Geschichten aus dem Leben: Geschieden – und wo bleiben die Kinder?

Drei Mütter erzählen von Sorgerechtsstreit und anderen Problemen

Kirsten ist entsetzt, dass ihr Ex kaum noch Zeit für die gemeinsamen Söhne findet, seit er eine neue Freundin hat Führen oft ernste Gespräche: Franziska und Tochter Klara. Jan nimmt es mit den Sorgerechtsregeln nicht so ernst und spielt lieber Videospiele mit Sohn David.

Alle, die sich trennen, nehmen sich vor, dass sie das nicht auf dem Rücken der Kids austragen. Aber viel zu oft klappt es leider nicht. Wie sehr viele Scheidungskinder unter der Trennung ihrer Eltern zu leiden haben, erzählen diese drei Geschichten aus dem Leben. 

Von rund der Hälfte aller Scheidungen in Deutschland sind auch Kinder betroffen, allein im Jahr 2016 kamen 131.955 Minderjährige hinzu. Bei uns greift dann in 90 Prozent dieser Fälle das gemeinsame Sorgerecht. Trotzdem wohnen noch immer 91 Prozent der Kinder bei der Mutter. Das Wechselmodell (s. u.) kann sich nur sehr langsam durchsetzen, wohl auch weil das „Wohn-Splitting“ ein entspanntes Verhältnis der Geschiedenen voraussetzt. Das wäre grundsätzlich zu begrüßen, aber in der Praxis gibt es oft Streit, sehr häufig in Erziehungsfragen. Und mal wollen Väter mehr Kinderzeit oder haben im Gegenteil „was Besseres zu tun“, als die Kinder am Wochenende zu sehen. Die Leidtragenden sind die Kleinen. Drei Mütter erzählen ihre Geschichten aus dem Leben und schildern ihre Situation.

Kirsten (37) aus Leipzig: „Seit er eine Neue hat, lässt er die Kleinen im Stich“

„Dass Ronny sich irgendwann so mies verhält, hätte ich nicht gedacht. Als die Entscheidung gefallen war, dass wir uns trennen, lief erst mal alles fast reibungslos. Wir suchten uns jeder eine Wohnung, und anfangs klappte auch die Besuchsregelung perfekt: Die Jungs sahen ihren Vater an jedem zweiten Wochenende und an einem Nachmittag pro Woche. Doch plötzlich änderte sich alles. Gut eineinhalb Jahre nach der Scheidung sagte er sein Kinder-Wochenende ab. Er nuschelte irgendwas von beruflicher Weiterbildung in den Hörer. Na gut, dachte ich, dann ist es halt mal so. Dann sagte er auch das nächste ab. Und dann sofort wieder eines. Immer per SMS und danach war er nicht mehr erreichbar. 

Die Kleinen sind ja erst drei und sechs, fühlen sich verlassen und sind traurig. Ich tröste sie und sage, dass ihr Vater gerade viel arbeiten muss. Aber ich habe mittlerweile keine Lust mehr, ihn in Schutz zu nehmen. Schon gar nicht, seit ich den Grund für seine Absagen weiß: Er hat eine neue Freundin. Schön für ihn. Aber es haut mich echt um, dass er deshalb die Kinder im Stich lässt. Ich war jetzt beim Jugendamt. Der Brief der Mitarbeiterin ist unterwegs an ihn.“

Franziska (44) aus Berlin: „Meine Große weigert sich, ihren Vater zu besuchen“

„Vor gut einem halben Jahr, als Klara elf wurde, fing das Gemaule an. Sie wollte nicht mehr zu ihrem Vater. Auf keinen Fall. Einen Grund wollte sie mir nicht sagen. Erst habe ich es auf die beginnende Pubertät geschoben. Doch irgendwann habe ich herausgefunden, woran es wirklich liegt. Mein Ex hat seit Längerem eine neue Partnerin, und Klara mochte sie nie besonders. Die Neue hielt sich an den Papa-Wochenenden meistens fern, und alles war gut. Doch nun sind die beiden zusammengezogen. Da kann man natürlich nicht erwarten, dass sie regelmäßig ausweicht. Und Klara denkt: Jetzt ist sie nicht mehr die Prinzessin, die ihren Willen durchsetzt. Und sie hat ihren Papa nicht mehr für sich allein. Vermutlich benimmt er sich ihr gegenüber auch etwas anders, jetzt, wo seine Partnerin immer dabei ist.

Ich habe lange mit ihr gesprochen, erklärt, dass eben auch wir Erwachsenen ein Eigenleben haben. Und dass ihr Vater sie doch liebt und sie unbedingt sehen will. Aber Klara bockt und will partout nicht. Und jetzt mal im Ernst: Ich kann sie doch nicht gegen ihren Willen dorthin tragen. Und ich will auch nicht, dass mein Kind an den Wochenenden unglücklich ist. Also habe ich mit meinem Ex gesprochen – was wir sonst eigentlich so gut wie gar nicht tun. Und dann war ich wirklich platt: Er warf mir vor, dass ich Klara davon abhalte, ihn zu besuchen. Scheinbar käme ich nicht damit klar, dass er eine Neue hat und mit ihr glücklich ist. Ich sollte mal daran denken, dass ich die Pflicht hätte, den Kontakt zwischen Kind und Vater positiv zu unterstützen und ihn nicht zu torpedieren. Da blieb mir echt die Spucke weg. Klara und ich haben danach noch mehrere Gespräche geführt. Ich habe ihr jetzt zumindest abgerungen, dass sie den beiden eine Chance gibt. Aber ein gutes Gefühl habe ich nicht. Ich zwinge sie ja quasi dazu.“

Marie (45) aus Krefeld: „Erziehen im Wechsel? Bei uns Zoff pur!“

„Das Wechselmodell ist vielleicht für einige eine gute Sache – bei uns klappt es aber überhaupt nicht. Es fing damit an, dass Jan unbedingt dieses Modell wollte, als wir uns vor einem Jahr haben scheiden lassen. Ich war skeptisch. Beim Jugendamt bekamen wir von einer Mitarbeiterin viele gute Tipps für die Umsetzung. ,Das kriegen wir doch hin‘, meinte Jan damals total zuversichtlich. Das gab mir ein besseres Gefühl, und ich willigte ein – unserem zehnjährigen Sohn zu Liebe. David hat also zwei gleichberechtigte Zuhause. Jan wohnt ein wenig weiter weg von der Schule, sodass David wochenweise Fahrschüler wurde. Aber es schien alles machbar zu sein. Doch gleich in der ersten Woche kam David freitags nach der Schule nicht zu mir. Ich machte mir Sorgen und ging den Weg zur Schule ab. Nichts. Kein David. Ich rief aufgelöst bei Jan an, der ganz lapidar sagte: ,Er ist bei mir. Wir wollten noch die Videospiel-Session beenden.‘ Ich bin fast durch den Hörer gegangen vor Wut und habe ihn angebrüllt, dass er mir gefälligst Bescheid zu sagen habe. Aber es änderte sich gar nichts. Ständig ging etwas schief. Jan informierte mich nicht über Berichte der Lehrerin, vergaß Arzttermine und war manchmal nicht zu Hause, wenn David vor der Tür stand und klingelte. Das bringt mich wirklich auf die Palme. 

Deshalb geht es zwischen Jan und mir sehr oft sehr lautstark zu. Mittlerweile sehe ich auch, dass David darunter leidet. Aber er findet das Modell gut. Er sagt mir immer wieder, dass er auf keinen von uns beiden verzichten will und deshalb alles so bleiben soll. Ich befürchte, dass er das nur sagt, um weder seinen Vater noch mich zu verletzen. Ich weiß, wie sehr David seinen Vater liebt. Wenn ich durchsetzen würde, dass er nur bei mir lebt, würde ich ihm damit weh tun. Eine schreckliche Vorstellung. Aber diesen ewigen Kampf ertrage ich auch nicht mehr lange. Ich habe jetzt zumindest einen weiteren Beratungstermin gemacht. Auch wenn ich weiß, dass Jan sagen wird, ich übertreibe maßlos.“

Zahlen, Daten und Fakten zum Sorgerecht

Residenzmodell

Das ist die Variante, die von gut 90 Prozent der Geschiedenen gewählt wird. Das Kind hat seinen Hauptwohnsitz bei einem Elternteil. Beim anderen ist es jedes zweite Wochenende und meist noch einen Nachmittag pro Woche.

Wechselmodell

Es wird quasi paritätisch geteilt: Eine Woche wohnt das Kind bei der Mutter, in der anderen Woche beim Vater. Immer im Wechsel. Daher gibt es auch keine Unterhaltszahlungen. Das Modell kann auch gegen den Willen eines Elternteils gerichtlich durchgesetzt werden.

Kindeswohl

Egal, welches Modell nach der Trennung gewählt wird, immer muss – laut Gesetz – das Kindeswohl im Mittelpunkt stehen. Mit Blick auf das Kind sollte also entschieden werden, welche Variante die bessere ist. Wer unsicher ist, sollte sich unbedingt beraten lassen.

Zahlen

  • Vor Familengerichten landeten im Jahr 2016 genau 31.621 Fälle von Streit ums Sorgerecht.
  • 91 % der Kinder leben nach der Scheidung der Eltern bei der Mutter.
  • Sind Eltern nicht verheiratet und trennen sich, hat die Mutter das alleinige Sorgerecht.