Bin ich sexsüchtig?

Was das für Betroffene bedeutet

Wer darüber nachdenkt, ob er sexsüchtig sei, dürfte bereits unter einem enormen Druck stehen. Süchte im Allgemeinen sind schon schwierig genug. Keiner redet gern darüber, spielsüchtig, alkoholabhängig oder an einer Essstörung erkrankt zu sein. Eine solche Sucht macht sich unangenehm im Leben breit. Sie führt zu zahlreichen Folgeerscheinungen und Problemen. Und ein Problem mit dem sexuellen Verhalten zu haben, ist zusätzlich mit Scham besetzt. 

Außerdem stellt sich die Frage, wohin damit. Wer ist zuständig? Wen kann man um Rat fragen? Das ist gar nicht so einfach, zumal die sexuelle Sucht noch nicht einmal offiziell anerkannt ist. Aber jede Sucht folgt bestimmten Kriterien und hat auf eine ähnliche Weise Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen. 

Wenn man auch die sexuelle Sucht nach diesen Kriterien bestimmt, kommen sieben Punkte zusammen. Wer meint, in sexueller Hinsicht in irgendeiner Form unter einem Zwang zu leiden, sollte überlegen, ob und was davon auf ihn zutrifft. Da man nach amerikanischen Studien davon ausgeht, dass ungefähr 80% der Betroffenen Männer sind, werde ich hier vorwiegend Männer ansprechen und deshalb der Einfachheit halber die männliche Form verwenden. 

1. Kontrollverlust: 

  • Sie haben sich nach dem letzten Mal wirklich fest vorgenommen, es nicht wieder zu machen. Kein Porno, keine sexuellen Abenteuer, kein Online-Chat. 
  • Und es hat nicht geklappt. Wieder einmal. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen werden Sie rückfällig. Sie können einfach nicht widerstehen. 
  • Und zu allem Überfluss können Sie den Orgasmus noch nicht einmal genießen. 

Denn gleichzeitig mit dem Höhepunkt kommen die überwältigenden Schuldgefühle. Schuldgefühle, weil Sie es wieder nicht geschafft haben. Mit Genießen wird das also nichts.

2. Craving: 

Mit diesem Begriff wird das übermächtige und sich oft langsam aufbauende Verlangen Suchtkranker nach der Droge beschrieben. In diesem Fall sind Pornos, pornografische Fotografien, Sex-Hotlines oder auch persönliche sexuelle Kontakte die jeweiligen Drogen. 

  • Nach dem letzten Mal baut sich dieses Verlangen langsam bei Ihnen auf. 
  • Zuerst ist es noch ganz einfach, dem zu widerstehen. 
  • Aber mit der Zeit wird der Druck immer größer. 
  • So lange, bis Sie an nichts anderes mehr denken können, als daran, Ihrem Verlangen endlich nachzugeben. 

Und obwohl Sie sich dann vermutlich in einem Zustand höchster Erregung befinden, können Sie das Gefühl nicht wirklich genießen. Und zwar deshalb, weil Sie sich ja fest vorgenommen hatten, es nicht wieder zu tun.

3. Hoher zeitlicher Aufwand: 

Wie bei allen Süchten beschäftigen Sie sich intensiv mit Ihrer ganz persönlichen Droge. 

  • Oft sitzen Sie stundenlang vor dem Rechner, zögern den Orgasmus so lange wie möglich hinaus. Diese Zeit fehlt Ihnen natürlich im Alltag. 
  • Vielleicht haben Sie noch eine Beziehung, vielleicht haben sich Ihre sozialen Kontakte aber auch schon stark reduziert. Sie haben eben keine Zeit mehr für Ihre Familien oder um mit Freunden auszugehen. 
  • Auch beruflich sieht es schlecht aus. Ihnen fehlen die Zeit und vor allem auch die Motivation, sich in den Job zu hängen. Mal ganz abgesehen von denen, die sogar während der Arbeitszeit auf Pornoseiten herumsurfen. 

