Wenn ein Mann nicht will

Sexuelle Unlust kann eine Beziehung zerstören

Das kann doch nicht sein, denkt sie sich. Was ist nur los mit ihm? Als sie sich kennenlernten hatten sie Sex. Und was für welchen! Jetzt aber, nur ein paar Monate später, passiert gar nichts mehr. Niente. Tote Hose.

Sie versucht alles, was ihr einfällt. Heiße Dessous, Mantel mit nichts darunter, erwartet ihn nackt in seinem Schlafzimmer, steckt ihm im Restaurant ihr Höschen zu. Sie lockt ihn unter die Dusche, fällt einfach über ihn her. Aber nichts passiert. Dann versucht sie es mit Reden. Das bringt sie auch nicht weiter. Er habe nun mal gerade einfach keine Lust, im Fernsehen laufe doch etwas sehr Spannendes, er sei müde, ob sie nicht lieber kochen wollten. Sie ist am Ende mit ihrer Weisheit. Und zweifelt an sich selber. Ist sie ihm nicht attraktiv genug? Steht er womöglich gar nicht auf Frauen? Schließlich sei er doch ein Mann und die haben doch immer Lust. Ja? Ist das wirklich so?!

Eine Wirkung, viele Ursachen

Einfach ausgedrückt: Es ist Quatsch, dass Männer immer wollen und immer können. Leider gehört das aber zu den ganz hartnäckigen Vorurteilen, mit denen sich sowohl Männer als auch Frauen unter Druck setzen. Und ebenso wie Probleme mit der Erektion beziehen Frauen auch dieses Vermeidungsverhalten oft auf sich. Die Selbstzweifel und die Vorwürfe, die schnell daraus resultieren, setzen die Abwärtsspirale weiter in Gang. Und die Lust versteckt sich immer tiefer. Dabei gibt es eine Vielzahl von Gründen für einen Rückzug aus der gemeinsamen Sexualität:

  1. Ein Vermeidungsverhalten kann aus der Angst entstehen, beim Sex zu versagen oder nicht gut genug für die Partnerin zu sein. Gerade wenn Männer älter sind oder auch deutlich älter als ihre Partnerin, kann es durchaus passieren, dass sie meinen, erfahrener und potenter als ihre Partnerin sein zu müssen. Damit bremsen sie sich selber aus. Hinzu kommt, dass in vielen Köpfen immer noch die Meinung vorherrscht, nur Geschlechtsverkehr sei echter Sex. Wenn dann eine Frau deutlich macht, dass zu einer erfüllten Sexualität noch viel mehr gehört, kann das schnell verunsichern. Und nicht zuletzt kann auch die Angst vor einer ausbleibenden Erektion dazu führen, dass ein Mann sexuelle Handlungen gleich ganz vermeidet. Hier hilft eine aufklärende und entlastende Paar- oder Sexualberatung.
  2. Über sexuelle Wünsche und Fantasien zu sprechen, fällt vielen Menschen schwer. Man möchte den anderen nicht verschrecken, mag sich die Wünsche manchmal auch selber nicht eingestehen. Wer aber auf Dauer nicht erfüllt bekommt, was er sich sehnlichst wünscht, der kann auch die Lust am Sex verlieren. Das gilt für Männer genauso wie für Frauen. Aus eingefahrenen Mustern auszubrechen, erfordert immer Mut. Aber wenn dahinter eine lustvolle Sexualität steht, lohnt es sich! Im Gespräch sollten Ich-Botschaften verwendet werden: „Ich wünsche mir, dass ...“
  3. Stress und Druck sind ganz klare Lustkiller. Wer im Job unter ständiger Anspannung steht, nicht ausgelastet oder im Gegenteil überlastet ist, wer finanzielle Sorgen hat oder familiäre Probleme, dem kann schon einmal die Lust vergehen. Denn Sexualität steht nicht für sich allein, sie ist mit unserem ganzen Leben und unserer Persönlichkeit eng verwoben. Sie ist wie der Appetit, der verschwindet, wenn es uns nicht gut geht. Da sollte ein Paar gemeinsam schauen, wie sich an der Situation etwas ändern lässt.
  4. Gesundheitliche Gründe spielen ebenfalls eine Rolle. So kann Lustlosigkeit nicht nur unerwünschte Nebenwirkung eines Medikaments sondern auch ein erstes Anzeichen für eine Depression sein. Prof. Dr. Frank Sommer vom UKE in Hamburg hält den ab dem 35. Lebensjahr fallenden Testosteronspiegel für einen der Hauptgründe für Lustlosigkeit bei Männern. Keine Panik: Der Testosteronspiegel fällt nicht bei allen Männern gleich und kann sich noch Jahrzehnte auf seinem ursprünglichen Niveau halten. Ein Arztbesuch kann abklären, ob sich hier die Ursache finden lässt. Übermäßiger Alkoholkonsum, fehlende Bewegung und ein insgesamt ungesunder Lebenswandel tun ihr Übriges auf dem Weg zur sexfreien Beziehung.
  5. Ein lustfeindlicher Erziehungsstil, religiöse Verbote, moralische Vorstellungen und auch Missbrauchserfahrungen können die Lust des Mannes hemmen. Unter Umständen werden sie am Anfang einer Beziehung über Bord geworfen, kehren aber umso stärker nach einer Zeit zurück. Das ist dann schwer auszuhalten. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Hier empfiehlt sich eine Therapie, um den Zweispalt zwischen Wunsch und Gewissen zu überbrücken.

Auf den ersten Blick ist von außen selten erkennbar, welche Gründe zu einem sexuellen Vermeidungsverhalten führen. Auch für den Mann selber ist es oft gar nicht so einfach, dies herauszufinden. Männer haben schließlich keine Probleme, schon gar keine psychischen ... Lösungsmöglichkeiten gibt es verschiedene, je nach Ursache des Problems. Da heißt es, einen detektivischen Spürsinn zu entwickeln und der Sache gemeinsam auf den Grund zu gehen. Und es hilft nichts, ein offenes und ehrliches Gespräch ist der erste Schritt auf dem Weg zu mehr Lust.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION