Liebe mit allen Freiheiten: Diese Paare verzichten auf eine monogame Beziehung

Wann kann eine offene Beziehung funktionieren?

In der Partnerschaft rundum glücklich sein und trotzdem Sex mit anderen haben: Kann das wirklich gut gehen? Wir haben zwei Paare, die auf eine monogame Beziehung verzichten, und einen Experten befragt. Kann eine offene Beziehung wirklich langfristig glücklich machen?

Annika (34) und Lars (37) aus Hannover: „Jeder von uns soll sich sexuell ausleben dürfen“

Wir haben uns vor sieben Jahren kennen gelernt, und ich habe Lars gleich gesagt, dass ich an einer monogamen Beziehung nicht interessiert sei. Denn meine vorherigen Beziehungen waren immer daran gescheitert, dass ich nicht nur auf meinen Partner, sondern auch auf andere Männer Lust hatte. Und warum soll das falsch sein? Warum kann mein Partner das nicht akzeptieren? Ich würde ihm doch auch Sexabenteuer mit anderen Frauen gönnen. Wenn man sich wirklich liebt, gönnt man dem anderen das, was er möchte. Man besitzt einen anderen Menschen schließlich auch nicht. Man teilt mit ihm das Leben und die Liebe. Glücklicherweise hat Lars sich auf dieses Experiment eingelassen. Die Beziehung mit ihm ist wunderbar. Wir sind vor vier Jahren zusammengezogen, wollen bald heiraten und gerne ein Kind. Unser Deal: Wenn wir andere Sexpartner haben, stellen wir sie dem jeweils anderen vor. Außerdem sind Kondome selbstverständlich. Und: Wenn wir mit einem anderen Sex hatten, erzählen wir auch davon. Es muss nicht bis ins Detail sein, aber doch schon recht genau. Angst davor, dass einer von uns sich in einen anderen verlieben könnte, habe ich nicht. Dafür ist unsere Liebe zu stark. Ich würde mir aber mehr Verständnis für unsere Form von Beziehung wünschen. Freunde schütteln darüber nur den Kopf. Sie können das alles nicht nachvollziehen. Okay, müssen sie auch nicht. Hauptsache, wir beide sind glücklich und zufrieden damit!“

Doris (64)  und Hannes (67) aus Leipzig: „Wir können loslassen, weil wir uns lieben“

Hannes und ich kennen uns schon eine halbe Ewigkeit, 36 Jahre sind es genau. Wir haben eine Tochter, die mittlerweile schon selbst ein Kind hat. Wir kennen uns einfach in- und auswendig. Da gibt es keine Geheimnisse. Was unser Sexleben angeht, haben wir uns nie etwas vorgemacht. Natürlich haben wir beide gemerkt, dass der Sex immer weniger wurde. Aber im Gegensatz zu anderen Paaren haben wir offen darüber gesprochen und es nicht einfach so im Raum stehen lassen. Dabei haben wir uns eingestanden, dass es einfach auch ein bisschen langweilig ist mit immer demselben Partner. Die Idee einer nicht monogamen Beziehung kam uns aber erst später. Es gab nämlich eine Zeit, es ist ungefähr zehn Jahre her, als Hannes eine Nebenhodenentzündung hatte, die lange nicht abheilte. Danach hatte er einige Zeit lang Erektionsstörungen. An Sex war überhaupt nicht zu denken. Und wir überlegten: Was wäre, wenn es nie mehr ginge? Würde ich dann verzichten müssen? Oder könnte Hannes sich vorstellen, dass ich Sex mit einem anderen Mann habe? Wie eifersüchtig wäre er? Könnte er das ertragen? Und er fragte mich: ,Und wie wäre es für dich, wenn es andersherum der Fall wäre? Du könntest nicht, aber ich?‘ Wir fanden es beide spannend irgendwie spannend, die Monogamie unserer Beziehung aufzugeben, und haben viel darüber diskutiert. Was wäre möglich? Wie weit könnten wir gehen? Letztendlich kamen wir immer wieder zu demselben Ergebnis: Wir lieben uns sehr, würden uns niemals verlassen und würden dem anderen diese Erfahrung einfach gönnen. Aber nur, wenn nichts davon heimlich passiert. Hannes war mittlerweile wieder gesund – aber wir wollten es trotzdem probieren: Sex mit einem anderen Partner. Und wir haben es getan. Beim ersten Mal war es ganz merkwürdig, darüber zu sprechen. Eine Mischung aus eifersüchtig, aufgeregt und gespannt. Seitdem hatten wir beide schon vier andere Partner, meist nur zwei, drei Mal. Es ist aufregend und schön. Aber ständig brauchen wir das nicht.“

Das sagt der Experte

   Nils Terborg, Coach & Autor
   Er berät Menschen, die den richtigen Partner suchen oder die bestehende Beziehung ändern möchten. www.nilsterborg.de, www.facebook.com/nilsterborgautor/

Eine nicht monogame Beziehung ist sicher nicht jedermanns Sache – und das soll sie auch gar nicht sein. Aber es lohnt ein tieferer Einblick. Vielleicht kann man sich davon etwas für die eigene Beziehung abschauen? Unser Experte beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie merke ich, dass ich eine offene Beziehung will?
„Wenn der Wunsch immer stärker wird, mit einer anderen Person als dem Partner zu schlafen, kann die offene Beziehung als Option diskutiert werden. Auch wenn es in der Vergangenheit zu Seitensprüngen kam und das Paar den Eindruck hatte, dass die Streitereien darüber schlimmer waren als die Eskapaden selbst, kann eine offene Beziehung für Entspannung sorgen.“

Welcher Typ muss ich sein, um nicht monogam leben zu können?
„Man darf natürlich, wie fast jeder Mensch, Eifersucht haben. Es ist aber hilfreich, die Fähigkeit, eigene Gefühle zu beeinflussen (Fachjargon: Emotionsregulation), weiterzuentwickeln. Denn eine Beziehung verkraftet nicht unendlich viele Eifersuchtsdramen in kurzer Zeit. Die gute Nachricht: Der konstruktive Umgang mit den eigenen Gefühlen lässt sich üben, etwas Willen dazu vorausgesetzt.“

Wann sollte ich besser die Finger davonlassen?
„Wer stark eifersüchtig ist, große Ziele in anderen Lebensbereichen hat, extrem stressanfällig ist oder sich vor lauter Freunden sowieso schon fragt, wo er noch die freie Zeit herzaubern soll, tut sich damit keinen Gefallen. Auch hilft eine offene Beziehung natürlich nicht dabei, eine problematische Beziehung zu ,reparieren‘.“

Gibt es bestimmte Regeln, die gelten sollten?
„Ich plädiere dafür, dass ausnahmslos alle Regeln von dem Paar ausgehandelt werden. Manche Regeln, etwa die berühmte ,Don’t ask, don’t tell‘-Regel, stelle ich in meinem Buch auch genauer vor. Diese hilft beispielsweise zu Beginn mehr als nach einigen Monaten oder Jahren.“

Wie gehe ich eigentlich mit meiner Eifersucht um?
„Aus meiner Sicht funktioniert langfristig vor allem ein deutlicher Perspektivenwechsel. Wenn der Partner Sex mit jemand anderem hat und dieser Gedanke dauerhaft negativ besetzt bleibt, wird die Eifersucht immer wieder ausgelöst. Der Ausweg führt hin zur Mitfreude und hin zu einem sehr positiven Bild von Sex, neuen Bekanntschaften und Intimität.“

Welche Vorteile kann eine offene Beziehung haben?
„Die wenigsten Menschen finden ausschließlich ihren Partner anziehend. In einer offenen Beziehung wird damit zwangsläufig transparent umgegangen. Ein solcher Umgang kann eine Beziehung ehrlicher machen und das Paar näher zusammenführen. Und vielleicht weiß der eine oder die andere den Partner auch wieder deutlich mehr zu schätzen, wenn klar wird, dass man sich hier und da auch ruhig etwas anstrengen darf, um für den anderen weiterhin attraktiv zu sein.“

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