Macht einmal Sex in der Woche tatsächlich glücklich?

Sex-Pertin Anja Drews hat Antworten

So, nun wissen wir es ganz genau: Einmal Sex in der Woche macht glücklich. Zumindest scheint das eine Ende 2015 veröffentlichte Studie so festgestellt zu haben. In Kanada haben Psychologen rund 30.000 Menschen befragt, um herauszufinden, inwieweit Zufriedenheit in der Beziehung und im Leben im Allgemeinen mit der sexuellen Aktivität zusammenhängen. Und siehe da, die glücklichsten Paare haben tatsächlich einmal in der Woche Sex. Wer weniger Sex hat, ist unzufriedener, mehr Sex macht aber nicht glücklicher. Das ist doch toll. Kein Gequengel mehr, wenn sie oder er mehr möchte. „Liebling, wir haben doch schon diese Woche. Das reicht. Sei glücklich“. Aber ist das wirklich so einfach? 

Liegen wir im Durchschnitt, sind wir zufrieden

Die Psychologen haben einen einfachen Erklärungsansatz für den Zusammenhang zwischen wöchentlichem Sex und Zufriedenheit mitgeliefert: "Vielleicht fühlen sich Paare zufrieden, solange sie meinen, dass sie so oft Sex haben, wie der Durchschnitt der Paare in ihrem Alter." 

Ha! Da haben wir es. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, sich mit anderen zu vergleichen. Nicht umsonst gibt es eine unendliche Anzahl an sportlichen Wettkämpfen und Gehaltsvergleichsportalen und nicht umsonst brauchen wir in den Schulen Noten. Wir leben in einer wettbewerbsorientierten Welt und schauen immer nach den anderen. Für unser inneres Koordinatensystem wollen wir damit unseren gesellschaftlichen und persönlichen Wert bestimmen. Sind wir besser, schlechter, können wir mehr als die anderen oder weniger? 

So ist es auch und gerade in der Sexualität:

  • Was machen die anderen? Was ist normal? Sind wir normal? Als Einzelne und auch als Paar.
  • Vor allem treibt uns die Frage um, wie viel Sex normal ist. Einmal? Zweimal? Fünfmal? In der Woche? Im Monat? Im Jahr? 

Denn wenn wir das Gefühl haben, alle anderen haben mehr oder weniger, scheint bei uns etwas nicht zu stimmen. Und das macht uns unglücklich. Also messen wir uns auch hier ständig mit anderen, um auf diese Weise herauszufinden, ob mit uns alles paletti ist. Sonst müssten wir ja nicht andauernd Penislängen, Koitusfrequenzen oder intravaginale Ejakulationszeiten (IELT) messen. So wird die Zeit genannt, die ein Penis in der Vagina bis zur Ejakulation verbringt. Zwei Minuten, zehn, dreißig? Liegen wir drunter oder drüber, haben wir gleich ein sexuelles Problem, denn alle anderen können ja schließlich auch länger oder kommen früher.

Wir sollten viel mehr auf uns selber achten

Woher wollen wir denn wissen, was wirklich der Durchschnitt ist? Und mit wem wollen wir uns vergleichen? Mit frisch Verliebten? Mit anderen Eltern, die scheinbar glücklich sind? Dazu müssten wir doch erst einmal hinter die Fassade schauen. Denn wenn es um unser Liebesleben geht, sind wir anderen und sogar uns selbst gegenüber oft nicht ehrlich. Wer gibt schon gerne zu, dass es gerade nicht so gut läuft? 

Wir richten uns viel zu sehr nach anderen, anstatt uns auf uns und unsere eigenen Gefühle zu konzentrieren und darauf zu achten, was wir selber fühlen. Wenn es uns in der Beziehung gut geht, wir uns aufgehoben und wertgeschätzt fühlen, wenn wir zufrieden sind, dann ist es doch egal, ob wir einmal am Tag, in der Woche oder im Monat Sex haben. Dann sind wir zufrieden damit, dass wir uns lieben, wann und so oft wir es mögen.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION