Woran Sie erkennen, dass Sie in Ihrer Beziehung angekommen sind

Es sind die kleinen Alltäglichkeiten

Wenn uns die Hormone am Anfang der Verliebtheit fest im Griff haben, sehen wir die Welt und vor allem unsere Liebste oder unseren Liebsten durch die vielbesagte rosarote Brille. Die oder der andere ist dabei natürlich nicht wirklich rosarot. Es ist wohl vielmehr eine Art Weichzeichner, der alle Ecken und Kanten wie durch Zauberhand verschwinden lässt. Nie wieder werden wir unsere neue Liebe so perfekt, so wunderbar und so herrlich wahrnehmen wie in dieser ersten Zeit. Unsere Sinnesorgane blenden einfach alles aus, was diesem Bild widersprechen könnte. Wir leben sozusagen in der allumfassenden Verdrängung.

Wir zeigen uns zuerst nur von unserer besten Seite

Allerdings bekommt unsere Wahrnehmung auch kräftig Unterstützung. Denn weder zeigt sich der andere in allen Facetten seiner körperlichen, emotionalen und psychischen Persönlichkeit, noch zeigen wir uns. Wir alle zeigen uns vielmehr von unserer besten Seite und reißen uns gehörig am Riemen, wenn es um das Ausleben unserer „liebenswerten Eigenschaften“ geht. So nannte Loriot die Verschrobenheiten, die Eigenarten und den ganz normalen Wahnsinn, mit dem wir uns später in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen zeigen. Und es ist wohl ganz normal, wenn wir die erst einmal zurückhalten. Schließlich wollen wir den anderen nicht sofort verschrecken. Wir wissen ja nicht, was er oder sie als für liebenswert erachtet.

Die bunte Palette unserer Eigenschaften und Eigenarten

Und wenn wir uns dann endlich so zeigen, wie wir wirklich sind, als echte Menschen nämlich, dann kann es auch mit der Beziehung so richtig losgehen. Denn dann erst fangen wir an, echt zu sein und in uns stimmig. Und erst dann sehen wir auch den echten Menschen uns gegenüber. Nicht mehr nur das weichgezeichnete kantenlose Geschöpf unserer rosaroten Verliebtheitsphase. Aber was ist es genau, das wir am Anfang mit Feuereifer zu verbergen versuchen, das uns aber gleichzeitig so zeigt, wie wir wirklich sind?

1.    Überflüssige Körperbehaarung

Bei den ersten Verabredungen und ganz besonders beim ersten Mal finden wir garantiert kein einziges überflüssiges Körperhaar an einer Stelle, wo es nicht sein soll. Weder bei ihm noch bei ihr. Sorgfältig wird die Haut ganz genau untersucht, es wird rasiert, gezupft, epiliert, gelasert. Wir überlegen uns, ob wir unsere intimsten Stellen ganz nackt oder nur etwas frisiert präsentieren wollen, malen uns aus, was der oder die andere wohl darüber denkt. Und dann irgendwann stellen wir fest, dass unsere Haare in den Achseln, an den Beinen, auf dem Rücken oder um den Hotspot herum schon den dritten Tag hintereinander in Folge vor sich hin wuchern. Und wir stellen fest, dass wir trotzdem und entgegen aller gedachten Wahrscheinlichkeit genauso geliebt werden wie blank rasiert.

2.    Wohlriechender Morgenmund

Sie/er schläft noch! Schnell ins Bad, Zähne putzen, zurück ins Bett und erst dann ein inniger Kuss. Oder zumindest irgendetwas Frisches in den Mund, das den, hm nennen wir es einmal nicht so angenehmen Geschmack und Geruch nach dem Aufwachen, vertreibt. Die Umschreibung „nicht so angenehm riechen“ ist dehnbar. Deshalb würden wir auch dafür töten, dieses der neuen Liebe zu ersparen. So nehmen wir die Mühsal auf uns, das warme Bett heimlich oder unter einem fadenscheinigen Vorwand zu verlassen, um uns anschließend mit einem besseren Geruch zu präsentieren. Als würde irgendjemand morgens mit einem Duft nach Minze aus dem Schlummer erwachen.... Und eines Tages wachen wir dann auch auf und merken, dass es uns egal ist, wie wir oder die/der andere riecht und uns einfach küssen.

