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Das erste Mal gibt es nicht nur einmal im Leben

Sexualpädagogin Anja Drews über unseren wohl aufregendsten Moment

Endlich ist es soweit! Das erste Mal steht vor der Tür. Egal, welche Erfahrungen wir davor schon gesammelt haben, egal wie aufgeklärt wir sind, egal wie alt wir sind - diesem ersten Mal kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Es wird uns auf ewig in Erinnerung bleiben und hat auch in unserer Kultur den Status eines Aufnahmerituals. Wir fühlen uns aufgenommen in die Gemeinschaft der sexuell Aktiven und der sexuell Erfahrenen. Aber damit zu argumentieren, es gäbe noch viel wichtigere Momente im Leben, ist so aussichtslos wie das Kämpfen gegen Windmühlen. Es gibt ein Leben davor und ein Leben danach. Die einen planen ihr erstes Mal von langer Hand und sind auf alle Eventualitäten vorbereitet. Und die anderen entscheiden sich spontan dazu, weil es gerade so schön ist oder weil sich plötzlich eine Gelegenheit ergibt. 

Warten auf das allererste Mal

Wer jetzt aber meint, dieses Thema sei doch nur für Jugendliche interessant, den oder die möchte ich eines Besseren belehren: Immer mehr Menschen fangen erst später oder sogar erst viel später damit an, die partnerschaftliche Sexualität zu erkunden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat in ihrer Studie zur Jugendsexualität 2015 festgestellt, dass 11 % der jungen Erwachsenen über 18 Jahren noch keine Körperkontakte zum anderen Geschlecht hatten. Und über 18 ist ein weites Feld. 

Die Gründe, die dahinterstecken, können sein:

•    Das Fehlen des richtigen Partners oder der richtigen Partnerin 
•    Die eigene Schüchternheit
•    Angst vor den Eltern
•    Angst vor Ungeschick
•    Angst vor Schwangerschaften
•    Sex vor der Ehe ist nicht richtig

Das erste Mal mit einem anderen Partner nach einer langen Beziehung

Dazu kommen noch diejenigen, die nach einer sehr langen Beziehung das erste Mal mit einem neuen Partner das Bett teilen. Hier finden wir auch ältere Menschen, die seit ihrer Jugend mit ihrem Ehepartner zusammen waren und die manchmal noch gar keine anderen Erfahrungen gesammelt haben, die noch nie mit einem anderen Menschen intim waren. Sich jetzt auf einen neuen Partner einzustellen, kann eine besondere Herausforderung darstellen. Zusätzlich zu der Unsicherheit, wie manfrau sich verhält, was angemessen ist und was Sex eigentlich genau beinhaltet, können auch Schuldgefühle dem vielleicht verstorbenen Partner gegenüber aufkommen. Hier bedarf es zuweilen einer Aufklärung wie in jungen Jahren.

Das erste Mal nach einer langen, langen Pause

Und dann haben wir noch diejenigen, die schon lange keinen Sex mehr hatten, teilweise jahrelang nicht mehr. Sich nun wieder in den Sattel zu schwingen und sich auf Nähe und Intimität einzustellen, fällt vielen schwer. Schließlich gibt es Gründe für die Abstinenz. Diese können sein:

•    Emotionale Verletzungen
•    Gewalterfahrungen
•    Nicht verarbeitete Trennungen
•    Eigene Unzulänglichkeitsgefühle
•    Hohe Erwartungen an neue Partnerschaften
•    Erkrankungen

Dadurch bauen sich Hemmungen und Unsicherheiten auf. Von außen ist leicht gesagt „Geh doch mal ins Internet. Da findest du bestimmt jemanden.“ Oder „Du bist einfach zu anspruchsvoll.“ Denn allzu oft liegt es nicht an den anderen, sondern an uns selbst. Wir selber lassen die Kontakte aus diesen oder jenen Gründen gar nicht erst zu oder boykottieren sie unbewusst. Denn je weniger wir uns einlassen, desto weniger können wir auch verletzt werden. Es ist in diesem Fall sinnvoll, sich den eigenen Ängsten bewusst zu stellen.

Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Worauf ich hinaus möchte, ist die Frage, wie wir mit dem Stand unserer sexuellen Erfahrungen umgehen. Ich wünsche mir, dass wir viel nachsichtiger sind, mit uns selber, aber auch mit den anderen. Schließlich sind alle aufgeregt, ob ganz jung oder schon gereifter, ob beim allerersten Mal oder bei einem späteren ersten Mal. Und in jedem Fall gibt es besondere Hürden: 

•    Die Spätstarter spüren zusätzlich den gesellschaftlichen Druck, ES in ihrem Alter doch schon längst hinter sich gebracht haben zu müssen. Aber manchmal sind die Umstände eben anders. Und das sollte ok sein.
•    Der erste neue Partner im späteren Lebensalter wirft Fragen nach Moral und Anstand auf. Und lässt mögliche Wissenslücken bewusst werden. Was ist mit Verhütung oder Safer Sex? Damit hat manfrau sich vielleicht noch nie oder schon lange nicht mehr auseinandergesetzt.
•    Die Pausierenden müssen sich überhaupt erst einmal wieder an einen anderen Menschen in ihrem Leben oder in ihrem Bett gewöhnen. 

In diesem Zusammenhang wurde neulich die nicht ganz ernstgemeinte Frage gestellt, ab wann manfrau eigentlich wieder in den jungfräulichen Status zurückfällt. Denn auch später können Ängste und Unsicherheiten aufkommen, fühlen sich Menschen wieder völlig unerfahren. Und je mehr wir uns damit beschäftigen, desto imposanter erscheint uns das herbeigesehnte oder bevorstehende erste Mal.

Humor und Offenheit sind der beste Weg

Wenn wir im Ernstfall nun so tun, als seien wir Herr oder Frau der Lage, verlieren wir uns innerlich. Denn dann müssen wir schauspielern und entfernen uns von unseren wirklichen Gefühlen. Ich würde sagen, heraus mit den Unsicherheiten und Ängsten. Sprechen Sie sie an und redet darüber. Wenn Sie den richtigen Partner haben, kommen Sie sich auf diesem Wege sogar näher. Und wenn es nicht so klappt, wie geplant, dann ist Humor immer noch die beste Methode, mit diesen Unsicherheiten umzugehen. 

Das ist leichter gesagt als getan, ich weiß. Es hilft nur nichts, es kann immer etwas schiefgehen: Sie verpassen den Bus, fangt sich eine Laufmasche im perfekten Outfit ein, der BH lässt sich nicht wie geplant mit einer galanten Handbewegung öffnen, Pille vergessen, die Brillen stoßen gegeneinander, der Penis macht schlapp, die Vagina ist nicht so feucht wie erhofft, das Kondom falsche herum aufgelegt, abgerutscht oder gerissen. Wenn Sie gemeinsam darüber lachen, anstatt sich zu grämen, kommen Sie sich letztendlich näher und entspannen sich auch viel besser. Und dann macht die ganze Sache auch Spaß. Sex ist schließlich keine Prüfung. Außerdem sollten Sie nicht vergessen, dass da meistens zwei aufgeregt sind. 

Ich habe der Verständlichkeit halber an verschiedenen Stellen das maskuline Neutrum verwendet und einfach nur „der Partner“ statt „der Partner oder die Partnerin“ geschrieben. Gemeint sind aber immer beide.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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