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Können Männer auch ohne Orgasmus guten Sex haben?

Sexualpädagogin Anja Drews räumt mit dem Vorurteil auf

„Was ist das schon denn wieder für eine Frage?“ Genau das dürfte sich jetzt der eine oder die andere bei dieser Überschrift denken? Sex ohne Orgasmus kann doch gar nicht gut sein. Da fehlt doch der krönende und erlösende Abschluss! Der Orgasmus gehört schließlich zum Sex wie der Wal ins Wasser. Deshalb glauben auch viele, dass Sex nur gut sein kann, wenn er mit einem Orgasmus beendet wird. Unsere Expertin räumt mit dem Vorurteil auf.

Der Weg dorthin ist zuweilen sehr steinig. Das wissen alle diejenigen, die mit dem Orgasmus so ihre Schwierigkeiten haben. Zu früh, zu spät, nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Egal, Hauptsache, sie kommen am Ende. Und wenn das noch so schweißtreibend war. Anderseits kann man einen Orgasmus ja auch fast ganz ohne Sex haben. Ein Gedanke, eine Erektion, ein Handgriff und schon ooooooh aaaaah! Dafür braucht ein Mann niemanden außer sich selbst. 

Ist das dann überhaupt noch Sex? Oder vielmehr eine sehr effektive Methode, um Druck abzubauen? Und ist die Formel Sex = Orgasmus nicht vielleicht ein wenig zu eng gesteckt? Was entgeht Männern, wenn sie vor allem ein Ziel vor Augen haben und den Weg dorthin möglichst kurz halten wollen? Und was könnte passieren, wenn sie das Ziel nicht erreichen? 

Fummeln, reinstecken, kommen, einschlafen

Woher kommt diese weit verbreitete Fixierung auf den Orgasmus? Wer sagt denn eigentlich, dass er der krönende Abschluss sein MUSS? Klar könnten wir das evolutionär erklären. Die männliche Ejakulation hat immerhin das Ziel, ein Ei zu befruchten und damit den Fortbestand der Art zu sichern. Aber wenn das der einzige Grund wäre, hätten wir vermutlich nur sehr selten Sex. Und schon gar nicht würde er uns so viel Spaß machen. 

William H. Masters und Virginia E. Johnson, die Pioniere der Sexualforschung, haben in den 1960ern den sexuellen Reaktionszyklus erforscht. Damals war das toll, denn man wusste so gut wie gar nichts darüber, was in unserem Körper beim Sex geschieht. Mit der Einteilung in die 

•    sich steigernde Erregungsphase, 
•    die lustvolle Plateauphase, 
•    den Spannung lösenden Orgasmus 
•    und die sich anschließende Rückbildungsphase 

haben sie unseren Sex aber auch ein ganzes Stück weit standardisiert. Denn in unseren Köpfen hat sich ein bestimmter Ablauf festgesetzt: Fummeln, reinstecken, kommen, einschlafen. Ich vereinfache der Anschaulichkeit halber ein wenig. 

Die Bilder in unserem Kopf schränken uns ein

Wer Masters und Johnson gar nicht kennt, weiß trotzdem ganz genau, wovon ich spreche. Denn auch in der Mainstreampornografie stoßen wir immer wieder auf genau diesen Ablauf. Stoßen, ja genau ;) Und damit auch wirklich jede und jeder sieht, dass die Sache jetzt endlich zum Abschluss kommt, ejakulieren Frauen wie Männer in fulminanten Ergüssen. Dieser Ablauf setzt aber ganz besonders Männer unter einem ziemlich hohen Leistungsdruck. Sie wollen/ müssen funktionieren und ihre Männlichkeit unter Beweis stellen. Sie kommen gar nicht erst auf die Idee, es könnte auch anders sein! Aber indem sie auf den Orgasmus als Höhepunkt des Liebesspiels fixiert sind, nehmen sie sich selber die Möglichkeit, sich auch anders lustvoll zu entdecken.