4. Entzug: 

Bei substanzgebundenen Süchten wie der Alkohol- oder Medikamentensucht setzen körperliche und psychische Entzugserscheinungen ein, sobald die Droge nicht mehr zugeführt wird. Ob es bei Verhaltenssüchten wie der sexuellen Sucht ebenso dazu kommt, ist umstritten. Aber es kann gut sein, dass Sie eine innere Unruhe verspüren, reizbar sind oder sich nicht konzentrieren können, sobald Sie versuchen, Ihrer Sucht nicht mehr nachzugeben.

5. Toleranzentwicklung: 

Auch das kennen wir von substanzgebundenen Drogen. Der Körper verlangt nach immer mehr in immer kürzeren Zeitabständen. Und so verhält es sich oft auch bei der sexuellen Sucht. 

  • Sie sind immer auf der Suche nach neuen Filmen, Bildern, Kontakten. Bei Pornos kann es sein, dass Sie immer extremere Filme brauchen, um sich zu befriedigen. 
  • Das kann sogar so weit gehen, dass Sie sogar in illegalen Bereichen landen.

6. Vernachlässigung wichtiger Lebensbereiche: 

Dies hat etwas damit zu tun, dass Sie so viel Zeit mit Ihrer Sucht verbringen. Alles, was Sie sonst in Ihrer Freizeit genossen haben - Familie, Freunde, Hobbys, Sport, Kino, ehrenamtliche Tätigkeiten – fällt weg. Aber selbst, wenn Sie sich nicht gerade tatsächlich mit Sex beschäftigen, sind Sie doch gedanklich abwesend. Und wer möchte sich schon mit einem Freund unterhalten, der die ganze Zeit nur unkonzentriert zuhört? Noch ein Grund mehr, warum soziale Kontakte oft abbrechen.

7. Negative Konsequenzen: 

Hier gibt es jede Menge Möglichkeiten:

  • Stellen Sie sich vor, Sie werden erwischt, wie Sie am Arbeitsplatz Pornos gucken. Sie können Ihren Job verlieren! Sie haben gar keinen mehr? Dann fällt es Ihnen vermutlich schwer, sich auf Arbeitssuche zu begeben. 
  • Und gerade auch der Frust über Absagen kann dazu führen, dass Ihr Konsum steigt. 
  • Oder Sie fangen sich eine sexuell übertragbare Infektion (STI) ein, weil Sie nicht auf Safer Sex geachtet haben. 
  • Zuhause versuchen Sie vermutlich, Ihr Geheimnis zu verbergen. Vielleicht denkt Ihre Partnerin, Sie hätten eine Affäre. Findet sie heraus, dass Sie täglich auf Pornoseiten unterwegs sind oder draußen anonymen Sex haben, zerbricht nicht selten eine Beziehung daran. 
  • Bei der sexuellen Sucht dreht es sich nur um Ihre Bedürfnisse. Vielleicht sehen Sie nur noch Filme mit einer bestimmten sexuellen Ausrichtung. 
  • Wie erleben Sie dann den partnerschaftlichen Sex? Haben Sie überhaupt noch Lust? 
  • Haben Sie Erektionsstörungen? 
  • Kommen Sie zu schnell oder gar nicht? 

Sexsucht ist kein Vergnügen sondern eine Qual

Von außen betrachtet könnte man meinen, eine sexuelle Sucht sei doch wunderbar. Immer wieder Sex, viele Orgasmen. Großartig. Was kann daran schon so schlimm sein? Wenn wir uns jedoch einmal ansehen, unter welchem Leidensdruck die Betroffenen stehen, sieht die Sache schon ganz anders aus. So ist das eben bei Süchten: Getrieben von dem Verlangen nach Erfüllung stellen die Betroffenen dann fest, dass das große erwartete Gefühl nur von sehr kurzer Dauer ist. Schuld und Scham überwiegen. Sie isolieren sich immer mehr und verlieren den Kontakt zur Außenwelt. Um sich von einer sexuellen Sucht zu befreien, benötigen die meisten professionelle Hilfe. Wenn Sie sich in den sieben Punkten wiedergefunden haben und an der Situation wirklich etwas ändern wollen, sollten Sie einen Therapeuten oder eine Therapeutin aufsuchen. Viele machen so lange weiter, bis der Leidensdruck nicht mehr auszuhalten ist. Aber so weit müssen Sie es nicht kommen lassen. Holen Sie sich Hilfe!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Datum: 15.07.2020
 

Themen
Sex