Wenn Liebe krankhaft ist: „Mein Mann, der Narzisst“

Wie Claudia sich aus einer zerstörerischen Liebe löste

Nach außen wirkt er unglaublich charmant und aufmerksam. Der Schein trügt. Denn bald wird klar: Seine Liebe kreist einzig und allein um ihn selbst. Dass sich ihre große Liebe als falsch und krankhaft entpuppen würde, damit hätte Claudia niemals gerechnet...

„Hals über Kopf habe ich mich verliebt! Wie hätte ich auch widerstehen sollen? So wie Rolf hatte mich noch nie ein Mann umworben. So begehrt, so wertgeschätzt hatte ich mich nie zuvor gefühlt. Dass sich das in so kurzer Zeit ins Gegenteil verkehren würde, hätte ich mir damals, vor drei Jahren, wirklich nicht vorstellen können.

An unsere allererste Begegnung kann ich mich erinnern, als wäre sie erst gestern gewesen: Rolf kam als neue Führungskraft in die Personalabteilung der Hotelkette, in der ich schon seit sechs Jahren als Assistentin der Geschäftsleitung arbeitete. Als mein Chef mich ihm vorstellte, knisterte es gewaltig zwischen uns. Da war so etwas Vielsagendes in seinem Blick. Er sah gut aus, war charmant und aufmerksam. Schon bei seiner kurzen Antrittsrede zog er alle in seinen Bann und hatte gleich ein paar Lacher auf seiner Seite. Es war um mich geschehen. Umso größer war meine Freude, als er mich am Ende seiner ersten Woche auf dem Flur ansprach. Ob ich nicht Lust hätte, mit ihm essen zu gehen? Er würde gern ein paar Restaurants in München ausprobieren. „Ich hole Sie am Samstag um 19 Uhr ab!“, sagte er entschlossen, als ich einwilligte.

Rolf kam mit einem teuren Auto vorgefahren und gab den perfekten Gentleman. Obwohl er neu in der Stadt war, hatte er das Lokal ausgewählt und einen Tisch reserviert – ein richtig schickes Nobelrestaurant. So lief es anfangs häufig: Er dachte sich etwas Außergewöhnliches aus und überraschte mich immer wieder aufs Neue. Einmal fuhren wir spontan übers Wochenende auf einen schmucken Landsitz in der Bretagne. Da machte er mir einen Heiratsantrag – und ich war überglücklich Damals hat es mir sehr imponiert, mit welcher Selbstverständlichkeit er um mich warb. Mich beeindruckte auch, was er mir von seiner Karriere erzählte. Er schien immer genau zu wissen, was er will – und wie er das auch bekommt. Zu selbstbewussten Männern wie ihm hatte ich mich schon immer hingezogen gefühlt. Und nun machte mich so ein Traummann zu seiner Frau.

Erst im Rückblick ging mir auf: Rolf hat grundsätzlich über meinen Kopf hinweg entschieden. Er hat von Anfang an nur von sich gesprochen und immer alles besser gewusst. Mich hat er kaum jemals irgendetwas gefragt – es sei denn, es ging um die Hotelkette, für die wir beide arbeiteten. Heikle Details aus meiner Abteilung interessierten ihn brennend. Und wenn er sie mir entlockt hatte, machte er sich über meinen Chef lustig. Eines Abends kam er abends nicht nach Hause – angeblich, weil im Büro so viel zu tun war. „Claudia, du scheinst hier einiges noch nicht begriffen zu haben“, fuhr er mich am Telefon an, als ich anrief, um zu fragen, wo er bleibt. „Ich bin in diesem Laden unentbehrlich. Wie sollen die Idioten denn ohne mich klarkommen? Aber eine Assistentin wie du versteht so etwas natürlich nicht!“ Ich war baff. Und im nächsten Moment fühlte ich mich klein und elend. „Er hat ja recht“, redete eine Stimme mir ein, „Er bietet mir so viel. Aber was habe ich ihm eigentlich zu bieten?“

Ich vertraute mich Berit an, einer Kollegin, mit der ich schon seit vielen Jahren befreundet war, die ich aber länger nicht privat getroffen hatte. Sie arbeitete ebenfalls in der Personalabteilung, genau wie Rolf. Zu meiner Überraschung wusch sie mir gehörig den Kopf. „Bei allem Respekt, Claudia, ich frage mich schon lange, wie du es eigentlich mit ihm aushältst“, sagte sie unvermittelt, „du solltest mal erleben, wie herablassend er mit uns Kollegen und mit Bewerbern umgeht!“

Damals war ich noch zu verliebt, um auf sie zu hören. Rolf und ich hatten gerade erst in kleinem Kreis geheiratet und waren zusammengezogen. Aber mir fielen immer mehr Dinge auf, die die Fassade des zuvorkommenden Manns von Welt zum Bröckeln brachten. Einmal sammelten wir gemeinschaftlich Geld für ein Abschiedsgeschenk für eine Kollegin, die in Rente ging. Sie hatte viel für das Unternehmen getan und stand der Geschäftsleitung von Beginn an zur Seite. Alle beteiligten sich daran – nur Rolf nicht. „Wozu? Die geht doch sowieso!“, war sein Kommentar. Häufiger erlebte ich, wie er Kellner oder Verkäufer wegen kleiner Fehler oder Unsicherheiten fürchterlich zur Schnecke machte. Zu guter Letzt litt ich auch zu Hause immer mehr unter seiner Kälte. Es machte ihm Spaß, sich über mich zu erheben. Wenn ich ihm widersprach, würgte er das Gespräch häufig mit den Worten „Darüber diskutiere ich mit dir nicht!“ ab. Sprach ich über das Unternehmen, sagte er: „Claudia, davon verstehst du nichts.“

Das Fass zum Überlaufen brachte ein Hinweis von Berit. „Es tut mir Leid, dir das sagen zu müssen“, gestand sie mir, „aber dein Mann betrügt dich. Ich habe ihn mit Irene vom Marketing erwischt. Er hat sie geküsst.“ Rolf stritt alles ab. „Sei doch nicht so naiv“, sagte er, „glaub doch nicht alles, was man dir erzählt!“ Fast hätte er mich überzeugt – bis ich all meinen Mut zusammennahm und Irene in der Mittagspause zur Rede stellte. Sie gab unter Tränen zu, dass sie seit Monaten ein Verhältnis mit meinem Mann hatte.

Dass Berit mir während der Scheidung zur Seite stand, half mir sehr. Und ich hatte Glück: Schon kurze Zeit später wechselte Rolf zur Konkurrenz. Ich wollte diesen Mann nie wieder sehen. „Das wirst du noch bitter bereuen“, schrie er, als ich ihn verließ. Falsch! Keine Sekunde lang habe ich das bereut.

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