Lustvoll Mann sein

Na klar, ich bin eine Frau. Und klar, ich kann viel reden, wenn ich doch selber keinen Penis habe. Und ja, ich weiß tatsächlich nicht, wie das ist, wenn das Sperma darauf drängt, herausgeschossen zu werden, wenn die Kugel sozusagen schon im Lauf sitzt. Aber ich weiß auch, wie es ist, wenn ein Mann sich Zeit nimmt und aus dem mehr oder weniger kurzen Weg eine lange Berg- und Talreise macht. Und das ist wunderbar. Wobei es gar nicht immer nur um den Sex mit einer Partnerin oder einem Partner geht. Auch mit sich allein können Männer noch so viel mehr empfinden. Wer mir nicht glaubt, dem möchte ich ein Buch nahelegen: Lustvoll Mann sein von Saleem Matthias Riek und Rainer Salm. 

Die beiden Autoren haben 15 Männer zu ihrer Sexualität befragt. Herausgekommen ist eine Sammlung von Interviews, in denen Männer davon sprechen, wie sie ihre Sexualität entdeckt haben. Sie erzählen von 

•    Berührungen im Herzen, 
•    vom sich Öffnen, 
•    vom Aufblühen, 
•    von Ekstase, 
•    vom Energiefluss, 
•    vom Reiz der Verzögerung,
•    von der Autoerotik, 
•    vom Lustzentrum Prostata 
•    und von den vielen Facetten sexuellen Reichtums. 

Einen Mann möchte ich insbesondere zitieren: „Ich kann wunderbaren, erfüllenden Sex haben, ohne zu kommen. Ohne Orgasmus würde ich gar nicht mal sagen. Ich kann heute Frauen verstehen, die nicht genau wissen, ob sie einen Orgasmus hatten oder nicht. Es ist nicht wie schwanger oder wie nicht schwanger. Es gibt einen fließenden Übergang von einem hoch erregten Schweben in einen Orgasmus. (....) Wenn ich mich nach wenigen Minuten zum Abspritzen bringe, dann ist die Energie im Keller, aber wenn ich sie langsam aufbaue, sie bis in die Zehenspitzen fließen lasse, dann ist der Energieabfall kleiner. Wenn ich gar nicht komme, fühle ich mich oft für Stunden oder sogar tagelang so, als könnte ich Bäume ausreißen. Ich wundere mich, dass Leistungssportler da noch nicht drauf gekommen sind. Wenn ich Fußballprofi wäre, wüsste ich, wie ich mich ganz natürlich dopen könnte.“ 

Ich finde, das verdeutlicht sehr gut, welche Möglichkeiten sich jenseits des üblichen sexuellen Reaktionszyklus verbergen.

Nehmen Sie die sexuelle Energie auf

Frauen sagen sehr viel häufiger als Männer, dass der Sex auch ohne Höhepunkt schön sei. Klar, viele kommen dabei ja auch gar nicht. Aber sie haben trotzdem ganz Recht, denn Sex kann auch so tatsächlich sehr erfüllend und befriedigend sein. Aber nur dann, wenn wir nicht den Druck verspüren, kommen zu müssen, egal ob Mann oder Frau. Wenn wir selber entscheiden, diese Erfahrung zu machen und den Weg dabei viel genauer wahrnehmen. 

Denn Sex ist nicht nur pure Lust und Geilheit. Sex ist eine Form der Kommunikation. Und er ist Energie. Wir sind dem anderen ganz nah. Über die Berührungen teilen wir mit, was wir für den anderen oder die andere empfinden. Wir drücken Gefühle aus. Wenn ein Penis in eine Frau eindringt, dann ist das für diese Frau ein wunderschönes Gefühl. Und natürlich auch erregend. In diesem Moment passiert aber nicht nur etwas auf der körperlichen Ebene, sondern ganz viel in den Emotionen, das darüber hinausgeht. Die Lust kann sich im ganzen Körper ausbreiten. Sie sind zusammen, ineinander, sich ganz nah. Sie bekommen etwas zurück. Auch für viele Männer macht genau diese emotionale Intensität richtig guten Sex aus. Und das geht auch bei Ihnen ohne Orgasmus. 

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION
 

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