Von Minijob bis Teilzeit – wie wir heute arbeiten

6 Frauen erzählen ihre Geschichte

25. Januar 2018

In der Berufswelt hat sich in den letzten Jahren viel verändert – aber nicht verbessert. Ob befristeter Vertrag, Teilzeit mit Kind, Aushilfsjob oder Umschulung – 6 Frauen erzählen uns von ihrem Arbeitsalltag und wie sie über die Runden kommen.

Carola (31) aus Krefeld:
Gefangen in der Befristungsfalle

„Als ich mich nach dem Abi für mein Studium der Wirtschaftswissenschaften entschieden habe, dachte ich, dass ich damit immer einen sicheren Arbeitsplatz haben werde. Doch die Realitaät sieht leider anders aus: Ich habe zwar bisher immer einen Job gefunden, aber jeweils nur befristet auf ein oder zwei Jahre. Wie soll man da an Kinder denken, gar ein Haus kaufen oder sonst irgendetwas für die Zukunft planen? Außerdem will ich einfach mal irgendwo ankommen, nicht ständig die Neue sein – und wieder bei null anfangen, statt mal einen Karriereschritt zu machen. Was mich besonders wütend macht, ist, dass männliche Kollegen viel schneller einen unbefristeten Vertrag bekommen. Es ist einfach unfair, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt immer noch diskriminiert werden.“

WICHTIG ZU WISSEN:
Fast jeder zweite neue Arbeitnehmer hat 2016 nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten. Vor allem Jüngere sind davon betroffen. Wichtig zu wissen: Ein befristeter Arbeitsvertrag darf höchstens drei Mal verlängert werden, und die Gesamtdauer darf maximal zwei Jahre betragen. Anders ist es bei einer Befristung mit Sachgrund (z. B. für ein spezielles Projekt): Diese Verträge können immer wieder verlängert werden.

Sarah (37) aus Kassel, zwei Kinder:
Als Ungelernte gibt’s nur Aushilfs-Jobs

„Damals, vor 20 Jahren, als Tim und ich geheiratet haben, hätte ich nie gedacht, wie schnell sich alles ändern kann. Tim hatte eine gute Position im IT-Bereich in einer großen Firma, ich war Hausfrau. Sein Gehalt reichte, um unser Haus am Stadtrand zu finanzieren, wir fuhren zwei Mal im Jahr in den Urlaub, und auch als später die Kinder kamen, fehlte es uns an nichts. Doch dann ging es mit Tims Firma bergab – und er wurde entlassen. ,Ist doch kein Problem‘, sagte ich damals zu ihm. ,Dann suche ich mir jetzt einen Job, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus.‘ Doch das war leichter gesagt als getan: Egal, wo ich mich bewarb, wurde mir direkt klar gemacht: Ohne Ausbildung gibt’s keine Chance auf eine Festanstellung. Aber jetzt noch eine Lehre machen? Da hangele ich mich doch lieber von Aushilfsjob zu Aushilfsjob. Unser Haus mussten wir verkaufen und sind in eine kleinere Wohnung gezogen. Ich hoffe sehr darauf, dass Tim endlich wieder einen Job findet.“

WICHTIG ZU WISSEN:
Für Menschen ohne Ausbildung sind die Jobchancen in Deutschland wesentlich schlechter als in anderen Ländern der EU.

Mareike (35) aus Weimar, ein Kind:
Alleinerziehend mit Teilzeitvertrag

„Wochenendarbeit, Spät- und Nachtschichten – als Hotelfachfrau ist das völlig normal. Doch ich bin seit drei Jahren Mama – und seit sechs Monaten leider auch alleinerziehend. Seitdem arbeite ich auf Teilzeit 20 Stunden die Woche. Da meine Tochter in die Kita geht, wäre das auch alles kein Problem – doch habe ich nicht mit der Rücksichtslosigkeit meines Chefs gerechnet: Ich bekomme fast ausschließlich die Wochenend- und Abendschichten zugeteilt – an den Vormittagen in der Woche sitze ich oft zu Hause. Abends muss dann meine Mutter einspringen und auf meine Tochter aufpassen. Zu gern würde ich den Job wechseln – aber um eine Alleinerziehende mit einem Kleinkind reißt sich niemand.“

WICHTIG ZU WISSEN:
In Deutschland gehen viel weniger Mütter bezahlten Jobs nach als anderswo. 39 Prozent der Mütter hierzulande arbeiten in Teilzeit.

Margot (52) aus Soltau:
Mit einer Umschulung wieder in den Beruf

„Vor 30 Jahren habe ich meine Schneiderlehre abgeschlossen und seitdem gern in diesem Beruf gearbeitet. Doch im Lauf der Jahre wurden wir Schneiderinnen immer häufiger durch Maschinen ersetzt – vor fünf Jahren erhielt ich meine Kündigung. Vergeblich versuchte ich, eine neue Anstellung zu bekommen. Doch ich musste schweren Herzens einsehen, dass mein Job ausstirbt. Durch eine Berufsberatung kam ich auf die Idee, eine Umschulung zur Erzieherin zu machen. Viel Geld verdiene ich damit zwar nicht, aber ich habe sofort eine Stelle in einer Kita bei mir um die Ecke bekommen – und die Arbeit macht mir großen Spaß. Ich bin froh über meine Entscheidung – auch wenn es schwer war, mit fast 50 noch mal neu anzufangen.“

WICHTIG ZU WISSEN:
Damit das Jobcenter die Kosten einer Umschulung übernimmt, muss der Antragsteller plausibel begründen, warum er nicht mehr in seinem Beruf arbeiten kann. Außerdem muss ein anerkannter Ausbildungsberuf erlernt werden.

Bettina (42) aus Düsseldorf:
Ohne den Zweitjob reicht es nicht

„Friseurin war schon immer mein Traumjob gewesen, nie kam etwas anderes für mich infrage. Klar, die Bezahlung ist schlecht, aber damit bin ich in jungen Jahren eigentlich immer ganz gut klargekommen. Doch die steigenden Mieten machen es einem heute fast unmöglich, mit so wenig Geld über die Runden zu kommen. Seit zwei Jahren gehe ich daher jeden Montag, wenn der Salon geschlossen hat, in zwei Haushalten putzen. Natürlich hätte ich lieber auch mal einen Tag wirklich frei, um mich zu entspannen oder Dinge zu erledigen, aber ich sehe derzeit keine andere Möglichkeit, meine Wohnung halten zu können. Meine Hoffnung ist, dass auch Berufe wie meiner irgendwann fair vergütet werden.“

WICHTIG ZU WISSEN:
Die Zahl der Beschäftigten mit einem Nebenjob hat sich seit 2003 mehr als verdoppelt. Rund 3,2 Millionen Menschen verdienen sich mittlerweile noch etwas dazu.

Ursula (67) aus Marburg:
In Rente, aber mit 450-Euro-Job

„Mein Leben lang habe ich als Krankenschwester gearbeitet – lediglich mit Unterbrechungen zum Großziehen meiner drei Töchter. Als ich dann mit 65 Jahren in den Ruhestand ging, freute ich mich sehr auf meinen wohlverdienten Lebensabend. Ich dachte, dass ich mit der bescheidenen Rente schon irgendwie zurechtkommen würde. Ich war seit vielen Jahren geschieden und es daher gewohnt, mich allein durchzuschlagen. Doch ich hatte es total unterschätzt: Ich erhielt gerade mal 620 Euro Rente. Daher jobbe ich jetzt zwei Mal in der Woche in einem Supermarkt in der Nähe. Und das fällt mir wegen meiner starken Arthrose nicht gerade leicht. Aber das interessiert leider niemanden.“

WICHTIG ZU WISSEN:
Jede zehnte Frau in Deutschland lebt in Altersarmut. Etwa jede zweite Rentnerin muss mit weniger als 700 Euro im Monat auskommen