Orgasmus vortäuschen: Notlüge oder Vertrauensbruch?

Ist es okay, ab und an den Höhepunkt vorzutäuschen?

Laut einer im „Journal of Sex Research" veröffentlichten Studie der Universität von Kansas ist das Orgasmus vortäuschen tatsächlich zum Großteil Männersache! Von 180 Studenten und 101 Studentinnen haben 86 Prozent der Männer und 82 Prozent der Frauen schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht. Und selbst wenn man den Studien und Umfragen nicht traut und einfach nur mal bei sich selbst oder im Freundeskreis schaute, würde man schnell feststellen, dass das Orgasmus vortäuschen fast schon eine eigene kleine Sexpraktik für sich ist. Aber ist es denn okay, nur weil es eben so viele machen?

Meg Ryan hat das Orgasmus vortäuschen perfektioniert, das hat sie uns damals in „Harry and Sally“ für alle Zeiten unvergesslich vorgeführt: „Aaaah, aaaaaaaah, aaaaaaaaaaaaaah!!!“ Noch Fragen? „Schatz, war das gerade echt?“ Wer das ernsthaft nach einem (echten oder vorgetäuschten) fulminanten Höhepunkt fragt, bekommt zu Recht eins auf die Finger. Ne, klar, Orgasmus vortäuschen ist meine Paradedisziplin. Ich habe dir etwas vorgespielt und das gebe ich jetzt auch liebend gern zu... Und wer jetzt meint, nur Frauen seien darin Meisterinnen und Männer könnten das doch gar nicht, irrt. Denn ganz im Ernst, welche Frau oder welcher Mann sucht denn im Eifer des Gefechts schon nach Beweismitteln für einen echten Orgasmus? Gleitmittel, Kondome, Handtücher, Alkohol sind ohnehin echte Beweiskiller. Orgasmus vortäuschen ist also unisexuell. Stellt sich nur die Frage, warum wir ausgerechnet hier unsere schauspielerischen Fähigkeiten so ausgefeilt einsetzen. Und haben wir es mit einer Notlüge oder einem ernsthaften Vertrauensbruch zu tun?

Orgasmus vortäuschen, weil Offenheit so schwierig ist

Sowohl als auch. Aber klären wir erst einmal, warum überhaupt so viele einen Orgasmus vortäuschen. Und da gibt es dann doch einen kleinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Der übliche und durch Erotikfilme fast schon zementierte Ablauf beim Sex geht folgendermaßen: Vorspiel (mal mehr, mal weniger ausgeprägt), Penetration (vielleicht in verschiedenen Stellungen), Orgasmus dabei (viel häufiger auf Seiten des Mannes), eventuell noch etwas Kuscheln. Viel zu oft kommt sie hier noch nicht zum Zuge. Was nicht bedeutet, dass es ihr nicht gefallen hätte. Laut der Wiener Ärztin und Sexualtherapeutin Dr. Elia Bragagna ist die Hälfte der Frauen auch ohne Höhepunkt zufrieden. Nichtdestotrotz scheint der Orgasmus als Gradmesser für guten Sex zu fungieren. Kommt sie nicht, denkt er womöglich, er sei nicht so gut gewesen oder sie hätte ein Problem. Beidem will sie aus dem Wege gehen und daher ist das Orgasmus vortäuschen eine gängige Praxis. Ihr hat es ja gefallen und sie würde auch gern kommen, aber SO geht es nicht oder noch nicht. Und unter Druck sowieso nicht. Da könnte man natürlich darüber reden. Vielleicht nicht sofort, aber einen günstigen Zeitpunkt würde es schon geben. Das wäre auch der Königsweg. Was wünscht sie sich anders, was kann er machen? Aber reden ist ja nun einmal nicht so einfach. Stellt sich auch die Frage, ob er das als Kritik oder als Motivation begreift. Also schweigt sie und täuscht vor. Sie möchte ihm ja das Gefühl geben, dass er ein richtig guter Liebhaber ist.

Er nun wieder ist auch keine Maschine. Entgegen gängiger Vorstellung können Männer auch nicht immer kommen. Müdigkeit, Kopfkino mit Alltagsstress, die Kondition lässt nach, Lustverlust mittendrin im wildesten Koitus – wie soll man das der Partnerin erklären? Denn wir Frauen neigen nun einmal dazu, so etwas persönlich zu nehmen. Keine Lust mehr? Habe ich etwas falsch gemacht? Findest Du mich nicht mehr attraktiv??? Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber allein um der Möglichkeit eines solchen Gesprächs aus dem Weg zu gehen, wird eben doch lieber vorgetäuscht. Das ist wesentlich stressfreier. Und er möchte sie ja auch gar nicht verletzen. Aber er möchte auch nicht als Versager dastehen. Und unter Druck geht auch hier gar nichts.

Orgasmus vortäuschen täuscht nicht nur den anderen

Wenn wir uns in einem One Night Stand befinden, macht das vielleicht nicht so viel. Und wenn wir es nur ab und zu einmal machen, schadet das sicherlich auch niemandem. Problematisch wird es, wenn aus der Notlüge ein Dauerzustand wird. Denn je länger wir etwas verheimlichen, desto schwieriger wird es, dann doch einmal Tacheles zu reden. Und niemand will den anderen ja ernsthaft verletzen. Aber ich habe mit Frauen gesprochen, die ihrem festen Partner schon seit Jahren den Orgasmus vortäuschen. Immer und immer wieder. Für den Partner kann das dann tatsächlich einen schweren Vertrauensbruch darstellen. Immerhin wurde er jahrelang belogen. DAS nährt Selbstzweifel! Und DAS verletzt!

Und was macht das Orgasmus vortäuschen mit dem- oder derjenigen, der oder die es nicht schafft, die Wahrheit zu sagen? Irgendwann schwindet die Lust. Schon wieder Sex? Schon wieder muss ich etwas vorspielen, das mir so aber gar nicht gefällt? Das verursacht auf lange Sicht Stress und Unwohlsein. Immerhin schlummern da auch Bedürfnisse, die nicht ausgelebt werden. Vielleicht wünscht sie sich, dass er sich viel länger mit ihren Brüsten oder ihrer Klitoris beschäftigt. Vielleicht würden sie intensive Zungenküsse auf Touren bringen. Oder einfach eine andere Stellung. Aber das traut sie sich nicht zu sagen. Vielleicht mag er es nicht, dass sie direkt nach dem Sex in die Dusche springt und das törnt ihn so ab, dass er nicht kommen kann.

Mut zur Offenheit belebt die Lust

Es braucht Mut, sich zu offenbaren und das Thema Orgasmus vortäuschen anzusprechen. Keine Frage. Und vielleicht findet der andere auch nicht so toll, was wir uns wünschen. Was er oder sie aber toll findet, ist mit Sicherheit, dass wir zu unseren Wünschen stehen. Und dann so richtig abgehen. Und oft geht es ja auch gar nicht um ausgefallene Praktiken. Ist es nicht viel besser, über unsere Wünsche zu sprechen und sie mit Glück auch auszuleben, als nie etwas zu sagen und im unteren Mittelfeld herum zu dümpeln? Miteinander übereinander zu reden, schafft auch Verbundenheit. Dass der andere keine Gedanken lesen kann, wissen wir ja aus dem Alltag zur Genüge. Nur beim Sex, da soll das gehen. „Er muss doch wissen, was ich will. Das wusste mein vorheriger Freund auch.“ Ja, das mag ja sein. Aber wenn der Neue das nicht weiß, muss sie es ihm eben anders sagen oder zeigen. Und wie das geht, können Sie hier lesen: „Über Sex sprechen“.

Anja Drews – Sexualwissenschaftlerin für ORION