Plötzliche Berufsunfähigkeit: Psychische Leiden auf dem Vormarsch

„Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr“

Immer mehr Menschen geraten wegen einer psychischen Erkrankung in die Berufsunfähigkeit. Junge Frauen sind davon besonders betroffen. So ging es auch Antje (35), bei der es bis zum Burnout kommen musste. Wir erklären, wie Sie rechtzeitig vorsorgen und was im Fall der Fälle zu tun ist.

„Eines Tages, an einem ganz normalen Morgen, war die Stimme in meinem Kopf nicht mehr zu überhören. Ich blieb im Bett. Nur noch eine leere Hülle. Ich hörte meine Tochter Franzi in der Küche lärmen. Aber ich rührte mich nicht. Ich konnte einfach nicht. Der Gedanke, noch einen Tag so weiter zu machen, lähmte mich. Ich wollte nur noch heulen. Und tief drinnen eigentlich – verschwinden.

Woche für Woche wurde ich kraftloser und war nur noch gereizt

Dabei hatte ich mich so gefreut, wieder mehr Verantwortung im Job zu übernehmen. Ich arbeitete in einer Agentur mit vielen bedeutenden Kunden. Endlich war Franziska groß genug, um auch mal ein paar Stunden alleine zu Hause zu bleiben, und ich konnte meine Arbeitszeit auf 35 Stunden erhöhen. Ich war voller Tatendrang und bekam die Leitung für viele tolle Projekte. Dass ich bald keine Mittagspause mehr machte, immer die Erste im Büro war und am Ende des Tages die Tür abschloss, nahm ich gar nicht wahr. Zu Hause warteten dann eine 12-jährige Tochter und mein Mann Ralph auf Gespräche und ein Abendessen. Ach, und natürlich wollte auch das Geschirr gespült und der Teppich gesaugt werden. Irgendwie packte ich das alles eine Zeit lang. Und war verdammt stolz auf mich. Aber nach etwa einem Jahr begann schleichend die Abwärtsfahrt. 

Mein Hochgefühl wich nach und nach Unkonzentriertheit. Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Angst-Attacken kamen dazu. Immer öfter fühlte ich mich müde und ausgelaugt, kämpfte morgens mit dem Wunsch, einfach im Bett zu bleiben. Die lustige und lockere Frau, die ich einmal war, hatte sich in ein Nervenbündel verwandelt, das allem und jedem gegenüber negativ eingestellt war. Alles war mir zu viel. 

Ob ich in Zukunft wieder arbeiten kann? Das weiß ich nicht

Nachdem ich an besagtem Morgen und auch den Tagen danach nicht zur Arbeit gegangen war, wurde auch mir klar, dass ich Hilfe brauchte, und ich ging zu einer Ärztin. Die Diagnose: Burnout. Ein harter Schlag! Sorgen machte mir aber nicht nur meine Gesundheit, sondern auch die Frage, wie es finanziell weitergehen würde. Zum Glück hatte ich auf Drängen meines Vaters schon mit Jobeintritt eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Die Erwerbsminderungsrente hätte nicht ausgereicht. Ich wurde für ein halbes Jahr krankgeschrieben und bekam Medikamente. Nach langem Warten konnte ich später eine Therapie beginnen. Doch Besserung stellte sich auch nach einem halben Jahr nicht ein. Erst jetzt, ein weiteres Jahr später und nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in einer Klinik, sehe ich allmählich Land. Ob ich je wieder richtig arbeiten gehen kann? Das weiß ich ehrlich gesagt nicht.“

Tipps und Infos zum Thema

Burnout, Depression, Angst – Psychische Leiden sind weiter auf dem Vormarsch. Dr. Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen, beantwortet hier die wichtigsten Fragen zum Thema. 

Woher kommt es, dass psychische Erkrankungen so häufig auftreten?

Zunehmender Stress, Leistungsdruck und wachsende Beschleunigung des Lebens sowie eine zunehmende Entgrenzung zwischen Arbeits- und Privatleben könnten hier eine Rolle spielen. Hinzu kommt, dass Depressionen, Burnout und Angststörungen inzwischen besser erkannt und daher häufiger diagnostiziert werden als früher.

Was ist Berufsunfähigkeit (BU)?

Meistens liegt sie vor, wenn der Job aufgrund von Krankheit, Körperverletzung oder Kräfteverfalls für voraussichtlich mindestens sechs Monate zu weniger als 50 Prozent ausgeübt werden kann.

Wie wichtig ist eine Versicherung?

Sie ist neben der Haftpflicht die wichtigste Versicherung. Wer seine Fähigkeit, Einkommen zu verdienen, verliert, ist schnell finanziell am Ende. Ob Versicherte eine gesetzliche Erwerbsminderungsrente bekommen, hängt davon ab, ob Arbeitsfähigkeit von unter drei Stunden am Tag in irgendeiner Tätigkeit vorliegt. Die halbe Erwerbsminderungsrente bekommt, wer Arbeitsfähigkeit von mehr als drei Stunden, aber weniger als sechs Stunden am Tag hat. Aber selbst wenn eine gesetzliche Erwerbsminderungsrente gezahlt wird, reicht die meist nicht aus.

Ich bin schon krank. Kann ich mich nachträglich versichern lassen?

Je früher eine BU-Versicherung abgeschlossen wird, desto besser und günstiger ist der Vertrag. Wer bereits vorerkrankt ist, muss das bei Vertragsschluss angeben. Der Versicherer kann dann den Antrag ablehnen, bestimmte Erkrankungen ausschließen oder Risikozuschläge verlangen. Bei psychischen Vorerkrankungen ist häufig kein akzeptabler Vertrag mehr zu bekommen.

Wie lange dauert es, bis ich die finanzielle Unterstützung kriege?

Das ist sehr unterschiedlich. So kann es auch viele Monate dauern, bis die Rente letztlich gezahlt wird. Nur in seltenen Fällen ist schnell klar, dass der Beruf dauerhaft nicht mehr ausgeübt werden kann.

Muss ich damit rechnen, dass sich die BU-Versicherung querstellt?

Gerade bei psychischen Erkrankungen kommen Gutachter häufiger zu dem Ergebnis, dass keine BU vorliegt. Wer sich schon bei Antragstellung beraten lässt, erhöht sei- ne Chancen, die Rente zu bekommen.

Wer hilft bei der Antragstellung?

Zum Abschluss von Verträgen beraten die Verbraucherzentralen. Wenn es um die An- tragstellung der privaten BU-Rente geht, können diverse Fehler gemacht werden. Oft werden Unterlagen nachgefordert und Anträge abgelehnt. Spezialisierte Anwaltskanz- leien sind gegen Honorar dann behilflich.

Berufsunfähigkeit: Jeden Vierten trifft es

Viele Deutsche fürchten sich davor, ihren Job nicht mehr ausüben zu können. Laut einer aktuellen Studie ist mit 37 Prozent die größte Sorge, wie es dann finanziell weitergeht. Weitere Zahlen und Fakten: 

Wer ist betroffen? An Burnout, Depressionen oder Angststörungen erkranken mit 47 Prozent vor allem junge Frauen um die 30 – unabhängig von einer bestimmten Berufsgruppe. Bei jungen Männern sind dagegen Unfälle die Berufsunfähigkeits-Ursache Nummer eins.

Zurück in den Job Psychische Erkrankungen dauern oft lange, was die Rückkehr ins Berufsleben schwierig macht. Deshalb ist es wichtig, sich für den Fall der Fälle durch eine BU-Versicherung abzusichern. Dennoch verlässt sich gut jeder Fünfte nur auf die gesetzliche Absicherung. Ob die reicht, ist aber fraglich.

Nicht verwechseln Berufsunfähigkeit wird gerne mit Arbeitsunfähigkeit verwechselt. Der Unterschied: Berufsunfähig ist, wer dauerhaft nicht arbeiten kann. Die Arbeitsunfähigkeit ist nur kurzfristig und vorübergehend. In dem Fall muss der Arbeitgeber bis zu sechs Wochen lang den Lohn weiterzahlen. Im Anschluss gibt es für 78 Wochen Krankengeld bzw. Verletztengeld von der gesetzlichen Kranken-/Unfallversicherung.

Nützliche Links:
Informiert über mögliche Versicherungen, Tarife und worauf man achten sollte. www.berufsunfaehigkeitsversicherungen-heute.de
Mit vielen nützlichen Tipps und Infos zum Thema. www.berufsunfaehigkeit.com
Kompakt und unabhängig: Infos der Verbraucherzentrale. www.ratgeber-verbraucherzentrale.de

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