Anzeige

Vaginismus: Wenn die Scheide dicht macht

Expertin Anja Drews über die sexuelle Funktionsstörung

Wenn ein Paar sich liebt und Geschlechtsverkehr haben möchte, ein Eindringen des Penis in die Vagina trotz aller Hingabe und allen Einfühlungsvermögens aber nicht möglich ist, stellt das eine harte Probe für so manche Beziehung dar. Der Wille ist da, der Weg jedoch versperrt. Der Vaginismus ist wohl die geheimnisvollste aller sexuellen Funktionsstörungen. Das liegt sicherlich auch daran, dass es lange Zeit keine Erklärung dafür gab, warum sich eine Vagina einfach weigert, den äußerst willigen Penis in sich aufzunehmen.

Der Vaginismus wird den Schmerzstörungen zugeordnet. Die Beckenbodenmuskulatur und das äußere Drittel der Vaginalmuskulatur verkrampfen sich unwillkürlich und reflexartig auf eine schmerzhafte Weise. Die Verkrampfung kann so weit gehen, dass keine Tampons eingeführt werden können und auch gynäkologische Untersuchungen unmöglich werden. Die Vagina lässt damit kein Eindringen des Penis zu und das scheinbar ohne Mitwirken der Protagonistin. Denn eine vaginistische Frau entscheidet sich nicht willentlich dazu, keine Penetration zuzulassen. Ganz im Gegenteil ist sie meist völlig ratlos und fühlt sich ihrem Körper hilflos ausgeliefert. Was steckt dahinter und wie kann geholfen werden?

Lebenslang oder plötzlich aufgetaucht?

Zunächst einmal ist der Vaginismus als sexuelle Funktionsstörung nicht so weit verbreitet wie etwa Lustlosigkeit oder der vorzeitige Samenerguss. Wissenschaftliche Quellen sprechen von 0,4 bis 1% aller Frauen. Ich habe auch schon weit höhere Zahlen im zweistelligen Prozentbereich gefunden. Allerdings sollten wir den Vaginismus nicht mit Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) verwechseln. Betroffen sind in der Regel eher jüngere Frauen. 

In der Sexualmedizin wird zwischen dem primären und dem sekundären Typus unterschieden. 

  • Der erste Typus schränkt die Sexualität von Anfang an ein und besteht damit bereits lebenslang.
  • Der zweite Typus tritt nach bestimmten Ereignissen auf, ist also erworben. Bis dahin hat es keine derartigen Beschwerden gegeben. Ursache können Schwangerschaftsängste, sexuelle oder emotionale Grenzverletzungen oder auch Gewalterfahrungen sein. 

Die körperorientierte Sexualtherapie nach Sexocorporel unterscheidet noch auf einer anderen Ebene. 

  • Hier gibt es den phobischen Vaginismus mit der Angst vor dem, was in den Körper eindringen könnte. Diese Frauen verfügen laut der Sexualtherapeutin Susanna-Sitari Rescio, die nach dem Konzept des Sexocorporel arbeitet, häufig über eine hohe Körperspannung und Selbstkontrolle. 
  • Auf der anderen Seite steht der Vaginismus aufgrund einer Identitätsproblematik. Hier dominiert die Angst vor dem, was heraus kommen könnte. Diese Frauen haben oft eine mädchenhafte Ausstrahlung und eine enge Bindung zur Mutter. Sie sind sich nicht sicher in ihrer Rolle als Frau, lehnen diese womöglich sogar ganz ab. 

Bei beiden Arten von Vaginismus haben die Frauen eine sehr hohe Muskelspannung. Das Becken ist sehr fest und wir finden oft ein Hohlkreuz. Zudem haben sie andere Beschwerden, die mit Verspannung zu tun haben, wie Zähneknirschen oder Rückenprobleme. Vaginistische Frauen sind durchaus in der Lage, einen Höhepunkt zu erreichen. Laut Rescio kommen sie aber eher durch eine starke Anspannung des Körpers und durch das reine Ausüben von Druck zum Orgasmus, ohne sich dabei selber zu berühren. Auch das ist in der partnerschaftlichen Sexualität eher problematisch.

Eine extreme Schutzhaltung

Eines bleibt, egal wie wir ihn definieren: 

Und das ist der muskuläre Panzer, der als Schutz aufgebaut wird. 

Wenn eine Frau sich unbewusst so stark verkrampft, dass kein Eindringen möglich ist, stellt sich die Frage nach dem Warum. Das gilt es herauszufinden. Ist der Vaginismus zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgetreten, sollte man schauen, was zuvor passiert ist. Besteht er hingegen schon lebenslang, gilt es, tiefliegende Ängste aufzuarbeiten. 

  • Was kann dahinterstecken, dass eine Frau den Weg in ihr Innerstes verschließt? 
  • Was passiert im Außen? 
  • In der Beziehung? 
  • Wie ist das Verhältnis zum eigenen Geschlecht? 
  • Wie ist die Selbstwahrnehmung als Frau? 

Zudem kann mit Übungen aus der Körperarbeit die Körperspannung vor allem im Beckenboden wahrgenommen und verändert werden. Reine Entspannungsübungen sind weniger sinnvoll, da der Körperpanzer ja einen Schutzmechanismus darstellt und sich nicht einfach durch Entspannung wegzaubern lässt. Es geht vielmehr darum, mit Körperarbeit die Kontrolle wieder zu übernehmen. 

Oft wird empfohlen, mit Vaginalstäben, die es in unterschiedlichen Stärken gibt, das Eindringen in die Vagina zu üben. Bevor es allerdings damit losgehen kann, ist es sinnvoll, erst einmal das eigene Geschlecht zu erforschen. Wie sieht die Vulva aus, wie fühlt sie sich an, welche Berührungen sind angenehm? Es geht auch darum, die Schmerzgrenze auszutesten. Wie weit kann ich heute gehen, morgen oder übermorgen? Eine Frau mit Vaginismus zu heilen, geht nicht von heute auf morgen. Aber es ist sehr wohl möglich. Aber dazu braucht es Hilfe von außen!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION
 

Themen