Warum fühlen sich Berührungen oft so unterschiedlich an?

Anderer Partner, anderes Gefühl...

„Wenn mein Ex-Mann, der die große Liebe meines Lebens war, meine Brustwarzen berührte, bin ich regelrecht ausgeflippt. Es war so ein intensives Gefühl, dass ich fast wahnsinnig wurde. Wenn mein heutiger Partner meine Brustwarzen berührt, passiert hingegen – nichts. Ich fühle nichts, nicht einmal das leiseste Kribbeln.“ Kennen Sie das auch, dass sich Berührungen so unterschiedlich anfühlen?

Das hängt auch gar nicht nur von einem bestimmten Partner ab. Auch in verschiedenen Situationen reagieren wir beim selben Partner immer wieder anders. Obwohl die Art der Berührung oder Stimulation dieselbe bleibt. Was steckt dahinter?

Das Gehirn ist die größte erogene Zone

Die Lösung finden wir schon im Hinweis auf die große Liebe. Es ist das Gehirn, das unsere erogenen Zonen aktiviert und uns die intensiven Gefühle schenkt oder verwehrt. Die erogenen Zonen sind über den ganzen Körper verteilt. Sie verstecken sich allerdings etwas und wagen sich erst ans Tages- bzw. Nachtlicht, wenn wir erregt sind. Bis dahin fristen sie sozusagen ein Schattendasein. Berührungen werden in dieser Zeit nicht nur nicht als erregend wahrgenommen, sie können sogar unangenehm sein. Ein gutes Beispiel dafür sind unsere Brustwarzen. Wenn wir in Stimmung sind, egal ob Frau oder Mann, kann uns ein leichtes Streicheln, ja nur die klitzekleinste Berührung in Aufruhr versetzen. Sind wir hingegen gedanklich gerade mit etwas völlig anderem beschäftigt, fühlt sich das gleich ganz anders an. Dann kann ein direkter Griff an die Brust sogar als übergriffig empfunden werden. Auch der G-Punkt ist so ein besonderes Mysterium. Ohne Erregung fühlt sich die Stimulation nicht besonders aufregend an. Sie wird dann häufig mit dem Gefühl des Harndrangs verglichen. Sind wir aber in Stimmung und füllen sich die Drüsen mit Flüssigkeit, dann oooooh! Gleiches gilt für die Prostata.

Aber wie kommen wir nun in diese besondere Stimmung? Erregung wird durch einen Erregungsreiz ausgelöst. Und der ist bei uns Menschen höchst unterschiedlich und kann auch immer wieder variieren. Bei der Frau in unserem Beispiel war es der Liebste selber. Schon der Gedanke an ihn, sein Geruch, seine körperliche Anwesenheit, ein bestimmter Blick hat diese Frau entflammt. Für andere sind es vielleicht Bilder, eine heiße SMS, bestimmte Musik, ein Traum, Liebesschwüre oder ins Ohr gehauchte schmutzige Wörter, die einen Wirbelsturm der Lust auslösen. Auch das Verlangen des anderen, das mir zeigt, wie sehr ich begehrt werde, kann ein intensives Gefühl auslösen. Die Erregung entsteht also zuerst im Kopf und schießt erst dann in den Körper. Es hängt immer davon ab, welche Bedeutung wir diesem Reiz zuschreiben. Deshalb können sich diese Reize auch verändern. Während uns bei dem einen Partner schon der Gedanke an die letzte Nacht erregt, ist es bei einem anderen vielleicht die Art, wie er unseren Kopf beim Küssen mit beiden Händen festhält.

Körper und Geist sind untrennbar miteinander verbunden

Der beste Reiz kann aber auch im Nichts verlaufen, wenn uns negative Gedanken quälen, wir beruflichen oder privaten Stress oder auch Ärger haben. Depressionen sind ein weiteres großes Hemmnis. Wenn uns die Lust am Leben fehlt, leidet darunter auch die sexuelle Energie. Das alles kann dazu führen, dass wir erregende Gedanken und Gefühle gar nicht erst zulassen können. Und da ist es dann auch egal, wer uns wie berührt oder was wir uns denken oder anschauen. Körper und Geist sind eben eng miteinander verknüpft.

Anja Drews – Sexualwissenschaftlerin für ORION