Was passiert mit der Erektion, wenn Männer älter werden?

Sexual-Expertin Anja Drews kennt die besten Tipps

Der schwedische Regisseur Ingmar Bergmann sagte einmal: „Altwerden ist wie auf einen Berg steigen. Je höher man kommt, desto mehr Kräfte sind verbraucht, aber umso weiter sieht man.“ Ich finde, diese Beschreibung trifft es ganz gut. Ganz besonders in Hinblick auf die Sexualität des Mannes.

Je weiter das Alter voranschreitet, desto unzuverlässiger sind die Erektionen und desto länger dauern die Erholungsphasen dazwischen. Es sind nicht mehr der Gedanke an ein erotisches Erlebnis, der Hauch eines Geruchs oder der Anblick nackter Haut, die den Penis anschwellen lassen. Während er sich in der Jugend scheinbar unkontrollierbar in den unpassendsten Momenten reckt und streckt, verweigert er später scheinbar ebenso unkontrollierbar seinen Dienst und bleibt stattdessen einfach faul liegen. 

Anderseits gibt es irgendwann auch keine peinlichen Situationen mehr durch diese unkontrollierbaren Erektionen in den ungünstigsten Momenten. Je später die Lebensphase, desto mehr sind Handfertigkeit und Zungengeschick von Partnerin oder Partner angesagt. Auch die Lust verschwindet zuweilen. Nun könnte man meinen, dass diese Sachlage zur allgemeinen sexuellen Unzufriedenheit führen könnte. Weit gefehlt. 

Qualität statt Quantität

Sexuelle Zufriedenheit nimmt mit zunehmendem Alter nicht ab. Zwar sind Erektionsstörungen neben dem vorzeitigen Samenerguss der häufigste Grund für den Besuch einer Sexualsprechstunde. Aber die Qualität der Erektion hat keinen direkten Einfluss auf das subjektive Erleben von Sexualität. Denn, um noch einmal auf Ingmar Bergmann zurückzukommen, der Blick weitet sich. 

Der Koitus steht häufig im Mittelpunkt des erotischen Geschehens. Wenn dieser Weg nun beschwerlicher wird, gewinnen andere sexuelle Praktiken an Bedeutung. Zärtlichkeit, Petting, sexuelle Fantasien – da nähert sich ein Mann den weiblichen Wünschen lustvoll an. Diese neue Art des Liebeslebens steigert auch die Nähe und Intimität in der Beziehung. Die Partner können ganz anders aufeinander zugehen, widmen sich mehr Zeit. Es geht um Qualität, nicht Quantität. Harmonie und Innigkeit spielen eine größere Rolle und so nimmt auch die Zufriedenheit mit der Partnerschaft im Alter zu.

Der Druck muss raus

Das sollte ein Mann auch im Hinterkopf behalten, bevor er erwartungsvoll beim Arzt zum Aufpimpen seiner Erektion um ein Rezept bittet. PDE-5-Hemmer wie Viagra, Cialis oder Levitra sorgen zwar in den meisten Fällen für eine wunderbare Erektion. Aber nicht diese ist es, die einen guten Liebhaber ausmacht. So manche Frau fällt bei dem Anblick sogar in Ohnmacht, hatte sie doch gedacht, mit dem Leistungsdruck sei es nun endlich vorbei. 

Und da sind wir wieder. Der Druck muss raus. Unser Leben verändert sich, unser Körper verändert sich, unsere Sexualität verändert sich. Das sollten wir so akzeptieren. Wer bis ins Alter jugendlicher Potenz nachjagt, den plagen schnell Versagensängste, der fängt an, sich selber ständig zu beobachten und nimmt damit der Lust die Lust. Ich frage mich, wie es Männern wie es dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi geht, die mit ihrem Potenzgehabe nicht nur in den Blick der Öffentlichkeit geraten, sondern sogar noch in den der Justiz. Geht es da überhaupt noch um die Lust oder ist das nicht nur ein einziges Machtgehabe? Und wer soll damit eigentlich beeindruckt werden?! Also ich bin es nicht.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Erektionsfähigkeit anzukurbeln?

Auch ein nicht oder nicht vollständig erigierter Penis ist somit kein Hindernis für ein erfülltes Liebesleben. Das aber bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass weder jüngere noch ältere Männer auf ihre Gesundheit achten sollten. ☺ Allzu oft kommt der Gedanke auf, ein Penis führe ein Eigenleben, völlig losgelöst vom Willen seines Besitzers. Aber das Bild vom Eigenleben stimmt nicht so ganz. Denn ein Penis gehört zum Mann und auch zu dessen Leben:

•    Ein Penis ist sensibel, er spürt die Ängste und Hemmungen, die den Kopf blockieren. 
•    Er leidet mit, wenn es im Job oder in Beziehungen Probleme gibt. 
•    Ein Penis hat seinen Anteil an den Nährstoffen, die wir unserem Körper über die Nahrung zuführen. 
•    Er raucht und trinkt und feiert genauso mit. 
•    Ein Penis profitiert von den sportlichen Betätigungen seines Besitzers. Oder eben auch nicht, wenn der sich nicht bewegt. 
•    Und auch Krankheiten machen nicht am Schambein halt. 

Das alles sollte sich jeder Mann vor Augen halten, wenn er fassungslos auf seinen schlafenden besten Freund blickt und sich im Stich gelassen fühlt. Aber was kann man machen?

