Warum uns die Angst vor dem Scheitern auch in unserer Sexualität einschränkt

Sexual-Pädagogin Anja Drews über den Leistungsdruck unserer Gesellschaft

Gerade habe ich einen sehr klugen Artikel über das Scheitern gelesen. Die Angst vor dem Versagen quäle fast jeden und halte gerade uns Deutsche davon ab, unsere Träume zu verwirklichen. Denn die Gefahr, dass nicht klappt, was wir uns vorgenommen haben, sei einfach zu groß. Und mit Misserfolgen könnten wir in unserer Leistungsgesellschaft nun einmal nur schlecht umgehen. Dennoch seien diese Erfahrungen unausweichlich. Na klar, ab und zu müssen wir einfach etwas wagen. Ansonsten würden wir in unserem Leben ja permanent auf der Stelle treten und uns nicht weiterentwickeln. Und manchmal klappt das eben. Manchmal aber auch nicht. 

Zu Scheitern sei jedoch auch lehrreich, denn an diesen Niederlagen würden wir wachsen. Auch dem kann ich nur zustimmen. Allerdings brauchen wir dazu ein Bewusstsein für unsere Schwächen, so der Autor. Und wir brauchen Strategien, mit Misserfolgen umzugehen, so ich. Denn wenn wir jedes noch so kleine Scheitern als persönliches Versagen betrachten, bleibt uns bald nichts mehr, an dem wir uns festhalten können. Schauen wir doch einmal, was das für unsere Sexualität bedeutet.

Der Druck der Leistungsgesellschaft

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der wir danach beurteilt werden, was wir wann und wie in welcher Zeit schaffen. Sei es im Job, im Familienleben, beim Sport, an der Uni oder in der Freizeit. Freizeitstress bedeutet, selbst die Zeit, in der wir uns entspannen könnten, optimal zu nutzen. Zum Beispiel mit Sport, mit Freunden, mit Kochen oder mit Sex. Alles für sich genommen sind das wunderbare Beschäftigungen. Viel zu oft üben wir sie jedoch nicht aus, um uns zu vergnügen. Stattdessen verspüren wir den Druck, jede Minute sinnvoll zu nutzen und an unserer Persönlichkeit oder unserem Körper zu arbeiten. Wir trainieren unermüdlich für den Marathon, hetzen zum Yoga oder treffen uns noch schnell zum Essen mit einer Freundin. 

Jeder Ausfall, gar psychischer Natur, wird schnell als Schwäche oder Scheitern betrachtet. Das geht nicht, wir müssen doch funktionieren! Der Druck kommt gar nicht nur von außen. Wir haben ihn bereits internalisiert, also verinnerlicht. Wir selber glauben, dass wir dieses oder jenes schaffen müssen. 

Der Druck wirkt sich bis ins Schlafzimmer aus

Nehmen wir den Sex. Eigentlich sind wir in unserer Partnerschaft zufrieden. Aber irgendwo haben wir gelesen, dass einmal Sex in der Woche optimal für eine Beziehung sei. Außerdem scheinen unsere Freunde alle mehr Sex zu haben. Irgendetwas stimmt bei uns also nicht, obwohl es sich nicht so anfühlt. Aber wir wollen auf keinen Fall versagen, weder vor uns selbst, noch vor unserem Partner noch vor den anderen. Ein Scheitern der Beziehung würde uns um Jahre zurückwerfen. Also verabreden wir uns zum Sex und legen los. Obwohl wir gar kein Verlangen verspüren. Vielleicht kommt es. Vielleicht aber auch nicht. Kommt es nicht, kann es leicht geschehen, dass sich Störungen einstellen. Der Sex wird schmerzhaft oder die Erektion versagt. Ups, gescheitert, obwohl wir doch nur die besten Absichten hatten!

Bloß nichts sagen, bloß keine Gefühle zeigen, bloß nicht scheitern

Noch deutlicher wird es am Beispiel der sexuellen Wünsche. Wir alle haben eine mehr oder weniger genaue Vorstellung davon, was uns sexuell erregt oder befriedigt. Scham, das Bild von einer idealen Sexualität oder ganz besonders die Angst davor, mit diesen Wünschen abgelehnt zu werden, halten uns jedoch davon ab, uns dem anderen zu offenbaren. Wir haben solche Angst davor zu scheitern, dass wir lieber nichts sagen und darauf hoffen, Lust und Befriedigung würden sich schon von allein einstellen. Das klappt allerdings nur selten. Ganz schlimm ist es, wenn wir uns trauen und dann tatsächlich nicht mit offenen Armen empfangen werden. 

Stellen wir uns vor, er sehnt sich nach Nähe und möchte mit seiner Partnerin schlafen. Die jedoch hat gerade ganz andere Dinge im Sinn und so gar keine Lust. Sie sagt ihm dies auch geradeheraus. Er könnte ihre Reaktion nun als sein ganz persönliches Scheitern betrachten. Schließlich hat sie ihn abgelehnt. Vielleicht findet sie ihn einfach nicht mehr attraktiv, vielleicht war das letzte Mal nicht so gut oder vielleicht hat sie ohnehin jemand anderen. Die Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen. Er, der im Job so viel schafft, muss zuhause so eine Abfuhr kassieren! Das nächste Mal, nimmt er sich vor, sagt er lieber nichts. Pah. Die negativen Gedanken setzen sich fest. Das Scheitern hat ihn fest im Griff, denn es ist nicht mit seinem Selbstbild vereinbar.

Er könnte das Ganze jedoch auch entspannt angehen und sich überlegen, 

  • was wirklich hinter seinem Bedürfnis nach Nähe steckt.
  • wie er sein Bedürfnis nach Nähe stattdessen befriedigt. Vielleicht kann er mit dem Hund kuscheln, mit den Kindern spielen, seinen besten Freund anrufen, eine Massage buchen.
  • was er beim nächsten Mal besser machen kann. Schließlich weiß er ganz genau, dass sie sich nicht ablenken lässt. 

In diesem Fall lernt er aus dem Scheitern, dass er eine andere Strategie anwenden muss. Es sieht ihre Absage nicht als Ablehnung seiner Person, sondern nur als Ablehnung, es jetzt gerade mit ihm zu treiben. Statt beleidigt zu sein und sich zurückzuziehen, lernt er, an seinen Verführungskünsten zu feilen und entwickelt sich dadurch weiter. Aus der Niederlage wird eine Gelegenheit zum Lernen. Vielleicht sprechen sie sogar später über diesen Vorfall und lachen gemeinsam über die verpasste Chance. Statt sich abzuwerten, stärken sie ihr Selbstwertgefühl, jeder für sich, aber auch als Paar. 

Scheitern als Chance für mehr Lust

Scheitern bringe Menschen sogar dazu, Neues an sich selbst und der Umwelt zu erkennen, aus Denk- und Handlungsroutinen auszubrechen und sich auf andere Erfahrungen einzulassen, sagt der Psychologe und Fehlerforscher Olaf Morgenroth. Wenn wir im Sexuellen scheitern, trifft uns das oft im Innersten. Aber wir haben die Chance, das Scheitern als Chance zu sehen, es einfach anders zu versuchen, uns mehr in unser Gegenüber einzufühlen, unsere Verführungskünste zu verfeinern oder erotische Umwege zu nehmen. In der Sexualität müssen wir nichts leisten. Trauen Sie sich und nehmen ein Scheitern als Anreiz, über Ihren Tellerrand hinauszuschauen.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Quelle: zeit.de