Das Glück der späten Scheidung: Saskia startet durch

„Jetzt bin ich mal dran“

„Graue Scheidung“ nennen die Experten dieses Phänomen – die Scheidung nach der Silberhochzeit. Immer mehr Frauen wollen ihr Leben in die Hand nehmen, wollen noch mal durchstarten – aber ohne ihren Partner, mit dem sie seit Jahrzehnten zusammen sind, vielleicht auch Kinder großgezogen haben.

„Wie er da so am Tisch saß, seinen Kaffee geräuschvoll hinunterschluckte, da hatte ich plötzlich eine Vision von uns beiden. Nämlich die, dass er in 20 Jahren immer noch so dasitzt und ich mich immer noch darüber ärgere, wie laut er trinkt ...“. Saskia denkt darüber nach, wieder und wieder. Ganz neu war der Gedanke nicht – aber jetzt wird er konkret, und er fühlt sich gut und richtig an: Trennung!

„Als die Kinder aus dem Haus waren, wurde es schwierig mit Frank“

Zwei Kinder hat sie mit Frank (59) – Rebecca (21) und Julian (23). Beide sind schon länger aus dem Haus und studieren. „Daswar schwierig“, erzählt die 53-jährige Industriekauffrau aus Bonn. „Ich war ja plötzlich allein mit Frank. Wir haben uns nicht mehr viel zu sagen, das stellte sich schnell heraus. Die ganzen Jahre hatte sich fast alles nur um die Kinder gedreht.“ Sex war selten, routiniert, langweilig, oft hatte sie keine Lust. Jedenfalls nicht auf Frank. Saskia bekommt Angst vor der Zukunft: „Das kann es noch nicht gewesen sein ...“, ihr wird klar: Die Liebe ist weg. Traurig und wahr.

Die Liebe ist weg

Frank fällt aus allen Wolken, als sie das laut ausspricht. Es platzt aus ihr heraus, als sie nach einem Abend mit Gästen und ein paar Gläsern Wein noch zusammensitzen. Sie sagt es sachlich und knapp, wie es ihre Art ist: „Ich möchte mich trennen.“ Frank lacht nur und sagt: „Das kann doch nicht dein Ernst sein. Nach all diesen Jahren! Du hast zu viel getrunken.“
Vielleicht lag es am Wein, dass sie an diesem Abend den Mut gefunden hat. Aber sie meint es ernst. Sie hat es sich nicht leicht gemacht in den Wochen und Monaten, in denen der Entschluss heranreifte: „Immer wieder habe ich mir gesagt, dass wir uns doch ein Eheversprechen gegeben haben. Aber ich habe nicht mehr so viel Zeit, ich bin 53! Und in den kommenden Jahren möchte ich glücklich sein. Immer habe ich mich um die Familie gekümmert. Jetzt bin ich dran.“

Sie spricht mit Freundinnen darüber – die sind schockiert und überrascht, aber sie haben auch Verständnis. Dann macht sie Ernst. Sie sucht sich eine Wohnung – finanziell ist sie ja unabhängig. Trotzdem muss vieles entflochten werden: Versicherungen etwa, die Miete, der Unterhalt für die Kinder. Auch Frank musste sich eine neue Wohnung suchen: zu viele Erinnerungen, zu teuer. Es ist schwierig mit ihm, der das alles noch immer nicht glauben will. Er tobt vor Eifersucht, aber da ist kein anderer Mann. Er trauert, er bettelt – doch Saskia hat ihren Entschluss gefasst. Auch die Kinder sind nicht begeistert, aber sie führen inzwischen ihr eigenes Leben.

„Ein neuer Mann? Das hat Zeit. Aber man weiß ja nie, was passiert ...“

Ihr eigenes Leben führt jetzt auch Saskia. Sie fühlt sich befreit, zufrieden, manchmal richtig glücklich: „Ich merke jetzt, wie sehr es mich belastet hat, dass ich immer Rücksicht nehmen musste, Kompromisse geschlossen habe. Es war kein schlechtes Leben mit Frank und den Kindern, aber jetzt hat ein neuer Abschnitt angefangen.“

Sie unternimmt viel, Dinge, die vorher so nicht möglich waren. Sie macht einen Tanzkurs, lernt Spanisch. Bei einer Kreuzfahrt nach Mallorca findet sie neue Freunde. Und sie überlegt, sich bei einer Single-Börse anzumelden – vielleicht lernt sie ja so einen Mann kennen? Aber das hat Zeit. Die seltenen Begegnungen mit Frank sind entspannter – er hat eine Neue, sagen die Kinder. Die Trennung war richtig, da ist sich Saskia sicher.

Tipps und Infos zum Thema

Gibt es Warnsignale? Woran erkennt man, dass es vorbei ist? Dr. Ulrich Weber, Psychotherapeut und Coach aus Hamburg, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Warum trennt man sich überhaupt nach so langer Zeit?

Wichtige Liebeskiller sind das gegenseitige Aufwiegen von Fehlern, verloren gegangene Wertschätzung und Vorwürfe. Manchmal entwickeln sich die Partner in verschiedene Richtungen. Mit 50 erleben einige Menschen einen zweiten Frühling. Spätestens dann kommt die Gewissheit, dass das Leben nicht unendlich dauert, aber trotzdem noch lange genug, um noch mal ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Kann man sich davor auf irgendeine Art schützen?

Definitiv! Da es ein schleichender Prozess ist, kann man ihn stoppen, vorausgesetzt, das Vertrauen ist noch da. Es geht um die kleinen Aufmerksamkeiten, die Liebe und Respekt aufrechterhalten. Zum Beispiel kleine, liebevolle Nachrichten, ein Abschiedskuss, Bitte und Danke sagen. So etwas ist meines Erachtens der beste Schutz.

Gibt es Anzeichen, dass es bald vorbei sein könnte?

Wenn man nicht mehr miteinander oder aneinander vorbeiredet. Wenn das Wir-Gefühl verloren geht, ist das ein starkes Warnsignal. Und wenn die Kommunikation nur noch aus Anschuldigungen, Abwertungen oder Vorwürfen besteht.

Welche Rolle spielt denn der Sex dabei? Geht es auch ohne? 

Sex ist wichtig, um Intimität und Nähe zu erfahren. Sex verbindet, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, auch durch die Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin. Oft rückt Sex in längeren Partnerschaften in den Hintergrund, was aber nicht weiter schlimm sein muss, sofern das Paar offen darüber redet.

Ist eine Trennung auf Probe immer der Anfang vom Ende? 

Das kann man nicht pauschal beurteilen. Ich persönlich halte nicht sehr viel davon. Oft ist das tatsächlich nur der Anfang vom Ende. Es kommt natürlich vor, dass Paare sich trennen und erst später merken, dass sie doch füreinander bestimmt sind. Aber dann waren sie auch richtig getrennt und nicht „halb“, was Trennung auf Probe ja bedeutet.

Ist eine Scheidung auch für erwachsene Kinder schlimm?

Kinder sitzen immer zwischen den Stühlen, da sie ja beide Elternteile lieben. Doch je älter, erwachsener und reflektierter die Kinder sind, desto leichter ist eine Trennung der Eltern zu verkraften. Aber ich habe auch schon erwachsene Patienten erlebt, die durch die späte Trennung der Eltern eine echte Lebenskrise entwickelt haben.

Kann man sich wieder neu in den Partner verlieben?

Die rosarote Brille aus der Anfangszeit sollte man sich immer wieder bewusst aufsetzen. Das klappt besonders gut, wenn man mehr Zeit füreinander hat, zum Beispiel im Urlaub.

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