1.    Ärztliche Untersuchung

Ich will hier keine Panik machen, aber länger andauernde Erektionsprobleme können ein Anzeichen für Herzerkrankungen sein. Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Testosteronmangel oder eine Entzündung der Prostata können ebenfalls als Ursache dahinterstecken. Es gibt Andrologen, die sich insbesondere mit den Fortpflanzungsfunktionen und deren Störungen befassen. Diese Ärzte und Ärztinnen haben umfassend alle Ursachen im Blick und können Euch gegebenenfalls an die entsprechenden Fachärzte überweisen.

2.    Nebenwirkung von Medikamenten

So manches Medikament ruft als Nebenwirkung Erektionsprobleme auf. Oft erkennt man den Zusammenhang nicht sofort, weil das Problem schleichend auftaucht. Wenn regelmäßig Medikamente eingenommen werden, z.B. gegen zu hohen Blutdruck, Beruhigungsmittel oder Psychopharmaka, sollte man sich über die Nebenwirkungen informieren und mit dem Arzt besprechen.

3.    Übergewicht

Wie sieht es mit dem Körperumfang aus? Kann man den Penis noch ohne Spiegel sehen? Wenn nicht, sollte er sich ernsthaft daran machen, abzunehmen. Nicht aus ästhetischen Gründen, sondern um des Penis willen. Denn auch Übergewicht oder Adipositas haben großen Einfluss auf die Erektionsfähigkeit.

4.    Zigaretten und Alkohol

Dasselbe gilt für Alkohol und Nikotin. Dass beides nicht gesund ist, wissen wir. Aber solange nichts passiert, ignorieren wir das einfach. Oder wir berufen uns auf Experten, die behaupten, ein Glas Wein, ein Bier oder ein Wodka mit Knoblauch seien durchaus gesundheitsfördernd. Das kann schon sein. Aber wenn es um die Standfestigkeit des eigenen Penis geht, sollten wir nicht herumexperimentieren.

5.    Stressfaktoren

Welche Faktoren im Leben lösen Stress aus? Besteht die Möglichkeit etwas zu ändern – dann tut es! Aber manchmal lässt sich an der Situation einfach nichts ändern. Dafür kann man etwas an seiner inneren Einstellung arbeiten. Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen fördern das Wohlbefinden und können zu mehr Gelassenheit führen.

6.    Partnerschaft

Wie läuft es in Ihrer Beziehung? Reden Sie miteinander über Ihre Wünsche und Vorstellungen? Gerade auch, wenn es um Ihr Liebesleben geht? Fühlen Sie sich beide geborgen, akzeptiert und wahrgenommen? Probleme in der Partnerschaft, Eifersucht, Unzufriedenheit oder unterschiedliche Vorstellungen vom Leben übertragen sich auf den Penis. Es ist schwierig, von allein auf die Hintergründe zu kommen. Eine Psycho- oder Sexualtherapie kann hier weiterhelfen.

7.    Sexueller Missbrauch

Nicht nur Frauen erleben sexuellen Missbrauch. Auch Männer können Opfer sexueller Gewalt sein, wie wir besonders in letzter Zeit immer wieder in den Medien hören bzw. lesen. Solche traumatischen Erfahrungen wirken sich auf unser Erleben von Sexualität aus, auch wenn wir vielleicht denken, das alles liege doch schon so lange zurück. Allein ist das kaum zu bewältigen. In diesen Fällen ist ebenso eine Psycho- oder Sexualtherapie zu empfehlen.

Oft kommen verschiedene Ursachen zusammen oder bedingen sich gegenseitig

Eine Erektionsstörung aufgrund eines Medikaments kann psychische Probleme nach sich ziehen und auch die Beziehung belasten. Anderseits kann Stress in der Beziehung die Erektionsfähigkeit beeinflussen. Und so ist nicht immer auf den ersten Bick erkennbar, worin die wahre Ursache liegt. Deshalb ist es sinnvoll, sich Hilfe zu holen. Zudem haben wir oft viel zu hohe Erwartungen an uns selbst oder an unsere Partner, wenn es um Sexualität geht. Wir glauben häufig, wir müssten immer funktionieren. Ganz so, als seien wir Maschinen. Das sind wir aber nicht. Es kann vorkommen, dass wir keine Lust haben, keine Erektion bekommen oder den Höhepunkt nicht erreichen. Wenn wir dann in Panik geraten, setzen wir unter Umständen einen Teufelskreis in Gang. Versagensängste und allzu intensive Selbstbeobachtung sind Lustkiller und blockieren uns. Also, erst einmal ruhig bleiben und sich überlegen, was zu einem einmaligen „Versagen“ geführt haben könnte: 

•    Neue Liebe?
•    Zu lange gefeiert?
•    Mit den Gedanken beim Job gewesen?

Ziehen sich die Probleme über eine längere Zeit hin, hilft der Gang zum Arzt oder Therapeuten.

Älterwerden ist eine Chance für das erotische Erleben!

Wenn wir unsere Lebenserfahrung hinzuziehen, stellen die meisten von uns fest, dass es uns mit zunehmendem Alter leichter fällt, über unsere Wünsche zu sprechen, Fantasien auszuleben, Liebe zu geben und zu nehmen. Und das Beste daran ist, dass die, die sich in diesem Prozess des Alterns noch am Anfang befinden, durch die wachsende Offenheit diesem Thema gegenüber gerade lernen, über ihre eigene Sexualität zu sprechen. Ich würde sagen, die Weichen sind gestellt, wir müssen uns nur für den richtigen Weg entscheiden.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Themen