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Lustlosigkeit als Form des aktiven Widerstands

Sexual-Pädagogin Anja Drews über Lust und Unlust

Schon mal keine Lust gehabt? Keine Lust auf Sex? Während einer Single-Periode? Wenn sowieso gerade kein Liebhaber oder keine Liebhaberin in der Nähe war? Ja, dann macht das wahrscheinlich nichts. 

Aber in einer Beziehung? Vor allem, wenn der oder die andere vor Lust nur so strotzt? Dann kann Lustlosigkeit für ganz schönen Zündstoff sorgen. Denn je mehr Lust der eine hat, desto weniger hat oft der andere. Oder umgekehrt formuliert: Je weniger Lust der eine hat, desto drängender wird es bei dem anderen. Der aktive Partner fühlt sich plötzlich nicht mehr angenommen oder gar nicht mehr geliebt, während der lustlose Partner sich bedrängt fühlt und das Gefühl hat, gar nicht wirklich gemeint zu sein. Als wollte der andere nur seine körperlichen Bedürfnisse stillen. 

Eine typische Pattsituation. Nichts geht mehr. Man drängt sich gegenseitig immer weiter in die Ecke. Und es scheint, als sei der drängendere Partner Schuld an der Misere und als könne der lustlose Partner gar nichts dafür. Wenn die Lust weg ist, ist sie weg. Da kann man ja nichts machen. Aber ist das wirklich so? Oder gibt es nicht vielleicht noch eine andere Betrachtungsweise?

Der ganz normale eheliche Sadismus

Keine Lust auf Sex, auf die körperliche Nähe zum Partner zu haben, scheint tatsächlich nur auf den ersten Blick eine passive Haltung zu sein. Denn es ist nicht so, als könne der oder die Lustlose nichts dafür. Ganz im Gegenteil: Lustlosigkeit kann auch ein Zeichen von aktivem Widerstand sein. Der Sexualtherapeut David Schnarch spricht in dem Zusammenhang von dem ganz „normalen ehelichen Sadismus“. Gibst Du mir nicht, was ich möchte, bekommst du auch nicht, was du möchtest. 

„Nein“, begehren wir auf! „Ich doch nicht!“ Die Arme verschränkt, den Kopf Richtung Boden geneigt und mit dem Fuß aufgestampft. „Das würde ich niemals machen! Das ist doch kindisch!“ Schönes Beispiel, oder?! Und was soll ich sagen, ich habe es auch schon getan. Wenn wir in uns gehen, finden wir vermutlich alle einen kleinen Hinweis auf diese Form der Lustverweigerung. Wenn mein Partner oder meine Partnerin mir nicht im Haushalt hilft, bekommt er oder sie auch kein orales Vergnügen. Er oder sie hat mir schon wieder nicht zugehört, also gehe ich auch im Bett nicht auf seine oder ihre Wünsche ein. So einfach ist das. Dieser Mechanismus ist uns häufig gar nicht bewusst. Und es ist auch nicht immer so einfach, die Zusammenhänge aufzudecken. 

Kindliche Verhaltensmuster

Woher kommt dieses Verhalten? Es ist das Kind in uns, das da trotzt. Wir wiederholen alte Muster aus der Kindheit. Schnarch nennt es die widerwärtige Seite an uns. Er schreibt, wir alle „quälen die, die wir lieben, während wir gleichzeitig so tun, als merkten wir es nicht.“ Und das vor allem in der Partnerschaft. Vielleicht liegt es daran, dass wir hier am verletzlichsten sind. 

Dieses Verhalten spielt sich übrigens nicht nur in Liebesbeziehungen ab. Auch Eltern kommen irgendwann an den Punkt, an dem sie ihren Kindern ihre Aufmerksamkeit vorenthalten. Unter Freunden oder Arbeitskollegen kommt es ebenfalls durchaus vor, dass wir etwas oder uns selbst aktiv verweigern. Nebenbei bemerkt bekommen wir auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit. Denn mit etwas Glück stehen wir im Mittelpunkt, während alle anderen versuchen, uns umzustimmen. Damit haben die Widerständler die Macht über das, was geht und was nicht geht. Das ist nicht die feine Art, aber negative Aufmerksamkeit scheint manchmal besser zu sein als gar keine.

Erwachsen-Sein bedeutet, Verantwortung für sich zu übernehmen

Was tun? Wenn Sie sich das nächste Mal in solch einer Situation befindet, gehen Sie in sich und überlegt, was wirklich los ist. 

•    Was steckt hinter der Lustlosigkeit?
•    Wie fühlt sich das in dem Moment an?
•    Haben Sie tatsächlich keine Lust oder WOLLEN Sie nur keine Lust haben? 

Letzteres ist ein großer Unterschied

Was wollen Sie mit Ihrem Verhalten erreichen? Wenn es darum geht, dass der Partner sein Verhalten ändert, sollte es doch noch andere Wege geben, als ihm oder ihr die sexuelle Aufmerksamkeit zu entziehen. Welche Möglichkeiten stehen zur Verfügung, um den Konflikt zu lösen? Wie würde wohl der Erwachsene in Ihnen handeln? Wenn Sie diesen Gedanken folgen, könnt Sie die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Überlegen Sie, wem Sie mit Ihrem Verhalten wirklich schadet. Denn am Ende nehmen Sie sich selber ein Stück Lebendigkeit.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Quelle: Schnarch, David. Die Psychologie sexueller Leidenschaft. Piper Verlag GmbH: 11. Auflage 2011, ab S. 363