3.    Die Trennung der Zahnbürsten

Wir sind so verliebt! Wir können die Finger nicht voneinander lassen und teilen am Liebsten alles miteinander. „Du hast Deine Zahnbürste vergessen? Ach, das macht doch gar nichts! Nimm einfach meine! Na los, trau dich, mir macht das nichts!“ Warum auch nicht, schließlich befinden sich unsere Münder und unsere Zungen ohnehin im Dauereinsatz. Und wo wir damit nicht schon überall waren! Da macht die Zahnbürste den Kohl auch nicht mehr fett. Aber das ändert sich irgendwann. Und dann wird ganz genau darauf geachtet, dass wir ja unsere eigene Zahnbürste benutzen. Denn irgendwann brauchen wir wieder etwas für uns. Und die Zahnbürste ist das erste Zeichen von Autonomie. „Hier, die habe ich dir mitgebracht. Hast jetzt deine eigene in meinem Bad.“

4.    Der erste Pups, der erste Rülpser

In den ersten Monaten scheinen wir frei zu sein von irdischen Gepflogenheiten:

•    Wir transpirieren nicht, abgesehen natürlich vom hemmungslosen und leidenschaftlichen Liebesspiel.
•    Und schon gar nicht riechen wir nach Schweiß. Wie auch, schließlich verbringen wir ja viel Zeit mit der Körperpflege.
•    Und natürlich geben wir keine Luft von uns, weder oben noch unten.

Aber in jeder Beziehung kommt der Moment, in dem uns ein Lüftchen entfleucht. Ups! Große Augen, Hand vor den Mund geschlagen, Gekicher und ein „Das macht doch gar nichts!“ von der anderen Seite. Vielleicht war es auch nur ein Muschipups, einer der entsteht, weil wir beim Sex mit jedem Stoß fröhlich Luft in die Vagina pumpen. Und die muss ja schließlich auch wieder heraus. Na, macht nichts. Aber jetzt entscheidet es sich, ob wir eine Beziehung mit oder ohne freie Körperäußerung führen möchten. Für die einen ist das ein Zeichen von Vertrauen. Und für die anderen schlichtweg schlechtes Benehmen.

5.    Tür zu!

Es gibt eine Tätigkeit, bei der nach meiner Erfahrung die meisten dann doch auf ihre uneingeschränkte Privatsphäre bestehen. Und das auch nach jahrelanger Beziehung. Es geht um das Entsorgen der leiblichen Genüsse. Zumindest bei denen, die unseren Körper in der festen Form verlassen. Bei Flüssigkeiten sind wir am Anfang auch lieber allein. Doch irgendwann warten wir nicht mehr, bis die Partnerin oder der Partner endlich mit dem Zähneputzen/ Rasieren/ Augenbrauenzupfen/ Make-Up-Auftragen beschäftigt ist, während wir schon die Beine zusammenkneifen. Dann stürmen wir einfach in das Badezimmer und lassen es fröhlich in der Toilettenschüssel gluckern.

6.    Heiße Dessous

Meistens wissen wir ganz genau, in welcher Unterwäsche wir am heißesten aussehen. Und so präsentieren wir uns auch am Liebsten damit. Zumindest am Anfang. Wohlgeformte Rundungen, knackiger Hinterteile. Unsere Liebste oder unser Liebster könnte meinen, dass unser Schrank bis oben hin gefüllt sei mit den exquisitesten und schönsten Wäschestücken. Vor lauter Wollust bemerken wir gar nicht, dass die Auswahl womöglich gar nicht so groß ist. Was ja auch nicht weiter schlimm wäre. Und dann irgendwann kommt der Moment, in dem wir doch wieder die ganz normale Wäsche herausholen, die verwaschenen Unterbüchsen, die praktischen BHs, die einfachen Baumwollunterhemden. Gemütlich und praktisch statt heiß und erotisch? Immerhin ist dann die Ansage klar, wenn wir uns in der heißen Wäsche zeigen: „Komm her und lass uns spielen!“

Yeah, endlich angekommen!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION