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Flaute im Bett: Lustlosigkeit hat viele Ursachen

Welche Faktoren unsere Libido beeinflussen

Lust kommt. Lust geht. Bei diesem Wechselspiel fühlen wir uns unserem Körper oftmals ausgeliefert. So, als hätten wir eigentlich nichts damit zu tun. Das wäre auch schön einfach. Denn wenn das tatsächlich gar nichts mit uns und unserem Leben zu tun hätte, dann müssten wir uns nicht mit unserem Leben oder unserer Beziehung auseinandersetzen. 

Und wer sich nun tatsächlich nicht mit sich auseinandersetzen möchte, könnte zum Medikament Flibanserin greifen. Schließlich soll das ja Lust machen. Allerdings gibt es das nur für Frauen. Warum eigentlich? Über die Frage bin ich noch gar nicht gestolpert. Mit Medikamenten wie Viagra oder Cialis kann man Flibanserin aufgrund einer ganz anderen Wirkungsweise nicht gleichsetzen. Denn bei den sogenannten PDE-5-Hemmern geht es um die Erektion. Und diese stellt sich auch nur dann ein, wenn Lust schon da ist. 

Aber Männer leiden ja durchaus auch an Lustlosigkeit. Könnten die dann nicht auch Flibanserin einnehmen? Das notiere ich mir mal unter dem Punkt „Offene Fragen“. Leider oder zum Glück ist es aber sowieso nicht ganz so einfach. Denn es gibt so viele Wege in die Lustlosigkeit hinein wie es Wege nach Rom gibt. Und es gibt Wege heraus. 

Die lieben Hormone

Der erste Gedanke ist recht häufig der an einen Hormonmangel. Zu wenig Östrogen, zu wenig Testosteron. Und das kann auch tatsächlich eine Ursache sein. Hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille oder die Spirale beispielsweise können die Lust beeinflussen. Auch der Rückgang der Östrogene nach der Menopause kann sich auf das Verlangen auswirken. Allerdings berichten manche Frauen hier nun auch gerade von einer gesteigerten Libido. Das wiederum ist nicht mit dem Rückgang von Hormonen zu erklären und kann damit zusammenhängen, dass die Angst vor einer ungewollten Empfängnis nicht mehr blockiert. Nach Schwangerschaften gibt es in einer Partnerschaft ebenfalls recht häufig ein unterschiedliches Lustpotential. Aber auch das ist zumeist durch die Umstände erklärbar.

Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel mit steigendem Alter. Man vermutet, dass auch das zu einer Senkung des Verlangens führen kann. Erwiesen ist das aber (noch) nicht.* Insgesamt betrachtet ist männliche Lustlosigkeit noch immer ein Tabuthema und wird auch wissenschaftlich nicht so durchleuchtet wie die weibliche. Neben den Hormonen gibt es noch eine ganze Reihe von Erkrankungen wie 

•    Diabetes
•    Depressionen
•    Suchterkrankungen
•    Herz-Kreislauferkrankungen
•    hoher Blutdruck
•    und die damit verbundene Einnahme bestimmter Medikamente, die sich auf die Lust auswirken. 

Übermäßigen Alkoholgenuss oder Drogenkonsum will ich der Vollständigkeit halber auch noch erwähnen. 

 —> Dies alles sollte mit einem Arzt abgeklärt werden. 

Stressige Lebensumstände

Oft aber stecken ganz andere Ursachen dahinter, wenn wir plötzlich oder schleichend die Lust auf Sex verlieren. Stress steht ganz weit oben auf der Liste. Job und Familie stellen hohe Anforderungen an uns. Prekäre Arbeitsverhältnisse und finanzielle Sorgen halten uns gedanklich auf Trab. Zudem sind wir ständig und überall erreichbar, auf Leistung gepolt und andauernd unterwegs. Wie soll man da abschalten und auf die innere Stimme hören können? Verpasse ich etwas? Wer ist da gerade am Telefon? Könnten die Kinder gleich ins Schlafzimmer platzen? Können die Schwiegereltern uns hören? 

—> Wie wäre es dann einmal mit einer Auszeit? Raus aus dem Alltag. Und das nun nicht gerade mit einem Aktiv-Urlaub, in dem man sich wieder den ganzen Tag mit etwas anderem beschäftigt. Nein, Zeit für sich als Paar nehmen. Sich Zeit nehmen zum Reden, zum etwas miteinander machen, zum Gedanken austauschen. 

