„Wir können keine Dunkelziffer nennen, weil diese Zahl eben im Dunkeln liegt. Wir müssen aber davon ausgehen, dass 9,3 Millionen Menschen Alkohol in gesundheitsschädlichem Maß trinken. 1,4 bis 1,5 Millionen sind von psychotropen Medikamenten abhängig. Auch diese Zahl ist geschätzt, weil viele sich die Tabletten über ein Privatrezept verschreiben lassen, damit es nicht auffällt.“

Welche Menschen sind besonders anfällig für eine Abhängigkeit?

„Das sind Menschen, die in ihrem Berufsleben und/oder in ihrer Persönlichkeit nicht in Balance sind. Dabei ist zu viel Stress im Alltag genauso schädlich wie Ödnis und Langeweile. Unter anderem sind auch Menschen mit einem monotonen Job ohne Entscheidungskompetenz gefährdet.“

Woran kann man merken, ob man selbst schon süchtig ist?

„Die meisten haben ein sehr gutes Gespür dafür. Festmachen kann man es daran, dass das Denken eher um den Suchtstoff kreist als um Aufgaben, die Alltag und Beruf an uns stellen.“

Kann ich es auch ohne Therapie schaffen, da herauszukommen?

„Ja, das erfordert Stärke und meist die Unterstützung einer Selbsthilfegruppe. Übrigens: Der Kontakt zu einer Beratungsstelle ist immer absolut vertraulich.“

Hilfe im Netz

  • Auf der Seite der Bundesregierung findet man die neuesten Zahlen unter anderem im aktuellen Jahrbuch Sucht, das die Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zusammenstellt. www.drogenbeauftragte.de
  • Die DAK und das Universitätsklinikum Eppendorf haben eine Studie zur Social- Media-Abhängigkeit bei Jugendlichen durchgeführt. www.dak.de
  • Datenbank zu tausenden Suchthilfeangeboten in ganz Deutschland bietet: www.suchthilfeverzeichnis.de