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Vergeben, Single? Mingle! Was hinter dem neuen Beziehungstrend steckt

Mingle, Single, Paar? Ein fließender Übergang

Laut einer Umfrage möchte jeder dritte Deutsche gerne Mingle sein. Noch nie davon gehört? Sexual-Pädagogin Anja Drews klärt auf über den Trend zur neuen Beziehungsform, die eigentlich keine ist. 

Sie sehen aus wie ein Paar und verhalten sich auch so. Sie essen im gemeinsamen Lieblingsrestaurant, gehen anschließend ins Theater, halten Händchen auf dem Nachhauseweg und lieben sich leidenschaftlich in der Nacht. Am nächsten Morgen gehen sie wieder auseinander. Als Singles mit einem eigenen Leben. Keine Verpflichtungen, keine Zukunftspläne, kein Beziehungsstress. Sie bleiben Single, bis sie sich wiedersehen und den Tag, den Abend oder das Wochenende als Paar verbringen. Kein Beziehungsstress? Wirklich? Ist das Leben als Mingle tatsächlich so frei von Komplikationen? 

Und schon wieder eine neue Schublade

Irgendwann geisterte plötzlich diese neue Wortschöpfung durch die Medien. Mingle. Was das sei, wurde ich gefragt. Wie das manchmal eben so ist, verpasse auch ich manchmal die neuesten Trends in Sachen Liebe und Sexualität. Ich kenne auch nicht die lateinischen Namen sämtlicher sexueller Praktiken und Vorlieben. Abattage, Salirophilie, Pictophilie? Wer kann sich die schon alle merken? Vielleicht jemand mit einem Namensfetisch. Ein Namenophilist. Es kommt ja auch ständig etwas Neues hinzu, erfinderisch, wie wir Menschen sind, wenn es um unsere Lust geht. 

Und was ist nun mit dem Mingle? Tatsächlich eine neue Beziehungsform, die ich noch nicht kannte? Dem Mingle schien durch die plötzliche mediale Präsenz ja tatsächlich etwas Revolutionäres anzuhaften. Aber ganz so war es dann doch nicht. Die Beziehungsform, die dahinter steht, war mir durchaus bekannt. Nur der Name nicht:

  • Das Wort Mingle setzt sich zusammen aus mixed und Single. Zusammen zu sein und Sex zu haben, ohne tatsächlich zusammen zu sein. Also ein prima Arrangement für alle, die gern die Freuden des Lebens genießen, ohne sich zu binden zu müssen. 

Mingles gab es schon in meiner Jugend. Auch damals stand am Anfang oft die unaussprechlich wirkende Frage „Sind wir nun zusammen oder nicht?“ im Raum. Ein paar Tage eierten wir damit herum, bis der eine oder die andere die Sache dann doch klärte. Nur wenige verharrten dauerhaft in diesem Beziehungsstatus. Und für den reinen Spaß gab es ja auch damals schon die Friends with benefits, die reinen Bettgeschichten.

Jeder dritte Deutsche wünscht sich, ein Mingle zu sein?

Der Unterschied von damals zu heute besteht in der Dauer und der Häufigkeit. Damals war das Mingle-Dasein nur ein Übergang vom Single zum Paar. Heute jedoch scheint der Mingle ein Dauerzustand zu sein, der sich über Jahre hinweg ziehen kann. 

  • Laut einer Umfrage des Dating Portals Secret können sich 29 Prozent der Deutschen vorstellen, so zu leben. 

Jeder Dritte? Ich will gar nicht abstreiten, dass es Menschen gibt, die eine solche zwanglose Beziehung vorziehen. Aber ich sehe aus meiner Erfahrung heraus nicht, dass es so viele sind. Die Jugend kommt heute mit einem sehr romantischen Bild von Liebe daher. Da ist kein Platz für Liebe ohne den schützenden Rahmen einer festen Beziehung. Zudem nimmt die Zahl der Eheschließungen gerade wieder zu. Da stellt sich mir dann doch die Frage, wer da genau befragt wurde. 

Männer ja, Frauen nein

Laut dieser Umfrage gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Während sich zwei von drei Männern für eine unkomplizierte Beziehung erwärmen könnten, kann dies bei den Frauen nur jede Dritte. Warum weniger Frauen? Vielleicht steckt die biologische Uhr dahinter. Wer Kinder haben möchte, kann dieses Ticken irgendwann nicht mehr ignorieren. Spätestens für ein Kind wünschen sich die meisten Frauen dann doch eine feste Beziehung. Zumal es ledige Mütter in unserer Gesellschaft auch sehr schwer haben. Aber ganz ehrlich, auch Männer haben einen Kinderwunsch und auch Männer möchten sich in einer festen Beziehung aufgehoben fühlen. 

Je einfacher, desto besser

Vielleicht ist das auch nur die Wunschvorstellung einer Beziehung, die eben nicht dazu zwingt, sich mit sich selbst oder dem/der anderen auseinanderzusetzen. Je einfacher, desto besser. Je jünger, desto eher besteht allerdings die Bereitschaft zum Mingel, so die Umfrage. Je älter, desto weniger. Aber schließlich hätten es sich die Älteren auch nicht vorstellen könne, jahrelang unbezahlt in Praktika zu arbeiten oder in launenhaften Zeitverträgen zu stecken. Das prägt den Blick auf die Welt schon sehr.

Und da kommen wir auch schon zum Knackpunkt. Natürlich möchten auch wir nicht unbezahlt arbeiten oder dauernd um unseren Arbeitsplatz bangen. Aber lieber über ein unbezahltes Praktikum einen Einstieg in den Traumberuf als gar keinen Einstieg, besser irgendeine Art von Job als gar keinen Job. Besser mit dem Menschen, den man liebt, irgendwie zusammen sein als gar nicht. Und wenn der oder die andere sich nicht festlegen will, sagen wir allzu schnell „Ok, dann ebenso.“ Das wird schon gehen. Ja, wird es auch. Zumindest solange der oder die andere nicht doch ein Auge auf einen anderen Menschen wirft. 

Bloß nichts verpassen

Denn so ist unsere Zeit nun einmal. Bloß nicht festlegen, es könnte ja noch etwas Besseres kommen. Ich kenne Menschen, die die Preise verschiedener Produkte so lange vergleichen, dass der Zeitaufwand, den sie dafür aufbringen, den gesparten Betrag längst überholt hat. Und solange wir uns nicht für ein bestimmtes Produkt endgültig entschieden haben, bleiben alle anderen weiterhin in unserem Aufmerksamkeitsradius. 

So ist das auch mit potentiellen Beziehungen. Solange wir nicht eine endgültige Wahl getroffen habe, gucken wir links und rechts und halten Ausschau nach etwas noch Besserem. Mag sein, dass wir am Wegesrand auch tatsächlich noch jemand anderen finden. Aber woher wissen wir denn, ob der oder die wirklich besser ist? Damit nehmen wir uns die Möglichkeit, von dem, was wir haben, wirklich überzeugt zu sein. Wir lassen uns gar nicht wirklich auf den Menschen ein. 

Nur wenn WIRKLICH beide überzeugte Mingles sind, passt alles bestens. Wenn nicht, verletzen wir mit unserem Egoismus denjenigen, der eigentlich kein Mingle sein möchte. Denjenigen, der viel lieber Teil einer richtigen Beziehung wäre. Der oder die davon träumt, den Eltern vorgestellt zu werden und gemeinsame Pläne zu schmieden. Der uns richtig liebt und an dem dieser Zustand nagt. Aber dazu gehören immer zwei: Einer, der macht und einer, der mitmacht. 

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Quelle: https://www.welt.de/vermischtes/article140661214/Knapp-jeder-Dritte-will...

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