—> Zudem kann man schauen, ob sich an dem ganz normalen Wahnsinn des Alltags etwas ändern lässt. Helfen Entspannungsmethoden wie Meditation oder die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen dabei, den Energielevel etwas herunterzufahren? Gibt es die Möglichkeit einer zusätzlichen Kinderbetreuung oder einer Haushaltshilfe? Lässt sich der Stress im Job verringern? 

Hohe Erwartungen an die Partnerschaft

Eine Partnerschaft kann Unterstützung, Wohlfühlen und Liebe bedeuten. Muss sie aber nicht. Die hohen Scheidungsraten sprechen dafür, dass es hier ein großes Konfliktpotential gibt. Und wenn zwischen Partnern schwerwiegende Unstimmigkeiten herrschen, man sich nicht aufgehoben fühlt oder vielleicht sogar unter Druck gesetzt wird, dann ist Lust ein rares Gut. Oft gibt es hohe und falsche Erwartungen an den Partner, aber auch die Sexualität. Gerade Frauen haben häufiger den Anspruch, der Partner müsse wissen, was ihnen gut tut. Wenn es im Bett nicht klappt, liege es an seinem mangelhaften Einfühlungsvermögen, aber nicht an ihrer eigenen Erwartungshaltung. 

Das hat auch damit zu tun, dass Frauen weniger lernen, Forderungen zu stellen und dann eher passiv darauf warten, dass diese trotzdem erfüllt werden. Das wiederum setzt Männer unter Druck. Die wissen dann zwar, dass sie etwas leisten sollen. Aber sie wissen nicht genau, was. Auch das ist nicht lustfördernd, genauso wenig wie schlechter Sex. Eine Abwärtsspirale also. Das Liebesspiel ist für beide nicht wirklich befriedigend. Wenn der Geschlechtsverkehr dann trotz mangelnder Erregung vollzogen wird, kann das wiederum zu Schmerzen beim Sex führen. Lust? Fehlanzeige. 

—> Hier geht es nun darum, den Leistungsdruck abzubauen und Konflikte in der Partnerschaft zu klären. Das lässt sich nicht nebenbei bewerkstelligen. Dazu braucht ein Paar Zeit und eventuell Unterstützung.

Die eigenen Glaubenssätze

Eine lustfeindliche Erziehung, schlechte Erfahrungen und auch ganz einfach Unwissenheit über den eigenen Körper und die sexuellen Reaktionen können ebenfalls dazu beitragen, dass Lust gar nicht erst entsteht oder wir sie nicht wahrnehmen. 

Spannend ist, was die Sexualwissenschaftlerin Meredith Chivers in ihren Studien quer durch die Vereinigten Staaten dazu herausgefunden hat: Frauen haben viel mehr Lust, als sie selber überhaupt wahrnehmen. Sie maß die Durchblutung der Genitalien, während sie den Probandinnen ganz unterschiedliche sexuell aufgeladene Bilder zeigte. Der Kopf sagte „Nein, das interessiert mich gar nicht.“ Der Körper hingegen zeigte etwas ganz anderes. Der war nämlich durchaus erregt. Das macht deutlich, wie stark unsere innere Zensur ist. So stark, dass wir gar nicht in Berührung mit unserem Verlangen kommen. 

Es ist nicht ganz einfach, sich mit den eigenen Glaubenssätzen und Idealen auseinanderzusetzen. Aber es lohnt sich. Denn das alles begleitet uns zum Teil schon von Baby an:

—> Welches Bild von Sexualität wurde mir vermittelt? 
—> Wer hat mich sexuell geprägt? 
—> Welche Gebote und Verbote wirken in mir? Welche Tabus und Mythen beeinflussen mich? 
—> Wie, glaube ich, sollte „richtige“ Sexualität sein? 

Sinnvoll ist es auch, sich mit dem Körper auseinanderzusetzen und mit der eigenen Lust zu spielen lernen. 

—> Was macht mich eigentlich an? 
—> Wie kann ich lustvolle Gefühle hervorrufen? 
—> Wie kann ich sie selber steigern? 
—> Wie kann ich meine Beckenbodenmuskeln und meine Atmung einsetzen? 

Sie sehen, es gibt jede Menge Möglichkeiten, der Lustlosigkeit etwas entgegen zu setzen. 

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION